Neustadt

"Kurze Ecke": Urgestein der Kneipenlandschaft verschwindet

Ende September zieht sich Inhaberin Helga Jahnke aus dem Berufsleben zurück. Einen Nachfolger wird es nicht geben.

Hamburg. Es riecht nach Rauch, norddeutscher Tonfall hallt durch den Raum. Karten- und Würfelspiele, blinkende Spielautomaten, Theken-Talk, Wimpel und Trophäen an der Wand. Alltag in der "Kurzen Ecke", einer typischen Eckkneipe in der Hamburger Neustadt. Seit über 60 Jahren Treffpunkt für Rentner, Frührentner, Junggesellen, und der "Drei-Tage-Millionäre", wie Inhaberin Helga Jahnke ihre vom Leben gezeichneten Kunden bezeichnet, die ihr Geld in den ersten Tagen eines jeden Monats ausschweifend in Bier und Schnaps investieren, bis es zur Neige geht.

Doch alle diese Stammgäste werden sich ab Oktober ein neues Zuhause suchen müssen, denn Jahnke kann nicht mehr. Mit ihren 71 Jahren fühlt sie sich zu alt für den anstrengenden Job, zudem steht es um ihre Gesundheit nicht mehr zum Besten. Seit 1981 arbeitet sie hinter dem Tresen, schmeißt den Job nach der Trennung von ihrem Mann seit 1988 alleine mit zwei Aushilfen. Zuletzt sei es auch immer schwieriger geworden, den Laden finanziell über Wasser zu halten. "Viele der Stammkunden sind im Laufe der Jahre gestorben, und für die jungen Leute ist so eine Kneipe ja nichts mehr", sagt Jahnke.

Ganz früher, in den 60ern, sei die Gaststätte ein Treffpunkt für Kommunisten gewesen, erinnert sich Jahnke. Damals hieß sie noch "Botels Eck". Später dann wurde die Kneipe Zufluchtsort für Hafenarbeiter jeglicher Couleur, "Festmacher, Schauerleute und Pansenklopper", sagt die Wirtin. 2000 Euro kalt bezahlte sie zuletzt für die Kneipe und die kleine Wohnung im ersten Stock. Zuviel, um weiter wirtschaftlich zu arbeiten. Zuletzt setzte ihr das Nichtrauchergesetz zu: In der "Kurzen Ecke" darf zwar immer noch gequalmt werden, doch nun darf Jahnke keine Frikadellen mehr verkaufen. Und das schmerzt, vor allem ihre Stammkunden.

Jahnke hätte die Immobilie kaufen können, doch wozu, sie hat keine Kinder, die damit etwas anfangen könnten. Ein Nachfolger, der die Kneipe weiterbetreibt, ließ sich nicht finden. "Orte wie die Kurze Ecke passen einfach nicht mehr ins Stadtbild", hat die Wirtin erkannt. Recht hat sie: Die Zahl der sogenannten Schankwirtschaften in Hamburg hat sich innerhalb von zehn Jahren fast halbiert, von 1483 im Jahr 2002 auf 773 im Jahr 2012. Der alte, gemütliche Charme einer Eckkneipe hat offenbar ausgedient.

HIER SEHEN SIE EINEN AUSSCHNITT AUS EINEM DOKUMENTARFILM ÜBER DIE "KURZE ECKE" AUS DEM JAHR 2013