Olympia 2024

Hafenbetriebe zwischen Hoffen und Bangen

Magdalena Meyerdierks vor ihrem Imbiss „Zum lütten Foffteiner“ am Kleinen Grasbrook

Magdalena Meyerdierks vor ihrem Imbiss „Zum lütten Foffteiner“ am Kleinen Grasbrook

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Zahlreiche Firmen müssten für Olympia am Kleinen Grasbrook weichen. Es gibt große Erwartungen, aber auch Sorgen wegen der Kosten.

Kleiner Grasbrook. Martin Kopp

Gleich vorne links auf dem Kleinen Grasbrook an der Dessauer Straße steht der urige Kiosk von Magdalena Meierdirks, 50. „Zum Lütten Foffteiner“ heißt ihr Imbiss. Hier treffen sich zur Fünfzehn-Minuten-Pause Hafenarbeiter, LKW-Fahrer und Leute aus den umliegenden Büros. Der „Hafenteller“ mit Wurst und Frikadelle, Krautsalat und Pommes kostet sieben Euro. „Wenn man mir den Platz wegnimmt, bricht man mir das Genick“, sagt Magdalena Meierdirks. Seit 16 Jahren gibt es bei ihr Kaffee und Klönschnack ab morgens um sechs.

Der Kleine Grasbrook war mal eine Viehweide. Das ist 500 Jahre her. Vor rund 200 Jahren wurde daraus ein reines Hafengebiet. Ein riesiger Umschlagplatz mit viel Elbwasser drumherum für Güter aller Art: Früchte, Maschinen, Autos. In Hülle und Fülle.

Jetzt greift die Stadt nach dem rund 90 Hektar großen Areal. Wo am O’Swaldkai pro Jahr rund 700.000 Tonnen Bananen importiert und 120.000 PKW umgeschlagen werden, soll Olympic City entstehen. Olympiastadion und Schwimmstadion, 8000 Wohnungen, 7000 Arbeitsplätze, ein großer Park. Ein neuer Stadtteil, komplett barrierefrei. Mit der Folge, dass rund ein Dutzend Firmen und ihre 1000 Mitarbeiter weichen müssen.

In der Hafenwirtschaft hatte das zunächst für einen Aufstand gesorgt. Der Repräsentant der Betriebe, der Unternehmensverband Hafen Hamburg (UVHH) stellte der Stadt sogar ein Ultimatum. Schließlich geht es um Ausweichflächen und um sehr viel Geld. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt: „Was die Rahmenbedingungen eines Umzugs betrifft, befinden sich die Gespräche zwischen Hafenwirtschaft und Senat auf der Zielgeraden“, sagt Gunther Bonz, Präsident des UVHH. Doch was bedeutet das für die Einzelnen Firmen?

Verlässt man den Imbiss, ragt weithin sichtbar das Frucht- und Kühlzentrum über den O’Swaldkai. Für rund 100 Millionen Euro hat die HHLA seit 2006 das Gebäude modernisiert. Was sagt das städtische Unternehmen zum geplanten Umzug? Was halten die Mitarbeiter von Olympia in Hamburg? „Wir begrüßen und unterstützen die Bewerbung der Stadt um die Olympischen Spiele“, sagt Karl Olaf Petters, Pressesprecher der HHLA. „Über die erforderlichen Ersatzflächen für unsere auf dem Kleinen Grasbrook angesiedelten Unternehmen führen wir weiterhin Gespräche mit der Stadt. Besonders wichtig ist, dass der angebotenen Ersatz für die jetzt genutzten Flächen über eine entsprechende nautische Erreichbarkeit verfügt.“

Kosten: Knapp 190 Millionen Euro

Bisher ist geplant, dass die betroffenen Firmen vom Kleinen Grasbrook zum „mittleren Freihafen“ im Stadtteil Steinwerder umziehen sollen. „Dieses Gebiet bietet die Möglichkeit, durch den Rückbau alter Kaianlagen und durch die Verfüllung von Hafenbecken Landflächen zu schaffen“, heißt es bei der Stadt. „Und wasserseitig wäre ein Drehbereich für Großschiffe möglich.“

