Unmut im Bezirk Altona

Überfordert die Politik den Hamburger Westen?

Großprojekt: Eine Visualisierung zur Science City Bahrenfeld zeigt das neue Areal mit Campusgebäuden und Wohnungen.

Großprojekt: Eine Visualisierung zur Science City Bahrenfeld zeigt das neue Areal mit Campusgebäuden und Wohnungen.

Foto: Visualisierung: moka-studio, Luftbild: Matthias Friedel / Spengler Wiescholek Architekten Stadtplaner, WES GmbH Landschaftsarchitekten, Urban Catalyst

Großprojekte belasten Menschen, Dauerlärm und Bau-Chaos drohen. Senat und Bezirksamt Altona weisen Kritik zurück.

Hamburg. Im Hamburger Westen wächst der Unmut über die vielen Infrastrukturprojekte, die den Bezirk Altona in den kommenden Jahren grundlegend verändern werden. Bewohner von Stadtteilen wie Bahrenfeld und den Elbvororten, aber auch etliche Bezirkspolitiker befürchten Baustellenchaos mit zahl­reichen Engpässen und ständiger Lärmbelästigung. Hinzu kommt, dass viele nicht glauben, dass die klassischen Verbindungswege den massiven Veränderungen gewachsen sein werden, die auf die Gegend zukommen. Ausfallstraßen wie Elbchaussee, Stresemannstraße und Osdorfer Weg sind schon jetzt permanent verstopft, die S-Bahn-Züge der Linie S 1 zu den Stoßzeiten völlig überfüllt.

FDP-Politiker: Entwicklung ist „Weg ins Chaos“

Der Altonaer FDP-Politiker Lorenz Flemming nennt auf einer Liste 15 Großvorhaben, die in den kommenden Jahren in Altona umgesetzt oder angeschoben werden. Zu den großen Verkehrsprojekten außerhalb des Altonaer Kerngebiets gehören die Überdeckelung der A 7, der Bau des Fernbahnhofs Diebsteich und der mögliche Bau der U 5 nach Osdorf. Zu den aufwendigen Bauprojekten im Westen rechnet Flemming unter anderem den Neubau des Altonaer Krankenhauses und die Entwicklung der Science City Bahrenfeld.

Ebenfalls auf der Liste steht die mögliche Realisierung der Fernwärmetrasse von der südlichen Elbseite bis nach Bahrenfeld – ein Projekt, dessen Tragweite vielen Bewohnern der Elbvororte noch gar nicht bewusst ist. Wie berichtet, will die Umweltbehörde Abwärme der Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm durch eine Trasse unter der Elbe ins Fernwärmenetz leiten und erst in Bahrenfeld an das vorhandene Leitungssystem anschließen lassen.

„Wie kann die Stadt den Bürgern das alles zumuten?“, wundert sich Flemming, der das Thema kürzlich in der Aktuellen Stunde der Bezirksversammlung Altona vorstellte. „Leider muss man sich fragen, ob große Weisheit in der Projektplanung des Senats steckt“, so Flemming kritisch. Und: „Alles auf einmal klingt gut, könnte aber ins Chaos führen.“ Konkret kritisiert Flemming den aus seiner Sicht forcierten Neubau der Asklepios Klinik Altona, der „plötzlich in der ersten Regierungserklärung von Bürgermeister Tschentscher auftauchte“, Flemming weiter: „Ich frage mich: Kann das Projekt nicht warten?“

Großprojekte „überfallartig“ präsentiert

Robert Jarowoy, Fraktionschef der Linken im Bezirk, teilt Flemmings Kritik. „Projekte wie das Science Center und das neue AK wurden den Bürgern überfallartig präsentiert“, so Jarowoy. „Vieles ist mit der heißen Nadel gestrickt, und oft werden auch Bezirksamtsleitung und Bezirkspolitiker in Altona vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Susanne Meinecke, Sprecherin der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, weist die Kritik zurück. „Wir haben die Interessen aller im Blick“, so Meinecke. „Man muss es klar sagen: „Projekte wie der Autobahndeckel, der Ausbau der Straßen und die Sanierung der Infrastruktur wirken in die Zukunft.“ Die Koordination berücksichtige immer auch die Belange der Bürgerinnen und Bürger, so Meinecke, „aber unsichtbar zu bauen“ gehe leider nicht. „Letztlich ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, von der dann auch alle profitieren“.

