Elbvororte

Anwohner kämpfen gegen die geplante Fernwärmetrasse

Zu den Anwohnern, die sich gegen die Trasse formiert haben, gehören Birthe Henk (v. l.), Ariane Hemker und Heinz-Peter Schultz.

Zu den Anwohnern, die sich gegen die Trasse formiert haben, gehören Birthe Henk (v. l.), Ariane Hemker und Heinz-Peter Schultz.

Foto: Michael Rauhe

Die Kritiker fürchten Verkehrschaos, Baumsterben und eine „Verschleuderung“ von Steuergeld. Sie formieren sich zum Protest.

Hamburg. In Othmarschen, Groß Flottbek und Osdorf wächst der Protest gegen die geplante Fernwärmetrasse. Sie soll, wie berichtet, nach dem Willen von Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) als gemeinsames Projekt von Umweltbehörde und Vattenfall unter der Elbe hindurch nach Norden verlegt werden. Ab Höhe Hindenburgpark soll sie dann auf der Strecke Parkstraße, Groß Flottbeker Straße, Am Hünengrab unterirdisch verlaufen, um schließlich an der Luruper Chaussee an die Hauptleitung angeschlossen zu werden.

Anwohner der Elbvororte protestieren: „Keine Elbtrasse!“

Immer mehr Anwohner der betroffenen Straßen hängen oder stellen Schilder mit der Aufschrift „Keine Elbtrasse!“ in ihre Vorgärten. Vom Anfang der Park- bis zur Waitzstraße ist die Anzahl auf mindestens 50 gestiegen, in der Straße Am Hünengrab sind Schilder vor fast jedem dritten Haus zu sehen. Die Anwohner sehen massive Einschränkungen im Alltag auf sich zukommen, über die sich die verantwortlichen Politiker aus ihrer Sicht nicht wirklich im Klaren seien.

Da ist zunächst die Furcht vor einem jahrelangen Verkehrschaos auf der viel genutzten Achse. Ariane Hemker aus Groß Flottbek hat Planungsunterlagen eingesehen und die Zeitschiene für die anstehenden Arbeiten verglichen. „Alleine für den Abschnitt von der Kreuzung Müllenhoffweg bis zur Flottbeker Kirche sind 63 Wochen veranschlagt“, sagt sie, „dabei ist das nur ein Abschnitt von rund 390 Metern.“

Verkehrschaos und Baumsterben durch Fernwärmetrasse

Angeblich seien die Zufahrten zu den Häusern entlang der betroffenen Straßen während der Bauarbeiten laut Behördeninfo jederzeit möglich – viele vor Ort glauben nicht daran. Hinzu kommt, dass in der Gegend, wie berichtet, schon in diesem Jahr weitere Großprojekte anlaufen. Neben der Überdeckelung der A 7 sind es vor allem die Umgestaltung der Elbchaussee und der Ausbau der Veloroute 1 von Ost nach West. Sie führt auch durch die Jungmannstraße, die auf die Parkstraße trifft. „Da läuft ein riesiges Verkehrschaos auf unsere Gegend zu“, warnt Heinz-Peter Schultz. „Auch die vielen radelnden Schulkinder sind massiv gefährdet.“

Die Anwohner sehen auch den Bestand der zahlreichen alten Bäume, die zum Teil direkt am Straßenrand stehen, gefährdet. Dass rund 40 Bäume gefällt werden sollen, hat die Umweltbehörde auf Nachfrage bereits bestätigt. Zwar soll es dabei vor allem um jüngere Exemplare gehen, aber vor Ort ist man skeptisch. „Hier stehen uralte Eichen und Kastanien“, sagt Birthe Henk. "Die Bauarbeiten werden unmittelbar an den Wurzeln dieser Bäume stattfinden. Ich prophezeie schon jetzt, dass es entlang der Strecke ein großes Baumsterben geben wird.“

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass längst nicht jeder in den drei Stadtteilen die neue Trasse ablehnt, auch nicht alle Anwohner. „Ich bin für die Trasse“, sagt eine Frau, die „mit Rücksicht auf die lieben Nachbarn“ ungenannt bleiben möchte.

