Hamburg. Dr. Marieke Hülskötter vom Albertinen Krankenhaus über 14-stündige Eingriffe und was verhindern kann, auf dem OP-Tisch zu landen.

Wir alle machen Fehler bei der Arbeit, das ist menschlich. Während die meisten von uns sich in einem solchen Fall aber von den Kollegen mit den Worten „ist doch nicht so schlimm, wir machen hier schließlich keine OP am offenen Herzen“ trösten lassen können, geht dies bei Dr. Marieke Hülskötter nicht.

Denn sie macht genau das: Die 37-Jährige ist Herzchirurgin im Albertinen Herz- und Gefäßzentrum in Hamburg-Schnelsen. Wie ihr Arbeitsalltag in diesem sehr besonderen Beruf aussieht und was jeder von uns für seine Herzgesundheit tun kann, darüber spricht die Fachärztin im Abendblatt-Podcast „Hamburger Klinikhelden“.

Krankenhaus Hamburg: Eine Herz-OP ist feinmechanische Chirurgie

Marieke Hülskötter wusste schon mit 14, dass sie Medizinerin werden will. Als sie nach dem Studium eine Stelle in der Herzchirurgie in St. Georg angeboten bekam, erwies sich das für sie als Glückstreffer: „Ich mag diese feinmechanische Chirurgie, ich mag, dass alles sehr kleinteilig und detailliert und präzise sein muss“, so die gebürtige Baden- Württembergerin.

Bei den Patienten, die sie betreut, ist häufig nicht nur das Herz krank, sondern es sind auch andere Organe betroffen. Das bedeutet für die Ärztin viel Vorbereitung, Nachsorge und ein breites medizinisches Wissen: „Man muss zusätzlich ein halber Internist und ein Dreiviertelkardiologe sein, um diese komplexen Patienten zu betreuen. Diese Herausforderung reizt mich sehr“, sagt Dr. Hülskötter.

Albertinen Krankenhaus in Schnelsen ist für chirurgische Qualität bekannt

Im Alltag auf Station des Albertine Krankenhauses ist die junge Medizinerin unter anderem für die Kommunikation mit den Pflegekräften, die Einarbeitung neuer Kollegen, medizinische Rückfragen und organisatorische Dinge zuständig.

Um operative Routine zu gewinnen, hat sich Marieke Hülskötter vor vier Jahren bewusst dafür entschieden, in die Klinik nach Schnelsen zu gehen: „Das Albertinen hat auch von Weitem einen wahnsinnig guten Ruf, was die chirurgische Qualität angeht. Es ist ein kleines Haus, sodass ich dachte, in dem Setting kann ich gut operieren lernen und habe vor allem auch gute Betreuung.“

Krankenhaus Hamburg: Chirurgin führt vor allem Bypassoperationen durch

Als Chirurgin führt sie derzeit vor allem Bypassoperationen durch. Hierbei werden Gefäße als Umgehungen angelegt, um viele oder langstreckige Verengungen an den Herzkranzgefäßen zu überbrücken, damit der Herzmuskel wieder ausreichend mit Sauerstoff und Blut versorgt werden kann. Im Albertinen werden hierfür fast ausschließlich die Brustwandarterien eingesetzt, die deutlich länger offen bleiben als venöse Gefäße.

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Auch die Aortenklappe, die man sich als Ventil zwischen Herz und Körperkreislauf vorstellen kann, repariert sie operativ, wenn diese verkalkt oder undicht ist.

„Am allerspannendsten finde ich die große Aortenchirurgie“, erzählt Dr. Hülskötter. „Das bedeutet wirklich Operationen an der Hauptschlagader unterschiedlichen Ausmaßes.“ Für solche Operationen, geplant wie bei Notfällen, brauche es viel Erfahrung. „Da möchte ich gerne hinkommen“ beschreibt die Fachärztin ihr Ziel.

