Othmarschen

Ist die Säulenvilla an der Elbchaussee noch zu retten?

Paul und Marion Kolb vor der einst prächtigen Villa, die wegen ihrer Säulen auch Kleines Weißes Haus genannt wird. Heute ist der Verfall nicht zu übersehen

Paul und Marion Kolb vor der einst prächtigen Villa, die wegen ihrer Säulen auch Kleines Weißes Haus genannt wird. Heute ist der Verfall nicht zu übersehen

Foto: Klaus Bodig / HA

30 Jahre lang hat das Ehepaar Kolb die prägnante Säulenvilla an der Elbchaussee gepflegt. Jetzt verfällt das Anwesen rapide.

Hamburg.  Als Marion und Paul Kolb am verschlossenen Tor des Grundstücks stehen, ist ihnen die Bestürzung deutlich anzumerken. Paul Kolb betrachtet einen umgestürzten Baum, das hohe, zertretene Gras, die herumliegenden, faulenden Blätter und schüttelt den Kopf. Je stärker die markante Säulenvilla an der Elbchaussee ins Blickfeld rückt, desto erschütterter wirkt das Paar. „Ich könnte heulen, wenn ich das hier sehe“, sagt Marion Kolb, dann korrigiert sie sich: „Wir beide könnten heulen. Und das tun wir auch.“

Rund 30 Jahre lang gingen sie täglich in dem riesigen, denkmalgeschützten Prachtbau mit der Hausnummer 186 ein und aus, im Nebengebäude der Villa war ihr Zuhause. Sie zeigen ihren Arbeitsvertrag, den sie mit dem damaligen Besitzer, Baron von Behren, geschlossen hatten. Als Hausmeisterehepaar wurden sie seinerzeit angestellt, eine Zweizimmerwohnung stand ihnen zur Verfügung. Sie haben gegärtnert, bedient, chauffiert, verwaltet und vieles mehr.

Die Kolbs sind Hausangestellte vom alten Schlag, wie es sie heute kaum noch gibt: treu, anhänglich, zuverlässig. Harmonisch sei das Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber gewesen, erzählen sie – „alles in allem eine gute Zeit“.

Marion Kolb kramt Fotografien aus jenen Jahren heraus. Gleißend weiß und picobello gepflegt strahlte die Villa hoch über der Elbe – sie erinnerte an das Weiße Haus in Washington. Jetzt sind die Fenster im Erdgeschoss und im Keller mit Brettern vernagelt, um das Gebäude einigermaßen zu sichern. Der Baron starb 1995, Erben waren seine Witwe und sein Sohn Ralf Rüdiger.

Wer die Fotos mit dem heutigen Zustand der Villa vergleicht, kann kaum glauben, dass es sich um denselben Bau handelt. Schon von Weitem sind die tiefen Risse zu erkennen, die sich durch das Mauerwerk ziehen. Große Steinbrocken sind aus der Fassade herausgebrochen, am First wuchern sogar Pflanzen. Das ganze Gelände bietet ein einziges Bild der Vernachlässigung. Die Reste eines verkommenen Tennisplatzes sind zu erkennen, ein paar leer stehende Garagen, in denen einst Luxuslimousinen standen, gammeln vor sich hin.

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Seit Monaten steht das Anwesen unter Zwangsvollstreckung, um Forderungen von Gläubigern durchzusetzen. Das Eingangstor ist mit einem schweren Schloss gesichert. Der eigentliche Eigentümer kann nicht mehr darüber verfügen. Ralf Rüdiger von Behren lebt schon lange in Monte Carlo, zuletzt haben ihn die Kolbs vor rund sieben Jahren gesehen.

Die beiden berichten von ihrer ehemalige Dienstwohnung, zeigen weitere Fotos. Zwei einfache Zimmer mit Küche und Bad – man kann sich vorstellen, dass es hier mal gemütlich war. Doch die Wände waren zuletzt verschimmelt, berichten sie, es regnete durchs Dach. Im Büro habe sich die ungeöffnete Post schließlich meterhoch gestapelt, darunter viele Einschreiben. Manche Briefe seien fast zehn Jahre alt gewesen.

Gesundheitlich und finanziell geht es den beiden Kolbs schlecht, ihre Rente ist klein. „Wir sind finanziell am Ende“, sagt Paul Kolb, „wir können nicht mehr.“ Geld für Reparaturen hätten sie vorgestreckt, zuletzt faktisch umsonst gearbeitet. Nicht zuletzt wegen der finanziellen Schieflage zogen sie vor Jahren in ein kleines Haus in Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Vertrauen schwand, ihr Pflichtbewusstsein blieb. Jedes Mal, wenn in der Villa die Alarmanlage schrillte und die Polizei anrief, fuhr Paul Kolb nach Hamburg, „fünf Stunden hin und zurück“.

Marion Kolb ist verbittert: „Alles, wirklich alles haben wir gemacht und nie ein Wort des Dankes erhalten.“ Trotzdem ist da immer noch Loyalität, verbunden mit der Erinnerung an die guten Zeiten. Und die Hoffnung – dass alles irgendwie in Ordnung kommt. Paul Kolb betrachtet die abgebrochenen Elemente, die vom Balkon auf den Rasen gefallen sind. „Alles habe ich immer repariert“, sagt der 80-Jährige.

Das Abendblatt hat Ralf Rüdiger von Behren in Monte Carlo erreicht. Er sei lange schwer krank gewesen, erläutert der Baron, aber demnächst werde er nach Hamburg kommen, seine Sicht der Dinge darlegen und „tun, was zu tun sei“. Auch den Kolbs werde er dann helfen, kündigte von Behren an – wieder einmal.

Die Säulenvilla war 1817 im Auftrag des Kaufmanns Wilhelm Brandt erbaut worden, Vorbild soll ein Schlösschen auf der Krim gewesen sein. Nach mehrfachen Besitzerwechseln hatte die Familie von Behren vor rund 40 Jahren das damals völlig heruntergekommene Anwesen gekauft und aufwendig restaurieren lassen. Mittlerweile sind Villa und Park wieder so verwahrlost wie zuvor; es ist fraglich, ob das Haus überhaupt noch gerettet werden kann. Schon im Herbst hatten Denkmalexperten gefordert, das dünne Dach gegen Witterungseinflüsse zu sichern, aber der Verfall schreitet weitgehend ungebremst weiter voran.

Die Säulenvilla ist eines der letzten Originalensemble der einstigen Prachtstraße, die Touristen und sonstige Besucher heute mit ihrer eher eintönigen, beliebigen Architektur enttäuscht. Zweifelhaft, dass sich ein traditionsbewusster Liebhaber findet, der dem einstigen Prachtbau noch einmal Glanz verleihen kann. Das parkartige Grundstück ist Millionen wert, die Sanierung der Villa ein Riesenprojekt. Glaubt man den Befürchtungen der Nachbarn, dann stehen die Spekulanten schon bereit.