Elbphilharmonie

„Hamburg ohne den Großen Saal wird unvorstellbar sein“

Sir Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker

Foto: Berliner Philharmoniker/ Stephan Rabold

Der Berliner Chefdirigent Sir Simon Rattle über Klang und Bedeutung der Elbphilharmonie. Weitere Konzerte an der Elbe sind geplant.

Hamburg.  Kein anderes Konzert der ersten Elbphilharmonie-Spielzeit war schneller ausverkauft, wenige andere wurden mit so viel Spannung erwartet wie das erste Gastspiel der Berliner Philharmoniker unter Chefdirigent Sir Simon Rattle, und das nicht nur, weil ihr Saal in Berlin das ästhetische Vorbild für den hiesigen Großen Saal war. Am letzten Sonntag dirigierte Rattle Bruckners Achte: ein umwerfend gut gelungenes Debüt. Wenige Tage später sprachen wir telefonisch über dieses erste Mal.

In einer Hamburger Zeitung können Sie als Chef der Berliner ja offen sprechen: Ist der Große Saal der Elbphilharmonie besser als der in der Berliner Philharmonie?

Sir Simon Rattle: Wir alle haben den Hamburger Saal wirklich sehr genossen, er ist sehr gut. Aber solche Vergleiche mag ich nicht. Ich würde ihn als „very HD“ bezeichnen, very high definition, sehr modern. Darin zu spielen, ist nicht einfach. Man muss hier auf die Resonanz achten, auf die richtige Phrasierung. ­Alles muss länger und nachhaltiger gespielt werden. Aber wenn man wirklich mit diesem Raum arbeitet, scheint ihm das zu gefallen und er bedankt sich mit wunderschönen Dingen. Ich habe in vielen neuen Sälen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es ein oder zwei Jahre braucht, bis gelernt wurde, wie man in ihnen zu spielen hat. Jeder Saal ist auf seine Art ein Mega-Instrument. Jeder hat Eigenheiten, die man lernen muss. Vor unserem Konzert haben wir eine Stunde lang intensiv geprobt, um die Art Klang zu finden, der funktioniert. Am Ende haben wir deutlich anders gespielt, als wir es normalerweise in Berlin tun. Der Saal ist durchaus anstrengend, weil er alles in gnadenloser Klarheit abbildet.

Wie ein neues Paar Schuhe, in dem man zwar sofort gehen kann, sich aber dennoch auf den ersten Metern komplett sonderbar fühlt?

Es ist ein Lernprozess. Wenn man mit dem Akustiker Yasuhisa Toyota zu tun hat, bewegt man sich von vornherein auf hohem Niveau. Ist die Elbphilharmonie-Akustik warm? Nein. Für bestimmte Stücke wird es dort sehr einfach sein. Aber beim großen romantischen Repertoire müssen alle erst lernen, was man tun muss. Die Noten, die man spielt, benötigen eine sehr bestimmte Gestaltung. Spielt man sie in Hamburg mit einem kantigen, geraden Ende, wirkt das so, als ob sie über eine Kliffkante fallen. Sie brauchen also einen leicht unnatürlichen, langen, runden Abschluss. Aber: Die Atmosphäre ist wunderbar. Und das Gefühl dieser Nähe zum Publikum ist wirklich bewegend. Man spürt die Konzentration der Menschen, die einen umgeben. Das macht einen Unterschied, beim Klang und bei der Emotion.

Was haben Sie denn in der einen Stunde Einspielprobe vor Ihrem Konzert überhaupt konkret justieren können?

Ich habe schon viel Erfahrungen mit trockenen Hallen. Man weiß irgendwann, was man tun muss. Und Bruckners Achte ist so tief in den Berlinern verwurzelt – wir hatten also genügend Zeit, um zu klären, was wir anders machen müssen.

Wie sah das Meinungsbild im Orchester vor dieser ersten Begegnung aus, und wie danach?

Jeder sagte: Oh, das ist hart hier. Gleich in den ersten fünf Minuten. Im Konzert selbst fühlten sich alle aber sehr viel besser. Und alle waren von der Schönheit des Raums in den Bann geschlagen. Auch das sorgt für einen Unterschied.

Wichtig ist aber nicht nur, was wie beim Publikum ankommt – auch die akustische Selbstwahrnehmung des Orchesters zählt.

Der Kontakt der Musiker miteinander ist sehr gut, denke ich. Das hört man. Die Klangmischungen sind schwieriger, ­daran muss man hart arbeiten. Der Saal möchte Klänge offenbar lieber sehr klar voneinander trennen. Wenn man im Amsterdamer Concertgebouw spielt, muss man sehr auf die Artikulation achten. Wenn man in die Elbphilharmonie geht und zu sehr artikuliert, wird es einfach zu secco.

