Hamburg

Tourismus-Chef: Harley Days und Schlagermove müssen bleiben

Hamburgs Tourismus-Chef Michael Otremba im Oberhafenquartier.

Hamburgs Tourismus-Chef Michael Otremba im Oberhafenquartier.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Michael Otremba wirbt für den Erhalt von Großveranstaltungen in der Innenstadt. Es brauche aber mehr Nachhaltigkeit.

Hamburg wird bei Touristen immer beliebter. In diesem Jahr soll es erstmals mehr als 15 Millionen Übernachtungen geben. Dies wäre ein neuer Rekord. Im Abendblatt-Interview spricht Michael Otremba, Chef der Hamburg Tourismus GmbH, über die Bedeutung von Musicals, Großveranstaltungen sowie das Umwerben von internationalen Gästen im Zuge der Klimaschutzdebatte. Als Ort für das Gespräch hatte Otremba das Hobenköök gewählt, eine Mischung aus Restaurant und Markthalle in einer alten Lagerhalle im Oberhafenquartier.

Das Oberhafenquartier entwickelt sich zu einem hippen Viertel. Ist das die neue Seite von Hamburg, die Sie in alle Welt transportieren wollen?

Michael Otremba Wir wollen Hamburg nicht als Hipster-Stadt vermarkten. Aber gerade das Oberhafenquartier mit seinem rauen Charme und seiner Kreativszene zeigt doch, wie viele Facetten diese Stadt hat. Wir können Hochkultur in der Elbphilharmonie, haben die Party- und Clubmeile auf St. Pauli, den Hafen und eine Innenstadt mit einem großen Shoppingangebot. Dazu die Alster und viel Grün. Diese Kontraste kann München nicht bieten. Und all diese Facetten von Hamburg wollen wir herausstellen.

Gibt es Schwerpunkte, die Sie setzen wollen?

Wir arbeiten zum Beispiel gerade an einer Kulturtourismusstrategie. In diesem Bereich sehen wir noch ein großes Potenzial, und natürlich brauchen wir auch noch mehr hochwertige Anreize, die Reiseanlässe schaffen.

Veranstaltungen gibt es in Hamburg viele. Die meisten davon sind in der Innenstadt und das nervt den einen oder anderen Hamburger und die Geschäftswelt. Wie sehen Sie das?

Aus meiner Sicht gehören Großveranstaltungen wie ein Triathlon oder der Ironman an diesem Wochenende in die Innenstadt. Denn es sollen ja tolle Bilder aus Hamburg von diesen Ereignissen in die Welt transportiert werden. Und da ist es eben attraktiver, wenn die Sportler an der Alster entlanglaufen. Absurd ist es auch, darüber zu diskutieren, ob der Schlagermove vom Kiez verbannt werden soll. Dieses Event gehört da einfach hin. Es würde ja auch keiner auf die Idee kommen, zu sagen, die Cruise Days sollen nicht mehr im Hafen stattfinden.

Der Vertrag zwischen dem Großmarkt Hamburg und den Veranstaltern der Harley Days läuft im nächsten Jahr aus. Es gibt eine Diskussion darüber, ob es dieses Event überhaupt künftig noch geben soll.

Die Harley Days gehören mit geschätzten 600.000 Fans zu den größten Motorradtreffen in Europa. Diese Veranstaltung ist ein echter Reiseanlass für Besucher aus dem In- und Ausland, davon profitieren Einzelhandel und Gastgewerbe ungemein. Die Harley Days haben somit durchaus eine Bedeutung für Hamburg und sollten auf jeden Fall weiterhin hier stattfinden. Und der Großmarkt ist doch eine ideale Fläche.

Hamburgs Tourismus-Chef will umstrittene Großveranstaltungen wie die Harley Days und den Schlagermove erhalten. Zu recht?

Wie zeitgemäß sind Musicals noch?

Die Musicals ziehen viele Besucher an und sind gut für das Image der Stadt als Europas Musicalhauptstadt. Damit sie allerdings als Reiseanlass wahrgenommen werden, müssen sie sich etablieren und lange Laufzeiten haben, so wie der „König der Löwen“. Wenn ein Musical nach einem halben Jahr wieder abgesetzt wird, ist es schwer zu vermarkten und kaum wahrgenommen. Ein echter Gewinn für Hamburg ist, dass das Mehr! Theater auf dem Großmarktgelände im kommenden Jahr „Harry Potter“ als Theaterstück auf die Bühne bringt. „Harry Potter“ hat eine Fangemeinde von rund 1,4 Millionen Fans. Und für die ist diese Produktion ein Anlass, um nach Hamburg zu kommen.

Aber warum gibt es keine Kooperation zwischen Hamburg Tourismus und der Mehr-BB Entertainment für die „Harry Potter“-Produktion? Auch der Vertrag für den Ticketverkauf für die Stage Entertainment Musicals ist ausgelaufen.

Natürlich sind wir an einer Kooperation interessiert, und dazu werden Gespräche geführt. Mit der Stage Entertainment haben wir vor Kurzem einen Vertrag abgeschlossen, in dem auch der Verkauf von Tickets enthalten ist.

Der Anteil der Touristen aus dem Ausland liegt bei rund 25 Prozent. Es sind vor allem Dänen, Österreicher, Schweizer und Engländer, die sich für Hamburg begeistern. Wie sieht es mit der Nachfrage internationaler Gäste aus?

