Hamburg

Elbvororte: Protest gegen Hochhaus in Finkenwerder

Blick vom Jenischpark auf Finkenwerder. Hinter den Airbus-Gebäuden ist noch die Silhouette der Harburger Berge zu sehen. Der Siegerentwurf (r.) für den Neubau soll überarbeitet und zur Elbe hin schmaler, dafür aber länger werden. Das kleine Backsteingebäude zu seinen Füßen bleibt erhalten.

Blick vom Jenischpark auf Finkenwerder. Hinter den Airbus-Gebäuden ist noch die Silhouette der Harburger Berge zu sehen. Der Siegerentwurf (r.) für den Neubau soll überarbeitet und zur Elbe hin schmaler, dafür aber länger werden. Das kleine Backsteingebäude zu seinen Füßen bleibt erhalten.

Foto: Roland Magunia

Bau könne den Blick vom denkmalgeschützten Jenischpark verschandeln – Garten- und Landschaftsverbände schlagen Alarm.

Othmarschen. In den Elbvororten formiert sich massiver Protest gegen ein Neubauvorhaben auf der anderen Elbseite. Am Hein-Saß-Weg in Finkenwerder, zwischen dem Rüschpark und dem Steendiekkanal, plant das Hamburger Immobilienunternehmen Magna Real Estate AG einen rund 50 Meter hohen Neubau. Ein entsprechender städtebaulicher Wettbewerb ist bereits entschieden. Dem geltenden Baurecht nach darf der Neubau nicht nur höher, sondern vor allem deutlich massiver werden als das ehemalige Hochhaus der Deutschen Werft, das dafür abgerissen wird.

Landschaftsarchitekten, Grün-, Garten- und Denkmalverbände befürchten, dass durch die Dimensionen des Projekts die Sichtachse aus dem denkmalgeschützten Jenischpark in die Elblandschaft zerstört wird. Diese gehörte aber zum Denkmalwert des Parks. Bei einem Krisentreffen im Jenischhaus entwarfen die Verbände eine Forderung an den Senat. Dieser solle, so die Unterzeichner, seiner Verantwortung gerecht werden und die denkmalpflegerischen Belange bei dem Bauvorhaben berücksichtigen.

Verbände schreiben Brandbrief an den Senat

Der Jenischpark am Geesthang über der Elbe sei mit dem klassizistischen Jenischhaus das Kernstück eines der bedeutendsten europäischen Parkdenkmäler, heißt es in dem Schreiben. Unterzeichnet haben es unter anderem Vertreter vom Botanischen Verein zu Hamburg, dem Landesverband des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten, dem Denkmalrat, dem Denkmalverein, der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur, den Freunden des Jenischparks, dem Verein Erhaltet Flottbek sowie einzelne Fachleute.

„Gerade der Weitblick auf den Strom mit dem Schiffsverkehr und die dahinterliegenden ,blauen Berge‘ waren einst für die Anlage des heutigen Parks unter Caspar von Voght ein wichtiges Kriterium mit großem Symbolgehalt“, so der Hamburger Gartendenkmalpfleger Joachim Schnitter, der gemeinsam mit Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein und Anna Zülch (Denkmalrat) ins Jenischhaus eingeladen hatte.

Bei dem Treffen waren sich alle Anwesenden einig, dass schon das jetzige Hochhaus aus den 1950er-Jahren nicht hätte gebaut werden dürfen. Mittlerweile sei auch der Kirchturm von Finkenwerder, der damals noch zu sehen war, hinter zu Airbus gehörenden Hallen und Bürogebäuden verschwunden. Immerhin sei die Linie der Harburger Berge oberhalb der Gebäude noch zu erkennen. Sie zumindest dürfe nicht durch hohe massive Häuser verbaut werden.

Tatsächlich war die Sichtbeziehung des Neubaus zum Jenischpark ein wesentlicher Punkt in der Ausschreibung für den Neubau-Wettbewerb. Bei der Entwicklung der Gebäudekubatur sei den Blickbeziehungen zur Silhouette der Harburger Berge „mit besonderer Sensibilität“ zu begegnen und sicherzustellen, dass „gegenüber dem Jenischpark eine schlanke Gebäudesilhouette entwickelt wird, die die zu sehende Höhenentwicklung der Harburger Berge möglichst wenig beeinträchtigt“.

Neubau darf deutlich größer werden als 50er-Jahre Bau

Gleichzeitig lässt das geltende Baurecht aber zu, dass der Neubau deutlich größer werden darf als das 1958 erbaute Bestandsgebäude. Auf dem rund 7500 Quadratmeter großen Areal, das Magna für einen zweistelligen Millionenbetrag erworben hat, ist nun ein Bürohaus mit einer Bruttogeschossfläche von mehr als 20.000 Quadratmetern geplant. Der nicht-öffentliche Wettbewerb wurde Ende Oktober entschieden, zur Jury gehörten neben Oberbaudirektor Franz-Josef Höing und Magna-Geschäftsführer Joachim Reinecke auch Vertreter aus dem Bezirk Hamburg-Mitte.

