Hamburger Großprojekt

Führt die Fernwärmetrasse zu beispiellosem Chaos im Westen?

Protest am Hindenburgpark: Prof. Dietrich Rabenstein (v. l.), Peter Windmüller, Gilbert Siegler, Ute Heucke, Günther Bock und Bernd Liefke von der Initiative "Keine Elbtrasse!".

Protest am Hindenburgpark: Prof. Dietrich Rabenstein (v. l.), Peter Windmüller, Gilbert Siegler, Ute Heucke, Günther Bock und Bernd Liefke von der Initiative "Keine Elbtrasse!".

Foto: Michael Rauhe / HA

"Unsäglich": In den Elbvororten wächst der Protest gegen das Bauprojekt. Bäume werden gefällt, Bewohner fürchten Baustellenchaos.

Hamburg. Am kommenden Montag dürfte es voll werden in der Aula der Volkshochschule (VHS) West an der Waitzstraße. Dann nämlich, wenn Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) auf Prof. Dietrich Rabenstein trifft, Koordinator einer Arbeitsgruppe des Energienetzbeirats zum Ersatz des Kraftwerks Wedel. Bei der Planung einer neuen Fernwärmetrasse favorisiert Kerstan die sogenannte Süd-Variante unter der Elbe hindurch, Rabenstein ist dagegen.

Was als Diskussion über diese Trasse angekündigt ist, hat das Potenzial, eine der lebhaftesten Debatten zu werden, die die Elbvororte seit Jahren erlebt haben. Denn neben den energiepolitischen Aspekten des Großprojekts wird es an diesem Abend auch um Logistisches gehen. Der Grund: Die Trasse soll unterirdisch mitten durch Othmarschen und Groß Flottbek geführt werden, und viele fürchten, dass die Bauarbeiten den Bewohnern beider Stadtteile eine Menge abverlangen werden. Für Kerstan wird es also auch darum gehen, vor Ort um Verständnis und (im Idealfall) Unterstützung für das Projekt zu werben.

Zum Hintergrund: Nach Plänen von Kerstan soll die Wärme für Hunderttausende Hamburger Haushalte, wie berichtet, künftig aus industrieller Abwärme, Müllverbrennung und einer Gas-Kraft-Wärmekopplungsanlage auf der Dradenau, also südlich der Elbe, gewonnen werden. Da sie aber nördlich der Elbe benötigt wird, soll eine Fernwärmetrasse unter der Elbe hindurch nach Norden verlegt werden.

Nur wenige Betroffene wissen von Auswirkungen

Ortstermin am nördlichen Ende des Hindenburgparks direkt an der Elbchaussee. Mitglieder der Bürgerinitiative „Keine Elbtrasse“ haben sich mit Protestplakaten hier eingefunden, um die Menschen in der Gegend aufzurütteln, wie sie sagen. Einmal mehr packen sie ihr lindwurmartiges „Energiemonster“ aus, das die aus Sicht der Initiative monströse Trasse symbolisiert. Obwohl die Initiative in den vergangenen Monaten immer wieder Protestveranstaltungen im Hamburger Westen initiiert hat, wissen bislang nur wenige Menschen in der näheren Umgebung, wie stark sie von dem Bau tangiert werden.

Die Trasse soll, auf der nördlichen Elbseite herauskommend, nach aktuellem Planungsstand, zunächst durch den Hindenburgpark nach oben geführt werden. Von dort geht es weiter in Richtung Norden: durch die Parkstraße und die Groß Flottbeker Straße, vorbei an VHS und Flottbeker Kirche bis in die Gegend nördlich der Osdorfer Landstraße. Über die Straße Zum Hünengrab wird sie dann weiter in Richtung zur Hauptleitung an der Luruper Chaussee geführt (siehe Karte). Gilbert Siegler, der sich in dem von energiepolitisch Interessierten gegründeten „Hamburger Energietisch“ engagiert, zeigt auf die tadellos instand gesetzte Parkstraße: „Tja, dort wird dann wieder gegraben. Ich schätze mal, ein dreiviertel Jahr lang.“

Hamburg droht Verlust wertvoller Fördergelder

Einen konkreten Zeitplan für diese Arbeiten nennt die Umweltbehörde nicht. Klar ist nur, dass das Projekt bis Ende 2024 abgeschlossen werden soll, weil Hamburg sonst wertvolle Fördergelder vom Bund verlieren würde. Rabenstein, Siegler und andere plädieren, wie berichtet, für ein Alternativprojekt: Sie favorisieren das sogenannte Nord-Szenario, bei dem die Fernwärme vor allem durch Anlagen im Stellinger Moor gewonnen werden könnte. Diese Lösung sei ökologisch und ökonomisch besser als die Süd-Variante, die zudem, so die Initiative, „in den betroffenen Stadtteilen jahrelang zu Lärm, Schmutz und Einkommenseinbußen führen würde“.

