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Sie sind die Aufständischen von Alt Osdorf

Ärgerliche Mieter auf der Wiese, unter die eine Tiefgarage gelegt wird. Der Block links soll aufgestockt, die Lücke zwischen den Häusern im Hintergrund zugebaut werden.

Ärgerliche Mieter auf der Wiese, unter die eine Tiefgarage gelegt wird. Der Block links soll aufgestockt, die Lücke zwischen den Häusern im Hintergrund zugebaut werden.

Foto: Andreas Laible

Eine Wohnanlage am Wesselburer Weg soll nachverdichtet werden. Jetzt wehren sich die Mieter gegen das Projekt.

Hamburg.  Die Bewohner und Besucher der großen Wohnanlage am Wesselburer Weg fühlen sich wie in einem kleinen Paradies. Die Häuserzeilen zwischen Dörp­feldstraße und Düsterntwiete sind hufeisenartig angelegt, alles wirkt sehr grün und sehr sonnig. Die relativ niedrigen Mehrfamilienhäuser leuchten in freundlichem Gelb, von der gar nicht weit entfernten Osdorfer Landstraße ist nicht viel zu hören. Kastanienhof, St. Simeon Kirche und Heidbarghof, umgeben von Gärten mit alten Eichen, liegen um die Ecke und geben der ganzen Gegend eine fast ländliche Anmutung. Hinzu kommt eine intakte Nachbarschaft, wie man sie selten findet in der Großstadt. Man kennt und versteht sich und achtet ständig aufeinander.

18 Eigentums- und 14 Sozialwohnungen sind geplant

Doch die Menschen vom Wesselburer Weg sehen ihre Idylle jetzt bedroht. Denn die Wohnanlage steht vor einem großen Umbau: 18 Eigentums- und 14 Sozialwohnungen sollen hier demnächst entstehen. Gleich an mehreren Stellen wird aufgestockt und neu gebaut – teils viel zu massiv, wie die Anwohner finden. Eine Garagenanlage im Norden wird dafür abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, die einstöckigen Blöcke entlang des Wesselburer Wegs sollen um eine Etage erhöht werden. Am brisantesten aus Sicht der Nachbarn ist ein neuer Block, der das Hufeisen – so die Pla-­­
n­ung – nach Süden schließen wird. Und: Unter der gepflegten Rasenfläche soll es eine große Tiefgarage geben, die über eine Zufahrt aus Richtung Dörpfeldstraße erschlossen wird.

Die Anwohner sind aufgewühlt. „Hier war es immer friedlich“, sagt Heinz Narciss, der mit Ehefrau Karin seit 67 Jahren – am längsten von allen Nachbarn am Wesselburer Weg lebt. „Jetzt muss es darum gehen, dass so viel wie möglich von dem erhalten bleibt, was uns allen so viel bedeutet.“ Die Aufregung ist groß. „Wenn der ,Lückenschluss’ so wie geplant umgesetzt wird, verschwindet ein Stück von unserer Terrasse“, kritisiert Inge Ziehr, die seit mehr als 50 Jahren dort wohnt, „außerdem wird es total dunkel. Meine Nachbarin wird regelrecht eingebaut.“ Und Lutz Grammert, seit 22 Jahren Anwohner, kritisiert: „Jetzt droht jahrelanger Baulärm. Es sollen sogar Fenster zugemauert werden.“ Grammert weist auf eine Baustelle an der westlichen Grundstücksgrenze: „Unsere Wiese liegt seit Monaten voll Baumaterial, so wird es hier bald überall aussehen.“ Andere Bewohner sehen den kleinen, geschützten Knick gefährdet, der eine grüne Grenze zur Dörpfeldstraße bildet, von seltenen Vögeln und Fledermäusen, die dort leben, ist die Rede.

Mieter machen eigene Vorschläge für die Bebauung

Bemerkenswert: Die Menschen vom Wesselburer Weg sind bei aller Kritik an den Neubauplänen kompromissbereit. Sie haben sich sogar zusammengesetzt und einen Alternativplan entworfen. „Trotz dieser bedrückenden Entwicklung sind wir uns bewusst, dass in Hamburg und damit auch in den Elbvororten neuer Wohnraum benötigt wird. Wohnraum soll auch hier geschaffen werden“, sagt Alexander Hahlbrock, „aber eben nicht so massiv.“ In einem Brief an die Mitglieder des bezirklichen Bauausschusses, hat die Nachbarschaftsgemeinschaft eigene Pläne dargelegt. In dem Schreiben, an dem eine Unterschriftenliste hängt, heißt es unter anderem: „Die Aufstockung der Häuser am Weselburer Weg 12 bis 18 halten wir für vertretbar“, oder: Die Bebauung zwischen den Häusern Wesselburer Weg 8 und 12 halten wir für vertretbar, allerdings sollte der Bau etwas kleiner ausfallen.“ Wirklich abgelehnt wird von ihnen der „Lückenschluss“ im Süden, weil er, so heißt es in dem Schreiben, „den massivsten Eingriff in die Umgebung darstellt“.

Massiv kritisiert die Gemeinschaft die aus ihrer Sicht mangelhafte Kommunikation von Projektentwickler Michael Überschär. „Es wird nicht mit uns gesprochen – trotz gegenteiliger Versprechen“, sagt Klaus Bete, der seit 19 Jahren hier wohnt. Das Projekt stehe bereits im Internet, aber für die Anwohner gebe es nicht mal Infoschreiben, so Bete.

Bezirklicher Bauausschuss berät

Überschär weist das zurück: „Ich habe alle E-Mails dazu beantwortet. Aber ich kann mich doch noch nicht zu Plänen äußern, die noch gar nicht genehmigt sind“, sagt er. „Richtig ist, dass wir etwas beantragt haben, aber es ist doch noch offen, was dann wie gebaut wird.“ Dass die Pläne schon im Internet stehen sei in der Tat missverständlich – „das war verfrüht“. Überschär verspricht: „Wenn wir eine Baugenehmigung haben, setze ich mich sofort mit allen zusammen. Wir können uns in einem Lokal treffen, und ich stehe Rede und Antwort.“ Im Übrigen habe er selbst mal vor Ort gewohnt und kenne viele Mieter persönlich. „Ich will keinen Krieg“, so Überschär, „wir werden uns bestimmt verständigen.“

In welchem Umfang das Neubauprojekt nun letztlich umgesetzt werden wird, ist aktuell noch offen. Am kommenden Dienstag berät der bezirkliche Bauausschuss darüber – das Ergebnis ist offen. Unmittelbar davor sind auch die Anwohnervertreter zu einer Anhörung eingeladen. Der CDU-Fraktionschef Sven Hielscher, der auch Mitglied im Bau- und im Planungsausschuss ist, signalisiert bereits, dass seine Fraktion den im Süden geplanten Wohnblock wohl nicht akzeptieren werde. Außerdem macht sich Hielscher dafür stark, die geplante Tiefgarage so anzulegen, dass mindestens 80 Zentimeter für Mutterboden vorgehalten werden. Gregor Werner, baupolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, hält sich bedeckt: „Wir werden uns in Ruhe anhören, was die Anwohner belastet und dann versuchen, eine gute Lösung zu finden“, so Werner.