Mönckebergstraße

Trotz Knochenfunden: In der City soll weitergebaut werden

Archäologe Kay-Peter Suchowa mit menschlichen Überresten, die bei der Hauptkirche St. Petri zutage gefördert wurden.

Archäologe Kay-Peter Suchowa mit menschlichen Überresten, die bei der Hauptkirche St. Petri zutage gefördert wurden.

Foto: Sebastian Becht / Funke Foto Services

Archäologen melden aber Bedenken an. Die menschlichen Überreste sollen in der Hauptkirche St. Petri bestattet werden.

Hamburg. Sie sammeln die menschlichen Knochen auf und legen sie beiseite – dennoch gehen die Bauarbeiten weiter: Trotz des Fundes von Überresten eines Friedhofs und Leichen aus der Zeit zwischen dem 13. und 16 Jahrhundert soll die neue Weihnachtsbeleuchtung an der Mönckebergstraße wie geplant installiert werden. Mit einer Fertigstellung wird im kommenden Jahr gerechnet.

Das Archäologische Museum, bei dem auch die Hamburger Bodendenkmalpflege angesiedelt ist, zeigt Verständnis dafür. "In einer Großstadt lässt sich nicht vermeiden, dass es viele Bauarbeiten gibt, die auch den Bereich von Funden betreffen können", sagte die Sprecherin Beate Trede dem Abendblatt.

Zwar gebe es aus fachlicher Sicht eine klare Haltung. "Es liegt immer im Interesse von Archäologen, die Funde möglichst in der Erde zu belassen", so Trede. "Dieses hehre Ziel lässt sich in der Praxis aber selten erreichen". In dem aktuellen Fall oblag die Entscheidung der Kirchengemeinde St. Petri. Diese will die bei den Bauarbeiten gefundenen menschlichen Überreste nun in ihrer Krypta bestatten.

Teile der Innenstadt sind Schutzgebiet

Bereits vor dem aktuellen Fund hatten in Hamburg mehrmals Bauarbeiter zufällig historische Überreste von alten Friedhöfen entdeckt. Meist wird in diesen Fällen das betroffene Gebiet besonders vor weiteren Grabungen geschützt. "Das betrifft vor allem die Innenstadt", sagte Beate Trede. Auch auf der von der Mönckebergstraße abgewandten Seite des Grundstücks von St. Petri wurden solche Schutzbereiche eingerichtet. "Es wurde aber offenbar nicht für möglich gehalten, dass auf der anderen Seite noch Knochen liegen könnten", sagte eine Sprecherin des Bezirksamtes Mitte.

Zuletzt hatte es im Jahr 2012 einen spektakulären Fund von Skelettteilen in der Innenstadt gegeben: Bei Drainagearbeiten im Keller der Handelskammer am Adolphsplatz wurden damals Überreste des Klosters St. Maria Magdalenen aus dem 13. Jahrhundert entdeckt. Zwei Franziskanermönche waren dabei, als die Knochenteile und Pfahlfundamente des Klosters der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

Knochenteile lagen auch beim CCH und in Ottensen

Eine ähnliche Entdeckung machten Bauarbeiter im Jahr 2005 bei der Erweiterung des Kongresszentrums CCH an der Parkanlage Planten un Blomen. Die dort gefundenen Skelettteile stammen von dem alten Friedhof "Bei den Kirchhöfen", der um 1794 auf dem Gelände des heutigen Messegeländes und von Planten un Blomen eingerichtet wurde. Damals handelte es sich bei dem Fund um rund ein Dutzend Schädel sowie diverse Knochen.

Vor 27 Jahren sorgten Überreste eines Friedhofs zudem für eine Eskalation und Polizeieinsätze in Ottensen. Angefangen hatte die Krise mit dem Versuch, ein großes Gelände zwischen der Ottenser Hauptstraße und der Großen Rainstraße neu zu bebauen. Die Firma Büll & Liedtke hatte das Grundstück 1988 vom Hertie-Konzern erworben und wollte dort ein neues Einkaufszentrum und Wohnungen errichten. Das Investitionsvolumen lag bei rund 300 Millionen Euro. Nach der Abrissphase wurde festgestellt, dass sich im Boden die Reste des einstigen Jüdischen Friedhofs von Ottensen befanden – und der Kampf um diese historische Stätte begann.

Polizisten mussten orthodoxe Juden wegtragen

Vertreter der Jüdischen Gemeinde sahen die Totenruhe verletzt. Am 2. März 1992 kam es dann zur Eskalation: Einige Hundert Juden legten den Betrieb auf der Baustelle lahm und lieferten sich handgreifliche Auseinandersetzungen mit der Polizei. Einen Tag später verhängte das Bezirksamt Altona einen Baustopp.

Danach beschäftigte sich auch die Staatsanwaltschaft mit einer Anzeige wegen Grabschändung. Die Pläne für das Einkaufszentrum Mercado wurden erneut diskutiert, erst im folgenden Jahr konnten die Bauarbeiten anhand neuer Baupläne fortgesetzt werden.