Was das kostet? Nach den bisherigen Planungen werden für Unikai für den Neubau von Hallen, Bürogebäuden, Parkhäusern und Serviceeinrichtungen knapp 190 Millionen Euro veranschlagt. Kosten für ein neues Frucht- und Kühlzentrum der HHLA: 80 Millionen Euro. Für den Umzug der Betriebe der Hamburg Port Authority (HPA) – Rechenzentrum, Nautische Notzentrale, schwimmende Anlagen, technischer Betrieb – fallen 182 Millionen Euro an. Weitere Verlagerungen von Liegeplätzen und Hafenanlagen sowie Kosten für die Programmsteuerung belaufen sich auf rund 350 Millionen Euro. Dazu kommt die Entwicklung des mittleren Freihafens mit 509 Millionen Euro. Gesamtkosten: 1,3 Milliarden Euro. UVHH-Präsident Gunther Bonz ist da skeptisch: „Nach unseren Schätzungen kostet das eher 1,8 bis 2 Milliarden Euro.“ Und der Verband habe Sorge wer diese Summe letztlich übernimmt. „Das Geld muss aus dem Haushalt kommen, es darf den Hafen nicht belasten“, so Bonz.

Am Saalehafen in der Dessauer Straße, schräg gegenüber vom Kult-Imbiss, befindet sich einer der ältesten Speicher Hamburgs, das Lagerhaus G. Im Zweiten Weltkrieg diente der Speicher als Außenlager des KZ Neuengamme. Dort wurden 1944 von Juli bis September bis zu 1500 jüdische Frauen aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei als Zwangsarbeiterinnen für die Hafenbetriebe untergebracht. Im Oktober kamen 1500 männliche Häftlinge in den Speicher. Noch heute finden sich in den nahezu unveränderten Innenräumen Einritzungen der Häftlinge. 1988 wurde das Lagerhaus G unter Denkmalschutz gestellt.

Photovoltaikanlagen für den Libanon, Spielzeug und Bilderrahmen aus China für Tschechien

Lothar Lukas, 64, kommt in einem Gabelstapler angefahren. Er leitet die Geschäfte der LGLagerhaus. Vier Firmen haben hier ihre Räume. „In drei Etagen sind auf 24.000 Quadratmetern Büros und vor allem riesige Lagerflächen verteilt“, sagt er und führt bei einem Rundgang durch die Hallen.

Die unterschiedlichsten Güter warten hier auf den Weitertransport: Photovoltaikanlagen für den Libanon, Spielzeug und Bilderrahmen aus China für Tschechien. Medizinische Geräte und Strümpfe, Jim Beam aus den USA und Tequila aus Mexiko. Alles in Kartons verpackt und auf Europaletten meterhoch gestapelt, einzeln gekennzeichnet mit Artikel-, Container- und Kundennummern. 1997 ist Lothar Lukas hier eingezogen. „Der Mietvertrag wurde auf 30 Jahre geschlossen.“ Was ist, wenn er wegen Olympia umziehen muss? „Mit uns hat noch keiner geredet“, sagt er. Er könne sich nicht vorstellen, mit seinem Unternehmen hier wegzuziehen. Der historische Backsteinbau sorge im Sommer und im Winter für ideale Lager-Temperaturen.

Rechts vorbei am O’Swaldkai geht es zum EDEKA Fruchtkontor. Hier werden pro Woche alleine 250.000 Kisten Bananen durchgeschleust. 60 Mitarbeiter sind bei der Supermarktkette auf dem Kleinen Grasbrook beschäftigt. Zur Zukunft und zu einem möglichen Umzug gibt man sich wortkarg. „Die EDEKA-Zentrale unterstützt als Partner die Bewerbung Hamburgs für die Spiele 2024“, heißt es. „Eine einvernehmliche Lösung für unseren Standort ist gewährleistet.“

Marianne Meierdirks hat überhaupt nichts gegen Olympische Spiele in Hamburg. Im Gegenteil. „Eigentlich bin ich dafür.“ Sie ist sich sicher, dass trotz der hohen Kosten „am Ende mehr für die Stadt und die Wirtschaft, also für die Menschen in Hamburg herausspringen wird“. Und sie hätte nichts dagegen, wenn sie in neun Jahren ihren von der HHLA gepachteten Standort für den Kiosk auf dem Kleinen Grasbrook behalten könnte. „Am besten direkt vor dem Olympiastadion“, sagt sie.