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Unbeugsame Kämpfer für unbekannte Komponisten

Pianistin
Maria Lettberg
wurde in Riga
geboren,
wuchs in
Schweden auf
und lebt jetzt
in Berlin.

Pianistin Maria Lettberg wurde in Riga geboren, wuchs in Schweden auf und lebt jetzt in Berlin.

Foto: Roderich Reimer

Die Hamburger Musikinitiative Catoire organisiert in der Elbphilharmonie ungewöhnliche Konzertabende.

Hamburg. Gebhardt Dietsch wirkt nicht so, als würde er häufig wütend. Der 60-Jährige spricht mit ruhiger Stimme und wählt seine Worte sorgfältig, aber einmal, im Sommer 2008, da reichte es ihm einfach. Das Schleswig-Holstein Musik Festival hatte Russland zu seinem Länderschwerpunkt gewählt, doch was gab es zu hören? Nur die üblichen Verdächtigen von Rachmaninow bis Mussorgski, eine Tschaikowski-Sinfonie wurde sogar gleich doppelt aufgeführt. Für Dietsch fast schon ein Affront, denn: „Es gibt so viele herausragende russische Komponisten, deren Werke kaum Niederschlag in den Konzertprogrammen finden.“ Und wenn auch noch eine Institution wie das SHMF auf Nummer sicher gehe, sei endgültig die Zeit zum Handeln gekommen.

Also hob Dietsch 2010 unter anderen mit dem Musikwissenschaftler Nicolo Figowy das Russische Kammermusikfest Hamburg aus der Taufe. Fünf Jahre lang gab es jeweils im September Werke selten gespielter Komponisten wie Nikolai Medtner, Samuil Feinberg oder Nicolaj Roslawez zu hören. Verschiedene Stiftungen finanzierten das Abenteuer, auch die Kulturbehörde gab ein wenig Geld. Dennoch war 2014 Schluss und erst die Elbphilharmonie und die durch sie garantierten Besucherströme brachten wieder Schwung in die Sache.

Dietsch und Figowy stehen inzwischen der 2018 gegründeten Musikinitiative Catoire vor, die sich nach dem russisch-französischen Komponisten Georgy Catoire (1861-1926) benannt hat – auch so einer, den nur Experten kennen, dessen Œu­v­re aber aus Sicht der beiden Hamburger unbedingt entdeckt gehört.

Neu-altes Konzept

„Wir möchten spannende Musik hauptsächlich aus Russland präsentieren, die im deutschsprachigen Raum unterrepräsentiert ist“, fasst Dietsch das neue-alte Konzept zusammen. Deshalb finden seit September 2018 regelmäßig Konzerte im Kleinen Saal der Elbphilharmonie statt; zum Auftakt kam mit Pianistin Anna Zassimova die internationale Catoire-Koryphäe; auf ihrem Programm standen aber auch Werke von Skrjabin und Medtner.

Dass der Saal trotz des wenig massentauglichen Programms ausverkauft war und die folgenden Konzerte ebenso gut liefen, sei natürlich dem „Hype Elbphilharmonie“ zu verdanken, da macht sich Dietsch keine Illusionen. Der flaue nun ab, weshalb man wieder verstärkt auf der Suche nach Förderern sei und auch die Hamburger Kulturbehörde ansprechen wolle. 1600 Euro koste ihn die Miete für den Kleinen Saal, hinzu kommen unter anderem 700 Euro für die Ausleihe eines Steinway D-Flügels – und natürlich das Künstlerhonorar. Verdienen lässt sich da nichts, schon die schwarze Null ist eine Herausforderung.

Künstler von Weltniveau

Zwar hat die Musikinitiative Catoire keine Weltstars wie Lang Lang oder Khatia Buniatishvili im Portfolio, wohl aber Künstler auf Weltniveau, darunter Pianistin Maria Lettberg, die insbesondere für ihre Gesamtaufnahme des Klavierwerks von Alexander Skrjabin gefeiert wird. Die Schwedin kommt am 14. Oktober mit ihrem „Eros und Thanatos“-Abend in die Elbphilharmonie, bei dem sie ebenso Skrjabin und Catoire spielt wie Liszt und Wagner. Am 25. Oktober folgt Jonathan Powell, noch so ein musikalischer Erkundungsreisender, berühmt unter anderen wegen seiner Einspielungen des Klavierwerks von Kaikhosru Shapurji Sorabji, dessen achteinhalbstündige 2. Orgelsinfonie – ein echtes Spezialistenstück – gerade spektakulär in Hamburg aufgeführt wurde.

Auf dem Programm des Briten – übrigens regelmäßig Gast des traditionsreichen Husumer Festivals „Raritäten der Klaviermusik“ – stehen Komponisten wie Alexei Stantschinski, Felix Blumenfeld und Georgi Conus. Unbekannte für das Gros der Konzertgänger, aber ein Fest für alle, die auch mal auf Chopin, Schubert, Beethoven und den Rest des Konzertbetrieb-Kanons verzichten mögen.

Estnische Komponisten, von denen kaum einer gehört hat

Man will einen „Beitrag zur Horizont-Erweiterung“ leisten. Mit Abenden wie diesem tun die umtriebigen Ehrenamtler da einen ordentlichen Schritt und weitere sollen folgen: Ab Ende des Jahres sind Kammermusikabende mit wechselnden Ensembles geplant, im April 2020 kommt die estnische Pianistin Kadri-Ann Sumera. Sie spielt natürlich Werke ihres Landsmanns Arvo Pärt, vor allem aber Komponistinnen und Komponisten aus Estland, von denen bei uns bisher kaum jemand etwas gehört haben dürfte.

Und dann gibt es für Gebhardt Dietsch und Nicolo Figowy ja noch ein Fernziel: die Wiederbelebung des Russischen Kammermusikfests. Schon möglich, dass dort gelegentlich etwas von Tschaikowsky gespielt wird. Aber gewiss keine der immer wieder gehörten Sinfonien. Und schon gar nicht doppelt.

Maria Lettberg Mo 14.10., 19.30, Elbphilharmonie, Kleiner Saal, Karten zu 25,- unter www.elbphilharmonie.de. Weitere Infos: catoire-musikinitiative.de