Hamburg

Zwei gegen den Rest der Welt

Taki Papaconstantinou inszeniert eine kluge Version von Erich Kästners Klassiker „Das doppelte Lottchen“ am Jungen Schauspielhaus

Hamburg. Wirklich identisch sehen sie nicht aus, obwohl Lotte und Luise gleiche Blusen, Hosen, grellfarbenen Socken und rote Schuhe tragen. Aber Luise, gespielt von Florence Adjidome, ist schwarz, während Sophia Vogels Lotte weiß und blond ist. Dennoch stellen die beiden Elfjährigen im Ferienlager in Seebühl am Bühlsee fest, dass sie, obwohl die eine mit dem Vater und die andere bei der alleinerziehenden Mutter aufwächst, zusammengehören – als Zwillinge, die getrennt wurden.

Erich Kästners Klassiker „Das doppelte Lottchen“ wirkt in der klugen Inszenierung von Taki Papaconstantinou (für Kinder ab sieben Jahren) im Jungen Schauspielhaus absolut zeitlos. Dabei hat Kästner ihn bereits 1949 verfasst, und der Nachkriegsmief ist da durchaus zwischen den Zeilen zu lesen – aber auch die Revolte dagegen. Schließlich geht es um damalige Tabus wie Trennung, Scheidung, das Leben mit nur einem Elternteil und – man staune – arbeitende Frauen.

Die Regisseurin hat selbst ein starkes Kondensat aus dem Stoff entwickelt und lässt ihre formidablen Schauspielerinnen die Geschichte nicht nur spielen, sondern auch kommentieren. Florence Adjidome begeistert einmal mehr als wilde Luise. Einfach großartig, wie sie sich grimassierend in eine hechelnde Bulldogge, eine streng bebrillte Lehrerin und den Vater als breitbeinigen Großstadtcowboy verwandelt.

Sophia Vogel steht dem in nichts nach. Sie brilliert als Fleischersfrau mit bajuwarischem Dialekt, als hektische Mutter oder neurotische Lehrerin. Und ein paar launige Lieder singen die beiden auch noch. Schließlich gilt es, das junge Publikum bei der Stange zu halten, Bühnenbildnerin Katrin Plötzky hat eine ganze Kleinstadt auf die Bühne des Jungen Schauspielhauses gezaubert. Mit schiefwinkligen Häusern, kleinen Fenstern und einer Kommode, die mal als Küche, als Bett oder als Schornstein dient. Sie erinnert eher an München, wo die brave, strebsame Lotte als Tochter einer hektischen Journalistin aufwächst, als an Berlin, wo Luise von ihrem musizierend durch Clubs tingelnden Rockstar-Vater mehr schlecht als recht durchgebracht wird.

Nach der Entdeckung steht für die beiden wiedergefundenen Zwillingsmädchen fest, einfach weitermachen geht nicht. Und so füllen sie dicke Notizhefte mit Eigenschaften, Räumlichkeiten und Gewohnheiten der jeweils anderen und lassen sich auf das Abenteuer ein, ins Leben der Schwester zurückzukehren, was natürlich Probleme mit sich bringt.

Bei allem Ernst der Lage, dem Verrat durch die Eltern, die Adjidome und Vogel mit Bilderrahmen vor dem Gesicht verkörpern, bei aller Unklarheit über die eigene Identität, findet die Inszenierung doch zu schwebender Leichtigkeit. Die Verschiedenheiten zwischen den Zwillingen mögen klischeehaft daherkommen, die Darstellerinnen füllen sie aber mit so viel Leben, Tempo, Kampfgeist, Zusammenhalt und Humor, dass es eine wahre Freude ist. Folgerichtig setzt Papaconstaninou nicht auf ein filmreifes Ende. Der Ausgang bleibt offen und der Rest der Fantasie der Zuschauer überlassen. Eines aber steht fest, zusammen überwindet man lügende Erzeuger, schwierige Lehrer und doofe Mitschüler.

„Das doppelte Lottchen“, nächste Vorstellungen 1. bis 3.6., jew. 10.30, Junges Schauspielhaus, Gaußstraße 190, Karten zu 13 Euro unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de