Niendorf

Flüchtlinge müssen in Halle wohnen – neues Heim steht leer

Die Flüchtlingsunterkunft an der Schmiedekoppel ist weitgehend fertig. Doch Flüchtlinge dürfen nicht einziehen, sondern müssen in Tennishallen bleiben.

Die Flüchtlingsunterkunft an der Schmiedekoppel ist weitgehend fertig. Doch Flüchtlinge dürfen nicht einziehen, sondern müssen in Tennishallen bleiben.

Foto: Michael Rauhe / HA

Einrichtung an der Schmiedekoppel bleibt ungenutzt, während nebenan Flüchtlinge sehr beengt leben. Stadt zahlte 1,36 Millionen Euro.

Hamburg.  Die Luft ist feucht und stickig. Wenn die Sommersonne so richtig auf das Dach der ehemaligen Tennishallen an der Papenreye knallt, wird für die mehreren Hundert Flüchtlinge der Aufenthalt zwischen den eng gestellten Betten fast unerträglich. Bei Gewitter und Sturzregen hingegen führt sie der Gang zur Toilette oder zur Dusche über mannsgroße Pfützen und matschige Sandwege.

Die übergroße Mehrheit der jungen Flüchtlinge, die seit Herbst vergangenen Jahres zusammengepfercht in den Tennishallen leben, sind Deutschland dankbar und stellen keine großen Ansprüche. Sie sind froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Aus ihrer syrischen Heimat beispielsweise, die gerade im Chaos versinkt.

Doch wenn die jungen Männer ein paar Schritte die Straße hinaufgehen, bis hin zur Schmiedekoppel, dann wachsen in ihnen Zweifel an dem Verhalten von Hamburgs Behörden. Sie können nicht verstehen, dass sie in den unwirtlichen Hallen bleiben müssen, während in der Nähe eine neue Unterkunft seit Wochen leer steht.

500 Plätze stehen seit Wochen zur Verfügung

Dabei handelt es sich um die Flüchtlingsunterkunft Schmiedekoppel. Bis zu 1800 Menschen sollen auf einem ehemaligen Parkplatz untergebracht werden, der gut drei Fußball­felder groß ist. Bis zum Jahr 2020 hat die Stadt das Areal gemietet. Neben 1000 Wohncontainern auf einer Asphaltfläche wird es hier eine größere Wiese mit 800 Holzhütten geben. Diese sind vor allem für die Unterbringung von Flüchtlingsfamilien gedacht.

Auch wenn die Einrichtung noch nicht bis ins letzte Detail fertig gebaut wurde, stünden bereits seit gut sechs Wochen rund 500 Plätze zur Ver­fügung, sagt Petra Witt, Sprecherin des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). Etwa 30 Mitarbeiter beschäftigt das Sozialunternehmen für die Schmiedekoppel – ebenfalls seit mehreren Wochen.

Doch an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz, der Unterkunft Schmiedekoppel, haben sie bislang wenig zu tun. Denn die Einrichtung, die eigentlich schon im vergangenen Dezember bezugsfertig sein sollte, steht nach wie vor leer, während nur wenige Hundert Meter weiter Hunderte Flüchtlinge unter überaus schwierigen Bedingungen hausen müssen.

„Vor allem alleinstehende Männer haben bisher das Nachsehen“, sagt eine ehrenamtliche Helferin dem Abendblatt. Frauen und Familien hätten auf dem Papenreyer Tennisgelände aufgestellte Container bezogen. „Die männlichen Flüchtlinge legen dagegen teilweise seit Oktober in den Hallen. Räumlich beengt, denn es gibt keine Privatsphäre. Selbst in der Nacht haben sie keinen Augenblick Ruhe“, berichtet die Helferin.

Die Sprecherin von Hamburgs Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel verweist darauf, dass ein teilweiser Bezug der Einrichtung von Mitte April an nicht möglich gewesen sei, weil erforderliche Genehmigungen noch nicht vorgelegen hätten. Jetzt sei die Fertigstellung der Asphaltfläche für Juli geplant. Mitte Juli soll mit der Teilbelegung begonnen werden. Die „Wiese“ hingegen werde wohl erst einige Wochen später fertiggestellt und belegt.

Allerdings zahlt die Stadt bereits seit Januar dieses Jahres für Personal, Betrieb, Reinigung, Wachdienst und Montage erhebliche Summen an Geld. Von Januar bis Mai wurden dem ASB offiziellen Angaben zufolge rund 1,36 Millionen Euro überwiesen.

„Menschen­unwürdige Umstände“ für Flüchtlinge

CDU-Fraktionsvize Karin Prien macht dem rot-grünen Senat schwere Vorwürfe. Seit Monaten sei die Unterkunft teilweise bezugsfertig und bezahle die Stadt das Personal des Betreibers. Doch statt die Unterkunft zu belegen, müssten Flüchtlinge in unmittelbarer Nachbarschaft unter „menschen­unwürdigen Umständen“ leben. „Das ist gegenüber den Flüchtlingen, den Freiwilligen, den Mitarbeitern und dem Steuerzahler unverantwortlich.“

Prien vermutet hinter dem Vor­gehen des Senats Verzögerungstaktik, um „integrationsfeindliche Großsiedlungen“ durchzusetzen. Auffällig sei, dass an der Schmiedekoppel und am Lise-Meitner-Park in Lurup die Belegung immer weiter verzögert werde. „Offenbar hat der Senat im Verhandlungspoker mit der Volksinitiative ein taktisches Interesse daran, die prekären Unterkünfte nicht unverzüglich aufzulösen. Das aber ist eine Politik, die an Zynismus kaum zu überbieten ist.“

Unklar ist, warum an der Schmiedekoppel nach wie vor eine Erstaufnahmeeinrichtung entstehen soll. Innen­senator Andy Grote (SPD) hatte erst vor wenigen Tagen die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Rahlstedt der Öffentlichkeit vorgestellt und erklärt, dass fortan alle neu eintreffenden Flüchtlinge ausschließlich dort regis­triert und von dort auf Folgeeinrichtungen verteilt werden sollen.

Prien beklagt, dass der Senat sich bislang weigert, seine Planungen für Erstaufnahme- und Folgeunterkünfte anzupassen. Anfang der Woche hatten die Fraktionschefs von SPD und Grünen, Andreas Dressel und Anjes Tjarks, erklärt, Hamburg werde angesichts sinkender Flüchtlingszahlen Neuankömmlinge künftig nicht mehr in Baumärkten und Zelten unterbringen. Zudem sollen Standorte in Hallen und Zelten schrittweise reduziert werden.

Startschuss für die millionenschwere Flüchtlingsunterkunft in der HafenCity

Unterdessen wurde in der HafenCity mit dem Aufbau von Wohncontainern für Flüchtlinge begonnen. Die Unterkunft ist aufgrund der hohen Erschließungskosten in mehrstelliger Millionenhöhe umstritten. Die 720 Plätze, die 2019 wieder abgebaut werden müssen, kosten 24 Millionen Euro.