Hamburg

Auf St. Pauli die harte Schule der Kaiserzeit erleben

Die Klasse 4a aus Salzhausen besucht das Hamburger Schulmuseum und wird von "Lehrer" Peter Barske in die Kaiserzeit versetzt

Die Klasse 4a aus Salzhausen besucht das Hamburger Schulmuseum und wird von "Lehrer" Peter Barske in die Kaiserzeit versetzt

Foto: Roland Magunia

Im Schulmuseum auf St. Pauli können Klassen realistisch nachempfinden, wie der Unterricht vor 150 Jahren funktionierte.

Hamburg.  Im Takt schlägt der Lehrer den Stock auf die Holztische und geht dabei an den Bankreihen aus dunklem Holz vorbei. Ganz brav, mit den Händen auf den Tischen und geradem Rücken, sitzen die Schüler in den sieben Reihen. Auf dem Stundenplan steht heute das kleine „i“ in altdeutscher Schrift. „Rauf, runter, rauf, Pünktchen oben drauf!“, ruft der Lehrer, und die Schüler schreiben mit Griffeln den Buchstaben auf kleine Schiefertafeln.

Dieser Lehrer trägt einen schwarzen Kittel und ist streng. Strenger, als es Lehrer sind, die heute aus den Ferien an die Hamburger Schulen zurückkehren. Und die Klasse 4a ist anders als Grundschüler, die womöglich gerade eine Woche auf Mallorca waren: Die Mädchen tragen alle Röcke, die Jungs sind ganz brav angezogen. Denn sie sind heute in die Rolle von Schülern aus der wilhelminischen Kaiserzeit geschlüpft, und Peter Baske spielt ihren strengen Lehrer hier im Hamburger Schulmuseum.

Möbel aus der Zeit zwischen 1871 und 1918

Das Klassenzimmer im ersten Stock des Schulmuseums auf St. Pauli ist altmodisch eingerichtet, mit den Originalmöbeln aus der Zeit zwischen 1871 und 1918. Seinerzeit saßen die Schüler in Bankreihen wie in der Kirche, vor ihnen waren kleine Tische zum Ausklappen. Die Bänke waren hart und unbequem, vor allem weil die Schüler anders als heute still sitzen mussten und sich nicht zwischendurch in der Klasse bewegen durften.

Bei diesem historischem Unterrichtsspiel ist es wie in einem Theaterstück: Carlotta, Carl, Franka und ihre Mitschüler spielen eine Stunde lang eine Rolle und lernen so, wie Schule früher war. Ihre richtige Klassenlehrerin, Frau Gallo-Pahl, darf jetzt nur zugucken. Denn heute unterrichtet der strenge Lehrer Baske die Klasse 4a der Grundschule Salzhausen.

Schüler tragen Schürzen und blaue Kragen

Schon morgens hatten sich alle anders angezogen und sich ein bisschen so gekleidet wie die Mädchen und Jungen damals. Das heißt auch: Die Mädchen haben ihre langen Haare zu Zöpfen geflochten oder zu kleinen Schnecken frisiert, während die Jungs kurze Hosen anhaben, manche wie Carl tragen auch Hosenträger, andere Frisuren mit Seitenscheitel.

Zu dem historischen Unterricht gehört, dass die Mädchen blau-weiß karierte Schürzen anziehen und die Jungs blaue Kragen haben wie bei einem Ma­trosen. Außerdem bekommen sie altmodische Namen, die manchmal gar nicht mehr so altmodisch sind: Aus Franka wird Hilde, aus Carl Oskar, außerdem gibt es eine Elisabeth, Auguste, eine Anna, Martha, einen Rudolf, Josef, einen Emil oder einen Theodor.

Im Raum hängt ein Porträt des Kaisers

Den Lehrer nennen die Kinder nur „Herr Lehrer“, und dieser macht gleich zu Beginn der Stunde klar, dass hier strenge Regeln gelten: „Gerade stehen, schaut auf unseren geliebten Kaiser, niemand spricht, niemand lacht!“, sagt der Lehrer im zackigen Befehlston. So wie Hunde bellen, bellt auch er seine Anweisungen in den Raum. Hinter dem Lehrerpult hängt das Porträt von Kaiser Wilhelm II. Ordnung, Fleiß und Disziplin galten mehr als die persönliche freie Entfaltung. Der Unterricht unterlag strengen Ritualen.

Zucht und Ordnung, Befehl und Gehorsam – darum ging es damals. Die Erwachsenen wünschten sich gottes- und obrigkeitsfürchtige Menschen. Die Jungs sollten später gute Soldaten werden, die Mädchen ordentliche Hausfrauen. Deshalb durften auch nur die Jungs am Sportunterricht teilnehmen, während die Mädchen in der Zeit in den Handarbeitsunterricht gingen.

Engländer und Franzosen sind "Feinde"

Zu Beginn des Unterrichts müssen die Kinder zur Melodie von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ ein Lied über die Sauberkeit singen. „Frisch gewaschen und gekämmt, Hals, Gesicht und auch die Hand. Willst du dir das Näschen putzen, darfst du nicht die Hand benutzen“, singen sie. Bakterien, sagt der Lehrer, sind die Feinde. „Genau wie die Engländer und Franzosen unsere Feinde sind. Erinnert euch an Amalia, eine Klassenkameradin, die im zarten Alter von acht Jahren an Tuberkulose gestorben ist.“

Und dann bellt der Lehrer wieder: „Haltung annehmen! Rücken gerade! Blick auf den Kaiser gerichtet. So steht ein deutscher Schüler – merkt euch das.“ Dabei schlägt er mit seinem Rohrstock immer wieder auf die Tische. Das ist ziemlich laut. Erst wenn der Lehrer „Setzt euch“, sagt, dürfen die Schüler in den Bankreihen Platz nehmen. „Deutsche Kinder brauchen keine Rückenlehne, Emma!“, ruft er.

Die Schüler tauchen tief in das Spiel ein

Den Anweisungen der Lehrer mussten die Jungen und Mädchen damals unbedingt folgen, und wer nicht gehorchte, wurde mit dem Rohrstock geschlagen. Natürlich nicht in dieser Unterrichtsstunde, die ein Spiel ist und die Kinder in diese früheren Zeiten führen soll. Tatsächlich tauchen die Schüler alle tief ein und benehmen sich wirklich so, wie das früher erwartet wurde. Manche machen einen ganz verschüchterten Eindruck.

In der historischen Unterrichtsstunde lernen die Schüler, wie es ist, autoritär erzogen zu werden. Carlotta, 10, hat danach vor Anstrengung ganz rote Wangen. „Die Kinder haben damals Schläge bekommen, die höchste Anzahl an Schlägen war sieben“, das hat sie am meisten beschäftigt. Die Lehrer, sagt Franka, durften eben alles mit ihren Schülern machen, was sie wollten. „Ich glaube nicht, dass die Kinder dadurch artiger waren, die hatten aber Angst vor den Lehrern.“