Anwohner kritisieren „Verschleuderung“ von Steuergeld

Die Initiative „Keine Elbtrasse“ um Prof. Dietrich Rabenstein kämpft schon länger aus umwelt- beziehungsweise energiepolitischen Gründen gegen die geplante Trasse. Die Gruppe favorisiert, wie berichtet, das sogenannte Nord-Szenario, bei dem die Fernwärme vor allem durch Anlagen im Stellinger Moor gewonnen werden könnte. Viele der protestierenden Anwohner unterstützen die Initiative inzwischen, auch wenn es ursprünglich Angst vor Verkehrschaos und Baumsterben waren, die sie zu dieser Allianz trieb. Doch auch das hat sich mittlerweile etwas geändert.

Etliche Elbvorortler, die sich in die Thematik eingelesen haben, teilen inzwischen die inhaltliche Kritik der Initiative. Gemeinsam werfen alle Senator Kerstan vor, die Alternative Stellinger Moor nie „ergebnisoffen“ geprüft zu haben. In den Infoveranstaltungen hatten Kerstan und seine Parteifreunde die Süd-Variante verteidigt und klargemacht, dass es aus ihrer Sicht keine ernsthafte Alternative dazu gebe. Dass bei der dritten Infoveranstaltung mit Bezirkspolitikern demonstrativ kein Vertreter der Grünen erschienen war, empfinden viele als Affront. Auch das Argument der Geldverschwendung für ein viel zu teures Projekt findet sich bei beiden Gruppen. Ariane Hemker kritisiert, dass die frisch instand gesetzte Parkstraße monatelang wieder aufgegraben werden solle. Da würden Millionen verschleudert, so Hemker.

Wie ein Beweis für die Unnachgiebigkeit der Behörde wirkt es, dass aktuell überall entlang der Strecke bereits „Suchaufgrabungen“ durchgeführt werden, über die der Untergrund geprüft wird. Ute Heucke von der Initiative „Keine Elbtrasse“ sagt dazu: „Hier werden vollendete Tatsachen geschaffen, das ist doch klar.“

Klagefonds ist Joker der Trassengegner

Einen Joker haben die Trassengegner im Ärmel. Schon Anfang 2019 wurde von einer Gruppe um den ehemaligen Justizstaatsrat und früheren Altonaer Bezirksamtsleiter Hans-Peter Strenge ein Klagefonds eingerichtet, über den nötigenfalls ein Rechtsstreit um das Projekt finanziert werden könnte.

Mit im Boot sind an der Spitze auch der Chef der Volkshochschule West, Carsten Giewald, und Christoph Beilfuß vom Archivverein des Bürgervereins Flottbek-Othmarschen – Männer, die vor Ort viel Unterstützung generieren können. Für die Stadt könnte ein Prozess – unabhängig vom Ausgang – sehr teuer werden. Denn um Fördergelder vom Bund zu erhalten, müsste das Projekt eigentlich bis Ende 2024 abgeschlossen sein.

Strenge will jetzt kein Öl ins Feuer gießen, sagt auf Nachfrage lediglich, dass der Fonds „gut gefüllt“ sei. Im Übrigen weist er darauf hin, dass aktuell für das Trassenprojekt immer noch kein Planfeststellungsbeschluss vorliegt, was eine Grundvoraussetzung für eine Klage wäre. Ansonsten hoffen Strenge und seine Mitstreiter immer noch auf eine Lösung auf dem Verhandlungsweg.

Der Klagefonds der Trassengegner ist „gut gefüllt“

Aktuell wurde diese Hoffnung durch den jüngsten Vorstoß der SPD in Sachen Moorburg genährt. Wie berichtet, hatte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) unmittelbar vor der Bürgerschaftswahl den Plan bekannt gegeben, anders als von der grünen Umweltbehörde geplant, nur einen der Blöcke des Kraftwerks Moorburg vom Netz zu nehmen und den anderen in ein Gas- und Dampfkraftwerk (GuD) umzurüsten. Inwieweit das auch die Pläne für die Fernwärmetrasse konterkariert, ist zurzeit noch unklar.

Hans-Peter Strenge ist dennoch sicher: „SPD und Grüne scheinen damit unterschiedliche Wege bei der Fernwärmeversorgung zu verfolgen. Über das genaue Konzept herrscht aktuell keine Einigkeit, das heißt aus unserer Sicht, dass sich das Projekt Süd-Nord-Trasse nach wie vor in der Schwebe befindet.“

Um den aktuellen Stand zu verdeutlichen, benutzt Strenge ein Bild aus dem Kartenspiel: „Der Skat ist wieder offen.“