A-7-Deckel

Die Geschichte der hartnäckigsten Lärmbekämpfer Hamburgs

Zum Jubiläumsfest hielten Bürgermeister Peter Tschentscher (l.), Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer und Initiativensprecher Bernt Grabow ein Plakat aus alten Zeiten hoch.

Zum Jubiläumsfest hielten Bürgermeister Peter Tschentscher (l.), Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer und Initiativensprecher Bernt Grabow ein Plakat aus alten Zeiten hoch.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Bürgerinitiative "Ohne Dach ist Krach" feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Sie erstritt den Autobahndeckel über die A 7.

Hamburg.  Sie beweisen, dass man mit Ideen, Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft sehr viel erreichen kann: die Mitstreiter der Initiative „Ohne Dach ist Krach“. Diese Bürgerbewegung im klassischen Sinne feiert jetzt ihr 25-jähriges Bestehen – und genau so lange kämpften ihre Mitglieder für die Überdeckelung der A 7. Der Deckel kommt, aber die erfolgreiche Initiative stellt ihre Arbeit nicht ein.

Anlässlich einer Feierstunde im Gemeindesaal der Christuskirche in Othmarschen kündigte ihr Sprecher Bernt Grabow an, dass sich die Initiative künftig stadtplanerisch einmischen werde. Unter anderem werde man „genau darauf achten“, wie die nutzbaren Deckelflächen und die für künftige Bebauung frei werdenden Grundstücke in Autobahnnähe bebaut werden.

Initiative will „Stadtteilreparatur“ betreiben

„,Ihr bekommt doch jetzt euren Autobahndeckel – warum macht ihr dann noch weiter?’ Fragen wie diese hören wir in letzter Zeit öfter“, sagte Grabow in Anwesenheit von Bürgermeister Peter Tschentscher, Finanzsenator Andreas Dressel (beide SPD) und anderen hochrangigen Gästen. „Die Antwort ist einfach: Unserer Bürgerinitiative ging es nie nur um den bestmöglichen Lärmschutz an der A 7 in Bahrenfeld und Othmarschen, sondern immer auch um Stadtteilreparatur.“

Und weiter: „Jetzt haben wir die einmalige Chance einer Wiedergutmachung – und dabei wollen wir als Nachbarn nicht abseits stehen. Wir finden es wichtig, dass wir Anwohner unsere Überlegungen für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft in Bahrenfeld und Othmarschen einbringen können.“ Am 19. April 1994 war „Ohne Dach ist Krach“ gegründet worden (siehe Beistück). Die Initiatoren trieb „Wut und Empörung darüber, dass wir mit dem Verkehrslärm allein gelassen wurden“, so Grabow.

Alle vier Sekunden ein Lkw

Von rund 40.000 Fahrzeugen am Tag sei man bei Baubeginn für den Elbtunnel im Juni 1968 ausgegangen. Bei seiner Fertigstellung Ende 1974 wurden dann bereits 60.000 Fahrzeuge gezählt. Heute gehört die A 7 zwischen dem Elbtunnel und dem Nordwestkreuz mit bis zu 155.000 Fahrzeugen am Tag zu den meistbefahrenen Autobahnteilstücken Deutschlands. Das bedeutet: alle vier Sekunden ein Lkw und alle 0,85 Sekunden ein Pkw. Angelika Gardiner, Initiativen-Mitstreiterin und Anwohnerin in Bahrenfeld, erinnerte daran, dass ihr einst gesagt worden war, man gewöhne sich schnell an den Autobahnlärm, das höre sich dann irgendwann wie Meeresrauschen an. „Das ist Quatsch“, so Gardiner, „daran gewöhnt man sich nie.“

Von Anfang an sei es den Beteiligten wichtig gewesen, nicht nur zu nörgeln, sondern über konstruktive Vorschläge mit den zuständigen Behörden im Gespräch zu bleiben. Dazu gehörte auch das Finanzierungsmodell für den Deckel, das maßgeblich von „Ohne Dach ist Krach“ entwickelt wurde.

Krachbekämpfer ließen nicht locker

In der Senatsdrucksache 19/2471 von 2009 werden für den Deckel Bahrenfeld/ Othmarschen elf „Verwertungsflächen“ von zusammen 35 Hektar genannt, die für etwa 113 Millionen Euro zu verkaufen wären. Der Erlös sei für den Lärmschutz einzusetzen. Die Summe hat sich in den vergangenen zehn Jahren zwar erhöht, aber die Grundlage bleibt bestehen: Das Geld, das über die Entwicklungsflächen erwirtschaftet wird, fließt indirekt auch in die Finanzierung des Hamburger Anteils am Deckel.

Vom früheren Ersten Bürgermeister Henning Voscherau war das Konzept noch als „Milchmädchenrechnung“ abqualifiziert worden, aber die Krachbekämpfer um Bernt Grabow ließen nicht locker. Wie Grabow jetzt erzählte, hatte er den einstigen Bausenator Eugen Wagner eigens zu sich nach Othmarschen eingeladen, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Drei Stunden habe das Gespräch gedauert, und es sei reichlich Bier geflossen, so Grabow. Danach blieb man dauerhaft im Gespräch, „weil Vertrauen aufgebaut war“.

Anerkennung wuchs

Im Laufe der Jahre wuchs die Anerkennung für die Initiative bei Hamburgs Politikern. Alle Altonaer Bezirksamtsleiter der vergangenen Jahre hätten sie unterstützt, so Angelika Gardiner. Namentlich dem heutigen Finanzminister Olaf Scholz, einst Kreisvorsitzender der Altonaer SPD, und der früheren Umweltsenatorin Anja Hajduk (Grüne) dankten die Initiativen-Mitglieder. Scholz trug seinerzeit dazu bei, dass Behörden und Initiative miteinander ins Gespräch kamen. Angelika Gardiner las ein Scholz-Grußwort vor, in dem es unter anderem hieß: „Was Sie geleistet haben, ist bürgerschaftliches Engagement der besten Sorte.“

Tunnelblick: So fährt man unter dem A7-Deckel

Mögen die Krachbekämpfer früheren Politikern gelegentlich lästig gewesen sein: Zur Jubiläumsfeier zollte ihnen viel Polit-Prominenz Respekt. Neben Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) waren auch die Bürgerschafts-Fraktionschefs Anjes Tjarks (Grüne) und Dirk Kienscherf (SPD) mit dabei.

Kongressteilnehmer beeindruckt

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) lobte, die Initiative habe „mit klugen Argumenten“ überzeugt. Wie Tschentscher berichtete, sei die Überdeckelung erst kürzlich Thema beim Kongress Future Mobility Summit in Berlin gewesen. Die Teilnehmer seien von dem Projekt „schwer beeindruckt“ gewesen. Und Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD) nannte den Deckel „ein Geschenk, zu dem viele von Ihnen beigetragen haben.“ Für viel Gelächter sorgte Dirk Kienscherf, der die insgesamt drei Deckel über die A 7 als „größte Tunnel Europas“ bezeichnete – „jedenfalls in der Breite“.

Dass sich die streitbaren Bürger um Bernt Grabow auch künftig zu Wort melden, wird allgemein erwartet. „Wir haben (...) bewiesen, dass wir einen langen Atem haben“, heißt es auf der Homepage von „Ohne Dach ist Krach“. „Den werden wir wohl auch in Zukunft brauchen.“

Weitere Infos zu „Ohne Dach ist Krach“ gibt es auf der Homepage www.ohnedachistkrach.de