Wir wünschen uns natürlich einen noch höheren Anteil ausländischer Gäste, aber Hamburg hat auch schon viel erreicht. Aus den USA verzeichnen wir heute 90 Prozent mehr Übernachtungen als 2008, im vergangenen Jahr waren es rund 250.000. Aus China haben sie sich seither mehr als verdoppelt auf rund 95.000. Und das, obwohl die Rahmenbedingungen nicht einfach sind, da wir beispielsweise keine Direktflugverbindungen in die USA oder nach Asien haben. Die internationalen Gäste schauen sich auf der Landkarte an, wo attraktive Städte liegen, die sie direkt und ohne zweimal umzusteigen erreichen können. Aber es gibt für mich in diesem Zusammenhang noch einen anderen Aspekt, über den man diskutieren sollte. Wie gehen wir in Zeiten, wo wir eine Klimaschutz-Debatte führen und über höhere Flugpreise diskutiert wird, mit dem Umwerben von internationalen Gästen um? Wie können wir als Reisebranche Wachstum gestalten und dennoch den ökologischen Fußabdruck eines jeden Gastes reduzieren? Wir brauchen darauf Antworten, um die Zukunftsfähigkeit der Branche zu erhalten.

Hamburg hat sich auch dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben. Was bedeutet das konkret?

Grundlage ist eine Nachhaltigkeitsstrategie der HHT, die auch vom aktuellen Senat mitgetragen wird. Es gibt schon viele Initiativen und Angebote, wir wollen sie noch sichtbarer machen, damit sie auch genutzt werden. Auf unserer neuen Internetseite haben wir eine eigene Rubrik „Hamburg nachhaltig erleben“. Dort werden zum Beispiel Ausflugsziele in und um Hamburg vorgestellt und auch Geschäfte und Restaurants, die sich dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben haben. Es wird sogar bald eine Hamburg Card geben, die nur nachhaltige Angebote beinhaltet. Aber auch die soziale Nachhaltigkeit ist uns wichtig, indem wir Barrierefreiheit fördern, bisher weniger bekannte Stadtteile in den Mittelpunkt der Kommunikation stellen und uns mit der Perspektive der Hamburger auseinandersetzen.

In diesem Jahr wird die 15-Millionen-Marke bei den Übernachtungen geknackt werden. Es wird immer mal wieder darüber diskutiert, wie viele Touristen Hamburg noch vertragen kann. Wird es langsam zu viel?

Nein. Wir haben in Hamburg definitiv kein Overtourism. Und auch wenn die Prognosen – wir gehen 2025 von 18 bis 21 Mio. Übernachtungen aus – eintreffen sollten, werden wir keinen Overtourism haben. Trotzdem arbeiten wir nach wie vor daran, Gäste auch für andere Orte außerhalb der Innenstadt zu begeistern.

Welche Orte meinen Sie?

Das sind Harburg und Bergedorf, um zwei Beispiele zu nennen. Wir werben mit gezielten Kampagnen für diese Destinationen. Aber eines ist auch klar. Für eine spürbarere Entwicklung wären weitere Attraktionen hilfreich.

Allein in diesem Jahr sollen insgesamt rund 2000 neue Hotelzimmer entstehen, es eröffnet ein Haus nach dem anderen. Der Dehoga sieht diese Entwicklung kritisch.

Ich sehe das anders. Neue Hotelkonzepte fördern das Wachstum, da sie mit einem neuen Produkt und der eigenen Vermarktungsleistung für zusätzliche Nachfrage sorgen. Wir sehen uns aber auch in der Verantwortung, einen guten Job zu machen, damit das Angebot auch auf eine entsprechende Nachfrage stößt. Um das zu erreichen, haben wir damit begonnen, die HHT neu aufzustellen, und auf diesem Weg schon wichtige Meilensteine erreicht.

In Hammerbrook entsteht ein Kettenhotel nach dem anderen. Ist das die Zukunft?

Individuelle Konzepte haben ihren Reiz, aber natürlich erreichen auch die Budget- und Businesshotels wichtige Zielgruppen. Ich bin aber ein Befürworter davon, dass wir uns die Kriterien zur Vergabe von Flächen für Hotelprojekte genauer anschauen. Wir brauchen Hotels, die mit ihrem Angebot auch ein Treffpunkt für die Hamburger sind und nicht nur ein Ort zum Übernachten. Da gibt es schon viele tolle Häuser, und um zu zeigen, wie attraktiv die Hotellandschaft ist, wird es im November die Aktion „Deine Stadt. Deine Hotels“ geben. Da können die Hamburger zu Sonderpreisen in der eigenen Stadt übernachten und einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Was fehlt Hamburg?

Hamburg schafft aktuell die Infrastruktur, um noch häufiger Gastgeber von bedeutenden Kongressen und Tagungen zu sein. Bisher fehlt uns das, um international eine bedeutende Rolle zu spielen. Dass Hamburg das kann, haben wir bei der Rotary International Convention im Juni bewiesen. Da waren mehr als 25.000 Menschen aus 170 Ländern zu Gast und begeistert.

Hamburg Tourismus wirbt demnächst in Tel Aviv für die Stadt.

In Tel Aviv wird die Hamburg Invest der dortigen Start-up-Szene Hamburg als interessanten Standort vorstellen. Wir wollen Start-up-Unternehmen dafür gewinnen, hier zu investieren oder sich anzusiedeln. Und kommen wir auf den Anfang unseres Gesprächs zurück: Das Oberhafenquartier wäre sicherlich eine spannende Umgebung dafür.