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Hamburg Wasser nutzt Abwasserkanal als Elbtunnel

Ingo Hannemann, Technischer Geschäftsführer von Hamburg Wasser,in dem Düker, in dem jetzt ein Stromkabel verlegt wird.

Ingo Hannemann, Technischer Geschäftsführer von Hamburg Wasser,in dem Düker, in dem jetzt ein Stromkabel verlegt wird.

Foto: Roland Magunia

Der 760 Meter lange Tunnel führt von der Hafenstraße auf St. Pauli zum Klärwerk. Eine ungewöhnliche Begehung mit Schutzanzügen.

Hamburg. Normalerweise ist dieser Ort unzugänglich – und auch absolut nicht für einen Spaziergang zu empfehlen: 400.000 Liter Schmutzwasser werden täglich durch den Abwassertunnel (Düker) vom nördlichen Ufer der Elbe bis zum Klärwerk auf der südlichen Elbseite gepumpt, um dort gereinigt zu werden. Doch für wenige Wochen liegt der Düker aktuell trocken – eine gute Gelegenheit für das Abendblatt, sich dort einmal umzusehen.

Zum Hintergrund: Das Unternehmen Hamburg Wasser, schon seit Jahren Vorreiter bei eigenständiger Energiegewinnung, geht jetzt noch einen ungewöhnlichen Schritt weiter: Um das Pumpwerk Hafenstraße mit selbst erzeugtem Strom vom Klärwerk am Köhlbranddeich zu versorgen, wird ein Hochleistungs-Stromkabel vom südlichen Elbufer zur anderen Elbseite verlegt. Das Besondere daran: Als Teil der Trasse für das neue Kabel dient der 760 Meter lange Abwasser-Düker. Um das Projekt möglich zu machen, wird er für rund vier Wochen außer Betrieb gesetzt.

Abwasserröhre jetzt begehbar

Das Abwasser läuft während dieser Zeit durch einen anderen, parallel verlaufenden Düker, der normalerweise nach starken Regenfällen Wasser aufnimmt und Richtung Süden weiterleitet. Während der Arbeiten kann die trockengelegte und gründlich gereinigte Abwasserröhre von Bauarbeitern und den am Projekt beteiligten Experten von Hamburg Wasser begangen werden.

Der Eindruck vor Ort ist faszinierend. Es fängt schon mit dem Zugang an: Auf der südlichen Elbseite müssen alle Besucher weiße Schutzanzüge und Handschuhe anziehen, auch ein Bauhelm gehört selbstverständlich zur Ausrüstung. In einem eher unscheinbaren Betriebsgebäude geht es durch ein betongefasstes Treppenhaus auf Metallstufen 30 Meter hinab in die Tiefe. Wer dann in den Dücker einsteigen möchte, muss sich aus Sicherheitsgründen mithilfe von Karabinerhaken und Seilwinde durch eine Öffnung nach unten befördern lassen.

Kaum fauliger Geruch wahrnehmbar

Dort ist es sehr kalt, weil durch einen riesigen Schlauch von außen ständig Frischluft unter die Erde gepumpt werden muss. Der sonst alles beherrschende faulige Geruch ist zurzeit vor Ort kaum wahrnehmbar. Tagelang war der Düker mit frischem Wasser durchgespült und immer wieder gereinigt worden. Von den Substanzen, die er sonst befördert, ist jetzt fast nichts mehr zu bemerken.

Der Blick, der sich unter der Erde im Licht der Baustellenbeleuchtung bietet, ist spektakulär: Wie ein Mini-Elbtunnel dehnt sich die Betonröhre aus – so weit das Auge reicht. Der Düker wurde übrigens – genau wie der neue Elbtunnel im Schildvortrieb-Verfahren gebaut. Das dauerte vier Jahre, die Fertigstellung erfolgte im Jahr 1994.

Nach Abschluss der jetzt laufenden Arbeiten wird das Kabel, abgeschirmt durch eine Kunststoffverschalung, mitten durch die Abwasserbrühe laufen. Um zu gewährleisten, dass es dabei keinen Schaden nimmt, waren vorab aufwendige Tests nötig, wie Projektingenieur Hans-Christian Behrens erläutert. Dabei ging es unter anderem auch um die Frage, ob das neue Kabel abwasserbeständig ist, oder ob ihm irgendwelche Beschädigungen drohen.

Investitionskosten liegen bei rund 5,2 Millionen Euro

Der Düker bildet nur einen Teil des „Bettes“ der neuen Stromleitung, die insgesamt eine Länge von rund 2,7 Kilometern haben wird. Da der Düker auf der nördlichen Elbseite bereits auf Höhe Holzhafen endet, muss das restliche Kabel unterirdisch durch St. Pauli bis zum Pumpwerk Hafenstraße verlegt werden. Diese Arbeiten werden noch eine Weile dauern, sodass das neue Kabel erst 2020 in Betrieb genommen werden kann. Die Investitionskosten liegen bei rund 5,2 Millionen Euro.

Hamburg Wasser schlägt mit dem Projekt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Da ist zum einen die Selbstversorgung mit Strom, die nicht nur umweltschonend, sondern auch kostengünstig ist. „Bis zum Jahr 2020 wird unser Klärwerk zum eigenen Kraftwerk“, so Ingo Hannemann, Geschäftsführer Technik bei Hamburg Wasser. „Mit dem Stromüberschuss, den wir ins Netz einspeisen, können 11.400 Haushalte versorgt werden.“ Und: Sobald das Pumpwerk Hafenstraße mit regenerativer Energie versorgt werden kann, fallen laut Hannemann Stromkosten von rund 220.000 Euro weg. Außer der Selbstversorgung mit Strom bildet die neue Trasse zum anderen auch eine Absicherung für den Ernstfall. Sie kann nämlich eine Notversorgung für das Klärwerk ermöglichen, wenn die reguläre Stromversorgung im Süden einmal ausfallen sollte.

Schutzkleidung wird als Sondermüll entsorgt

Nach dem Ausstieg aus dem Schacht wird die Schutzkleidung als Sondermüll entsorgt, Händewaschen für alle – sicher ist sicher – wird empfohlen. Laut Planungsstand sollen die Arbeiten unter der Elbe noch bis zum 10. Dezember andauern. Danach wird der Düker wieder geflutet – und das neue Kabel verschwindet in der Dunkelheit der Abwasserröhre.