Auch Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD) bemüht sich, Sachlichkeit in die Diskussion zu bekommen. „Altona ist einer der dynamischsten Bezirke Hamburgs, das sieht man eben auch an den großen Vorhaben, die überall im Bezirk anlaufen“, so Melzer. Viele Maßnahmen seien jetzt noch in der Planungsphase und würden zeitversetzt erfolgen. „Die Science City hat beispielsweise einen Zeithorizont von 20 Jahren“, sagt sie. Melzer verspricht: „Das Bezirksamt Altona und die Fachbehörden bemühen sich, die Baustellen so zu organisieren, dass die Beeinträchtigung für die Altonaer Bevölkerung so gering wie möglich ist.“

Lorenz Flemmings Liste ist lang – aber noch nicht mal vollständig. Gar nicht erwähnt sind dort beispielsweise der Bau einer S-Bahn-Station an der Thomasstraße in Ottensen, der fahrradgerechte Umbau der Elbchaussee und der Ausbau der Veloroute 1 bis nach Rissen.

Auch viele Einzelmaßnahmen geplant

Hinzu kommen die vielen Einzelmaßnahmen in den westlichen Stadtteilen, die bei all diesen Überlegungen noch gar nicht einbezogen sind. Dazu gehören beispielsweise die Bauvorhaben an den „Magistralen“ Osdofer- und Sülldorfer Landstraße, die Umgestaltung von Blankeneser Bahnhofstraße und Marktplatz und die Bebauung der Grundstücke, die für die A-7-Überdeckelung freigemacht werden, zum Beispiel am Othmarscher Kirchenweg. Ergänzt wird das Riesenpaket noch durch unzählige individuelle Projekte privater Bauherren, vor allem in den finanzstarken Elbvororten, die – oft über viele Monate – Nerven und Geduld der Nachbarn strapazieren.

Die ganze Melange aus großen und kleinen, öffentlichen und privaten Infrastrukturprojekten trifft im Hamburger Westen auf ein Milieu, das seit Jahren durch starken Zuzug und die damit verbundene massive Nachverdichtung geprägt ist. Baustellenverkehr und Rückstaus belasten dabei immer häufiger auch ehemals ruhige Anliegerstraßen.

Neben den Bezirkspolitikern bekommen vor allem die Spitzen der Bürgervereine Ärger und Verunsicherung der Menschen zu spüren. „Der Straßenverkehr hier im Westen hat stark zugenommen“, sagt Ute Frank vom Bürgerverein Flottbek-Othmarschen. Hinzu kommen diverse Baustellen, wie zum Beispiel rund um die Trabrennbahn Bahrenfeld, die Luruper Hauptstraße und die Behringstraße.“ Dass im Zuge Überdeckelung der A 7, wie berichtet, drei kreuzende Straßenbrücken abgebrochen werden, erfüllt Frank mit bösen Vorahnungen: „Die Autofahrer werden dann durch die ohnehin schon stark beanspruchten Straßen fahren müssen. Warum kann nicht erst eine Baustelle fertiggestellt werden, und dann kommt die nächste an die Reihe? Liegt es an einem schlechten Management?“, fragt Frank.

Bürgerverein kritisiert „unhaltbare Zustände“

„Ich empfinde die Planung des Senats oftmals als Stückwerk, mir fehlen die großen Lösungsansätze“, so Benjamin Harders vom Blankeneser Bürgerverein, „da gibt es deutliches Verbesserungspotenzial.“ Besonders wichtig sei die Anpassung des öffentlichen Personennahverkehrs an die Erfordernisse der wachsenden Stadt. Insgesamt müsse die Benutzung der S-Bahn attraktiver werden, auch preislich. Schon jetzt gebe es zu Stoßzeiten wie dem Feierabend einen Autorückstau vom Blankeneser Ortszentrum fast bis zum Hotel Louis C. Jacob. „Das sind für viele Bürger im Westen unhaltbare Zustände“, so Harders.

Der Leiter des Bereichs Technik und Verkehr beim ADAC, Carsten Willms, hat Verständnis für die Unzufriedenheit der Bürger, mahnt aber zur Geduld. „Der Nutzer ist gequält, aber wie soll die Alternative aussehen?“, fragt Willms mit Blick auf die Folgen der Überdeckelung der A 7. Auch die Ausbesserung von Fahrbahnen und die Verlegung neuer Kabel und Leitungen sorge für Baustellen. „Aber eine verbesserte Infrastruktur muss man positiv sehen“, so Willms.