Was ist die größte Stärke des Großen Saals, was seine größte Schwäche?

Oh, ich weiß nicht. Und jetzt möchte ich noch nicht mal vorsichtig sein: Wir müssen alle erst herausfinden, wie man dort spielt. In einem Jahr oder zwei haben wir vielleicht eine gute Antwort. Klar ist aber: Der Saal ist sehr gut. Und: Er macht Orchestern das Leben nicht einfacher. Bestimmt ist er auch für Kammermusik ganz erstaunlich.

Bei Ihrem Konzert hier schienen Sie persönlich einen schönen Abend gehabt zu haben.

Oh ja, wir hatten enormen Spaß. Auch, weil das Orchester so wahnsinnig neugierig auf diesen Raum war.

Frisch eröffnete Konzertsäle sollen nicht nur neues Publikum anziehen, sondern auch das jeweilige „Hausorchester“ besser werden lassen. In den frühen Jahren Ihrer Karriere in Birmingham haben Sie das selbst erlebt. Die Berliner waren schon vor dem Einzug 1963 in die Philharmonie ein Top-Orchester und haben die dortige Justierungsphase längst hinter sich – das Hamburger NDR Orchester ist noch mittendrin. Was würden Sie empfehlen?

Ganz einfach: Geduld. Der NDR hat ja bislang in der Laeiszhalle gespielt, die unterschiedlicher kaum sein könnte. Es braucht einfach Zeit. Ein Beispiel nur: Nachdem der Saal in Birmingham eröffnet wurde, wurde allen Oboisten und Fagottisten schlagartig klar, dass sie für Konzerte dort andere, sanfter klingende Rohre brauchen, weil ihr Klang sonst zu sehr aus dem Gesamtbild heraussticht. Manchmal geistern mystische Dinge herum, dass Säle Patina ansetzen. Vielleicht ist es auch nur der Staub an den Wänden. Alle müssen lernen, wie man mit diesem Instrument umgeht.

Den Job als neuer Chefdirigent beim London Symphony – Beginn ist im Herbst – können Sie jetzt nicht mehr absagen, doch es ist schon tricky: Dort sind die Planungen für einen neuen Konzertsaal festgefahren. Sie haben einmal gesagt, dass die Kostenexplosionen hier „keine gute Werbung“ für das Londoner Projekt war. Der Brexit macht es auch nicht einfacher. Und hier an der Elbe steht jetzt dieses Prestige-Gebäude, ist eröffnet und ein Hit. Was bedeutet das für Ihre Londoner Ambitionen?

Ist doch wunderbar. Jeder ist glücklich, wenn es eine neue Spielstätte gibt, die wirklich funktioniert. Wie arbeiten jetzt sanft in London an unseren Ideen weiter und bleiben optimistisch. Ansonsten bleibt London eine der letzten großen Städte ohne einen entsprechenden Konzertsaal. Hamburg sollte sehr stolz sein.

Welche Rolle kann ein so spektakulärer Konzertsaal wie die Elbphilharmonie für den Umgang mit Kultur in unserer Gesellschaft spielen?

Man kann an dem allgemeinen Interesse an einem solchen Ort erkennen, dass er wie ein Leuchtfeuer für die Menschen sein kann, eine Orientierungsmarke. Und natürlich wird er mit jedem Jahr eine größere Rolle im Bildungsbereich spielen. Konzertsäle sind keine Museen für frühere Kulturen, sie sind lebendige Orte, eingebettet in unserer Gesellschaft. Für Hamburg als Stadt kann das nur gut sein. In fünf Jahren wird Hamburg ohne die Elbphilharmonie unvorstellbar sein. Ich bin alt genug, um mich an die Diskussionen um Tate Modern in London zu erinnern – inzwischen ist es die größte Attraktion des Landes.

Vor dem 11. Januar, dem Eröffnungstag, war Hamburgs klassische Konzertlandschaft keine direkte Konkurrenz für Berlin. Hat sich das geändert?

Die Säle sind sehr unterschiedlich. Einen Tag nach dem Konzert in Hamburg haben wir wieder zu Hause gespielt, und alle dachten: Oh ja ... okay ... Es gibt bei uns eine Art von Wärme, die der neue Hamburger Saal nicht hat. Doch jeder Saal ist anders, wie jede Geige. Und Sie haben jetzt zwei Säle mit sehr unterschiedlichen Charakteren. Wie großartig!

Rattle-Konzerte in der Elbphilharmonie: 15./16.1. 2018, mit dem LSO: zunächst mit Magdalena Kozena (Mezzosopran) und Werken von Schubert, Mahler, Händel, Rameau. Am nächsten Abend: Werke von Janacek, Carter, Berg, Bartók, Solistin: Isabelle Faust (Violine). Infos: www.elbphilharmonie.de