Schmiedekoppel

Warum das Flüchtlingsheim in Niendorf noch nicht fertig ist

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Friederike Ulrich, Michael Rauhe (Fotos)
Würden am liebsten schon mit der Kinderbetreuung anfangen: die ASB-Mitarbeiter Hanneke Lemstra und Dirk Grüner

Würden am liebsten schon mit der Kinderbetreuung anfangen: die ASB-Mitarbeiter Hanneke Lemstra und Dirk Grüner

Foto: Michael Rauhe

Ursprünglich sollte die Erstaufnahme für 1800 Menschen in Niendorf schon im Dezember fertig sein. Ein Baustellen-Besuch.

Niendorf.  Eigentlich sollten hier schon lange Flüchtlinge leben. Doch die erst zu Dezember, dann zu Mitte März geplante Fertigstellung der Zen­tralen Erstaufnahme (ZEA) Schmiedekoppel in Niendorf verzögert sich noch bis Ende Juni. Am Mittwoch stellte der Betreiber, der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), die halb fertige Einrichtung der Öffentlichkeit vor. Der große Andrang blieb aus – trotz Luftballons und freundlich lächelnder Beschäftigter. Etwa 30 Mitarbeiter habe man bereits eingestellt, sagt Sprecherin Petra Witt. „Sie stehen in den Startlöchern.“

Während sie sonst in der nahen, ebenfalls vom ASB betriebenen ZEA Papenreye aushelfen und sich dort um die Flüchtlinge kümmern, betreuten sie an diesem Tag der offenen Tür die Besucher der künftigen ZEA Schmiedekoppel. Dort will die Stadt 1800 Flüchtlinge unterbringen. Dafür hat sie bis zum Jahr 2020 eine mehr als 13.000 Quadratmeter ehemalige Parkplatzfläche der Mercedes-Benz-Niederlassung angemietet, auf der unter dem Arbeitstitel „Asphalt“ eine Containerunterkunft entsteht. Außerdem wird eine knapp 11.000 Quadratmeter große Grünfläche, die „Wiese“, mit Holzhütten bebaut.

Sozialräume sind das Herz der Zen­tralen Erstaufnahme

Die „Wiese“ ist noch Brachfläche – lediglich der zwei Meter hohe und acht Meter breite Wall ist schon aufgeschüttet. Er soll später bepflanzt werden und ist als Sichtschutz für die Nachbarn gedacht. Auf der „Asphalt“-Fläche stehen schon etliche Gebäude. Rechts hinter dem Security-Häuschen liegt der Verwaltungstrakt: eine einstöckige Containerreihe mit Aufenthaltsräumen für das Personal, einer Registrierungsstelle, einer Arztpraxis, der Quarantänestation, dem Lager für Hygieneartikel sowie einer Kleiderkammer. Links stehen bereits drei von insgesamt sechs Containerblöcken. Jeder verfügt über drei Etagen, in denen jeweils 60 Menschen in 15 Zimmern untergebracht werden. Am Ende jedes Flurs gibt es Toiletten und Duschen.

Die gesamte Innenausstattung ist nüchtern gehalten: Kunststoffboden, Betten, Spinde, Tische, Stühle und Duschvorhänge in unterschiedlichen Grautönen. Hier werden erst die Bewohner mit ihren Habseligkeiten Farbe hereinbringen.

In einem zweistöckigen Block in der Mitte des Geländes – der in gleicher Form noch einmal direkt daneben geplant ist – befindet sich im Erdgeschoss die Kantine, in der rund 170 Menschen Platz finden. In der Etage darüber liegen die Sozialräume: das Herzstück der Einrichtung und im Gegensatz zu den übrigen Räumlichkeiten farbenfroher ausgestattet.

Unterrichtsräume und Werkstätten sind einsatzbereit

Im „Raum der Stille“ hängen mit Blumen bemusterte Vorhänge. Auf drei runden Tischen stehen Tulpen und Windlichter, die Rollläden sind heruntergelassen – eine relativ gemütliche Atmosphäre. Gegenüber liegt der Raum für Deutschunterricht, in dem bereits ein Flipchart und ein Kopierer stehen. „Das Smartboard kommt noch“, sagt Petra Witt. Es wird von Smart Technologies gespendet, den Umgang damit erlernen die ehren- und hauptamtlichen Flüchtlingshelfer von Mitarbeitern des Hamburger Lehrerinstituts.

Im Nebenraum wird die Vorbereitungsklasse für Schulkinder untergebracht. Auf den in U-Form aufgebauten Tischen liegen bereits bunt illustrierte Bücher zum Deutschlernen. An der Tafel steht in mehreren Sprachen „Herzlich willkommen“.

„Wir versuchen, bei unseren Mitarbeitern und dem Wachpersonal einen guten Mix zu finden, sodass die meisten Sprachen abgedeckt sind“, sagt Tobias Ballendat, Leiter der ZEA Papenreye. In der sogenannten Werkstatt könnte sofort losgelegt werden: Pinsel, Farben und Papier liegen bereit. Auch mit Ton soll hier gearbeitet werden. Bildhauer Heinrich Eder, der regelmäßig in der ZEA Papenreye mit Flüchtlingen töpfert, hat auf einem Tisch einige dort entstandene, berührende Arbeiten ausgestellt – darunter ein überfülltes Boot, Panzer und Soldaten.

Auch der Bereich für die Kinderbetreuung stünde sofort zur Verfügung. Auf einem Spielteppich warten Lego und Autos, daneben steht ein Schaukelpferd, auf den Tischen liegen Malsachen und Spielzeug. Bis hier tatsächlich Kinder betreut werden, kümmert sich die dafür eigens eingestellte Niederländerin Hanneke Lemstra um die Jungen und Mädchen an der Papenreye.

Folgeunterkunft entsteht wohl nicht

„Eigentlich könnten hier sofort knapp 500 Flüchtlinge einziehen“, sagt Petra Witt. Doch das ist nicht geplant. „Wir wollen mit der Belegung warten, bis alles fertig ist. Die Bewohner sollen nicht auf einer Baustelle leben“, sagt Christiane Kuhrt vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge. Die im vergangenen Jahr geplante Einrichtung sei mit 1800 Plätzen angesichts der sinkenden Flüchtlingszahlen vielleicht etwas groß. „Doch wer weiß, was noch kommt“, so Kuhrt. Noch immer lebten mehr als 5000 Flüchtlinge in Hallen und Zelten. Der Platz werde gebraucht, um andere Standorte auflösen oder im Notfall reagieren zu können, wie kürzlich, als in Bergedorf ein Baumarkt nach einem (mittlerweile unbestätigten) Legionellenverdacht geräumt werden musste.

Als Grund für die verzögerte Fertigstellung der Unterkunft nennt Christiane Kuhrt die noch immer bestehende Schwierigkeit, Container zu beschaffen Außerdem seien die Vorbereitungen aufwendig gewesen: So wurde um das Grundstück eine Drainage gelegt, weil Nachbarn durch die Baumaßnahmen ansteigendes Grundwasser und feuchte Keller befürchteten.

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