Hamburger Kunstverein

26.000 Tage danach – Gedenken an die Blockade Leningrads

Bomben, Granaten und vor allem Hunger: Künstler aus Deutschland und Russland entwerfen Pläne für eine neue Erinnerungsstätte in Hamburg

Hamburg.  Hamburgs Städtepartnerschaft mit St. Petersburg wird bald 60 Jahre alt – aber über die Blockade der damals Leningrad heißenden Stadt im Zweiten Weltkrieg ist in Deutschland nur wenig bekannt. Das wollen 17 junge Künstler aus den beiden Städten und Moskau ändern. Auf Initiative des Goethe-Instituts in der russischen Hauptstadt haben sie sich 2014 zu einem Workshop in St. Petersburg getroffen. Anschließend erarbeiteten sie Entwürfe für eine Erinnerungsstätte an die fast 900 Tage währende Abriegelung Leningrads durch deutsche Truppen.

Während der Blockade kamen nach Schätzungen zwischen 700.000 und 1,2 Millionen Menschen ums Leben, die meisten von ihnen Zivilisten. Sie starben bei Bombenangriffen, durch Artilleriebeschuss und vor allem Hunger. Die von der Wehrmacht und finnischen Truppen eingeschlossene Stadt verfügte nur über einen prekären Zugang zum Ufer des Ladogasees, über den aber nur wenig Nachschub kam.

Der Kampf um Leningrad als Ausgangspunkt der Russischen Revolution und „Hauptstadt des Bolschewismus“ habe für Hitler einen hohen Symbolwert gehabt, erklärte die Historikerin Sabine Bamberger-Stemmann von der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung. Die Ostfront sei ab 1941 aber so „überdehnt“ gewesen, dass die Wehrmacht die Stadt nicht erstürmen konnte. Die Hunger-Tragödie in Folge der Belagerung bleibe in ihren Ausmaßen nahezu unvorstellbar, erläuterten die Organisatoren der Ausstellung. Die Blockade zähle neben dem Holocaust zu den größten Verbrechen in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

In der deutschen Öffentlichkeit sei wenig Wissen darüber vorhanden, sagte die Leiterin der Kulturprogramme am Moskauer Goethe-Institut, Astrid Wege. Daraus sei die Grundidee entstanden, sich mit der Erinnerungskultur in beiden Ländern auseinanderzusetzen. Kunst-Professoren von drei Hochschulen in Moskau, St. Petersburg und Hamburg hätten Studenten eingeladen, Entwürfe für ein Memorial zu erarbeiten.

Die in Texten, Broschüren und Videos festgehaltenen Ideen sollen nun – gut 26.000 Tage nach der Blockade – zuerst im Hamburger Kunstverein gezeigt werden. Die Landeszentrale für politische Bildung begleitet die Ausstellung mit Vorträgen, Diskussionen und Filmvorführungen. „...es hätte nur ein Stückchen Brot gebraucht“ - so heißt der Eröffnungsvortrag, den die Historikerin Ekaterina Makhotina aus München am Donnerstag halten wird. Ob die Ideen der Künstler irgendwann in ein neues Denkmal in Hamburg münden? „Wir können nur Denkanstöße geben“, sagt Wege.

In St. Petersburg gibt es seit 1960 ein großes Denkmal auf dem Friedhof Piskarjowskoje. Erst im September legte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) dort einen Kranz nieder, um an die Toten des Zweiten Weltkriegs und der Blockade zu erinnern.