Vertreter des Denkmalschutzamts und des Bezirks Altona nahmen beratend an der Jurysitzung teil. Der endgültige Siegerentwurf wurde bislang jedoch noch nicht veröffentlicht.

„Es gibt noch kein finales Ergebnis“, sagt Magna-Vorstandsmitglied David Liebig. Der Siegerentwurf befinde sich noch in der Abstimmung. Unter anderem solle auch noch mit dem Verein Freunde des Jenischparks und Bewohnern von Finkenwerder gesprochen werden. Liebig betont, dass das Denkmalschutzamt von Anfang an eingebunden gewesen sei.

Dass der Neubau weitaus größer werden darf als das Bestandsgebäude, begründet er mit dem für das Areal geltenden Baurecht. „Das wurde in den 50er-Jahren nicht ausgenutzt.“ Für die Gegner des Neubauvorhabens liegt genau hier das Problem. „Die Stadt hätte die hier erlaubte Bebauung in Höhe und Volumen längst reduzieren müssen“, so ein Statement der Hochhaus-Gegner während der Versammlung im Jenischhaus. Baurecht und Bebauungsplan hätten geändert werden müssen.

Bürgervereine warnen vor weiterer Bebauung

Doch die Bedenken der Menschen im Hamburger Westen gehen noch weit über die Jenischpark-Gegend hinaus. Die Vorsitzenden der Bürgervereine von Flottbek-Othmarschen, Ute Frank, und Blankenese, Benjamin Harders, warnen vor einer zu starken Bebauung des südlichen Elbufers. „Mit Airbus und der Hafenindustrie ist der Blick auf die andere Elbseite schon jetzt nicht gleichermaßen schön anzusehen“, so Ute Frank. „Insofern sollte man alles vermeiden, was den Blick noch weiter verschlechtert, zum Beispiel die weitere Bebauung mit Hochhäusern.“

Und Benjamin Harders sagt: „Bei dem geplanten Neubau handelt es sich um eine besondere Ausnahme. Weitere Hochhäuser entlang der Elbvororte sind aufgrund der Bebauungspläne rechtlich nicht möglich, und darauf muss unbedingt geachtet werden.“

Oberbaudirektor Franz-Josef Höing hält den geplanten Neubau für die Sichtachse aus dem Jenischpark verträglich und den Standort für angemessen. „Wir haben rund um die Flugzeugwerft eine positive Vitalität, die man nicht leugnen soll.“ Allerdings soll der eigentlich noch geheime Siegerentwurf des Rotterdamer Ateliers Kempe Thill, der dem Abendblatt vorliegt, noch einmal überarbeitet werden. Er wirke „noch etwas grob proportioniert“, so die Jury, und überschreite die Zielvorgaben sowohl bei der Bruttogeschossfläche als auch in der Höhe. Zum Jenischpark hin sei das Gebäude schlanker auszubilden, könne im Gegenzug aber an Länge gewinnen. Das wiederum dürfte den Menschen in Finkenwerder nicht gefallen.

Backsteingebäude am Ufer dient als Drehort für ZDF-Serie

Tatsächlich sagt Ralf Neubauer, Vorsitzender des Regionalausschusses Finkenwerder: „Es irritiert uns schon, dass von Beginn an ein großer Fokus darauf lag, wie sich der Neubau von der anderen Elbseite präsentiert – aber kaum darüber nachgedacht wurde, wie massiv der Baukörper beispielsweise hier vom Gorch-Fock-Park oder vom Rüschpark aus wahrgenommen werden wird.“

Das gelte insbesondere, wenn das Gebäude zwar schmaler, aber noch länger werde. Begrüßt werde dagegen, dass ein benachbartes Backsteingebäude am Ufer dem Vernehmen nach erhalten bleiben soll. Es dient als Drehort für die ZDF-Serie „Soko Hamburg“.

Die Landschaftsarchitekten, Grün-, Garten- und Denkmalverbände aus dem Jenischhaus fordern von der Stadt, den geplanten Baukörper objektiv zu visualisieren und durch Bürger und dem Thema nahestehende externe Experten bewerten zu lassen. Außerdem müsse der für das Areal geltende Bebauungsplan „Finkenwerder 30“ nachgebessert werden. Dass er die Anforderungen aus dem Denkmalschutz auf der nördlichen Elbseite, also im Bezirk Altona, nicht berücksichtige, sei ein entscheidender Mangel.

Ab wann sich der neue Gebäudekomplex an der Elbe erheben wird, steht noch nicht fest. „Das liegt am weiteren Verlauf der Abstimmungen, außerdem gibt es noch Mieter in dem Bestandsgebäude“, sagt Magna-Vorstand Liebig. Von einer Fertigstellung im Jahr 2025 auszugehen, sei aus seiner Sicht jedoch „nicht unrealistisch“.