Chaos durch Deckelbau und Veloroute?

Wenigen Bewohnern von Othmarschen und Groß Flottbek ist bislang klar, dass nicht nur der Trassenbau vor Ort für ein massives Verkehrsproblem sorgen könnte. Fakt ist nämlich, dass der Zeitrahmen für die „Überdeckelung“ der A 7 auf Höhe Groß Flottbek und Othmarschen und der Ausbau der Veloroute 1 vor Ort in etwa dem für den Trassenbau entsprechen könnte. Zumindest sind starke zeitliche Überschneidungen möglich.

Schon für die Phase der „Überdeckelung“ wird mit starkem Verkehr auf der Achse Ebertallee/Reventlowstraße durch ausweichende Autos gerechnet. Wenn parallel die Fernwärmetrasse gebaut wird, potenzieren sich die Staus in der Gegend. Kommt dann noch der Bau der Veloroute 1 hinzu, die, wie berichtet, unter anderem durch die Liebermann- und die Jungmannstraße führen soll, um dann wiederum die Parkstraße zu schneiden, sehen viele vor Ort ein beispielloses Chaos programmiert.

Bis zu 40 Bäume müssen gefällt werden

Selbst wenn es den beteiligten Behörden gelingt, die Bauarbeiten für diese Großprojekte zu entzerren, müssen sich die Anwohner auf monate-, vielleicht auch jahrelange Bauarbeiten einstellen. Jan Dube, Sprecher der Umweltbehörde, hält den Ball flach. „Die Einschränkungen für die Anwohnerinnen und Anwohner sollen so gering wie möglich sein“, so Dube, „es wird deshalb mit Kurzzeitbaustellen gearbeitet.“

Dube stellt auch klar: „Die Südleitung soll komplett im öffentlichen Straßenraum verlaufen, es wird keine private Fläche benötigt.“ Fakt ist aber auch: Für den Bau müssen 30 bis 40 Bäume gefällt werden, wie die Umweltbehörde bestätigt. „Diese werden aber alle ersetzt“, so Jan Dube, der zudem weitere Veranstaltungen zur Bürgerinformation noch im Herbst ankündigt.

Auch TV-Koch Rach kritisiert die Pläne

Auch diese Tatsache trägt dazu bei, dass die Stimmung vor Ort mittlerweile aufgeladen ist. Als „unsäglich“ bezeichnet beispielsweise Christian Rach, bekannter Fernsehkoch, Restauranttester und selbst Anwohner, das Vorhaben in der geplanten Form. „Grundsätzlich müssen wir auch Dinge ertragen, die unsere Komfortzone berühren“, so Rach. „Aber hier gibt es offenkundig eine Alternative, die unbedingt objektiv geprüft werden muss.“

Altonas früherer Bezirksamtsleiter Hans-Peter Strenge hat, wie berichtet, mit einigen Getreuen vorsorglichen einen Klagefonds eingerichtet. In diesem Fonds wird – vereinfacht beschrieben – Geld gesammelt, das Klagenden zur finanziellen Unterstützung für Gerichtskosten zur Verfügung gestellt wird, Strenge, der auch Staatsrat in der Justizbehörde war, bekräftigte gegenüber dem Abendblatt, dass der Fonds weiterhin bestehe und auch zum Einsatz komme wenn eine nachvollziehbare Klage eingereicht wird.

Strenge („ich engagiere mich als betroffener Bürger“) appellierte an Kerstan, die Alternativtrasse noch einmal gründlich zu prüfen, da die jetzt zur Debatte stehende Variante einen „massiven Eingriff“ in die Gegend bedeute.

Info: Die Veranstaltung „Ist der Bau einer Elbtrasse sinnvoll und notwendig?“ mit Senator Jens Kerstan und Prof. Dietrich Rabenstein am Montag, 16. September, in der Aula der VHS West, Waitzstraße 31, beginnt um 19 Uhr.