Herz-Operationen können zwölf bis 14 Stunden dauern

Als Assistentin begleitet sie solche OPs bereits. Richtig komplizierte Herz-Operationen mit instabil eingelieferten Patienten, etwa Einrisse der Wandschichten unserer Hauptschlagader, sogenannte Dissektionen, können zwölf bis 14 Stunden dauern und gehören in sehr erfahrene Hände. Standardoperationen in der Herzchirurgie liegen zwischen vier und sechs Stunden.

Oft arbeiten die Chirurgen millimetergenau mit der Lupenbrille. Die Konzentration zu halten und überhaupt so lange stehen zu können, müssen die Ärzte lernen, denn mittendrin abgelöst werden sie nicht, stellt Dr. Hülskötter klar: „Man steht die Operation als am Tisch steril eingewaschener Chirurg zu Ende. Es gibt Berufsgruppen im Saal, die werden ausgetauscht oder die lösen sich ab, aber der Operateur bleibt von Anfang bis Ende.“

Hamburger Ärztin: „Der herzchirurgische OP ein sicherer Ort“

Bis sie das komplette Repertoire der Eingriffe operieren darf, dauert es in der Regel mehr als zehn Jahre. Nur wer sehr routiniert ist, führt die teils sehr komplexen Operationen durch. Daher „ist der herzchirurgische OP ein sicherer Ort: Während der Operation passt ein ganzes Team von Experten gemeinsam auf den Patienten auf“, sagt die Fachärztin.

Marieke Hülskötter ist sich darüber bewusst, dass ein Patient, der vor einer Herz-OP steht, meist sehr aufgeregt ist, deswegen ist es ihr in den Vorgesprächen besonders wichtig, ihm zu vermitteln, dass er in guten Händen ist: „Wir führen teilweise fünf Bypass-OPs am Tag durch. Hierfür stehen mehrere Teams bereit, sodass in der Regel jeder Patient von einem ausgeruhten und eingespielten Team versorgt wird.“

Gesundheit: Was man tun kann, um nicht auf dem OP-Tisch zu landen

Um zu verhindern, auf ihrem OP-Tisch zu landen, empfiehlt die Ärztin viel Bewegung an der frischen Luft und ausgewogene Kost. „Unsere Patienten leiden häufig unter Diabetes, haben zu hohen Blutdruck und oft auch mal Übergewicht. Das sind alles Wohlstandskrankheiten, die man mit gesunder Ernährung und Bewegung zwar nicht immer vermeiden, aber zumindest in Schach halten kann“, so Dr. Hülskötter.

Die Herzmedizin werde sich immer weiter technisieren, ist die Chirurgin überzeugt, auch um den Patienten das Durchtrennen des Brustbeins, große Narben und Schmerzen zu ersparen: „Es gibt immer mehr Ansätze, das Herz zu versorgen, ohne den Brustkorb zu öffnen“, erklärt sie.

Herzchirurgie und der Kardiologie verzahnen sich immer mehr

Die Grenzen zwischen der Herzchirurgie und der Kardiologie, die klassischerweise nicht am offenen Herzen behandelt, würden sich immer mehr verschieben, die besondere Expertise beider Fachrichtungen in speziellen OP-Teams zusammengeführt.

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So würden beispielsweise schon seit einigen Jahren Herzklappen, die man neben der offenen Operation bei geeigneten Patienten auch über die Leiste implantieren kann, von einem Team aus einem Herzchirurgen und einem Kardiologen operiert. „So verzahnen sich die beiden Disziplinen immer weiter, in diese Richtung weist die Zukunft“, sagt die Ärztin.

Ihr Beruf ist fordernd. Zum Ausgleich macht Marieke Hülskötter viel Sport, zur Arbeit fährt sie mit dem Rad, bei jedem Wetter. „Wenn ich könnte, würde ich zum Abschalten gerne noch häufiger wandern oder langlaufen gehen, aber da wir in Hamburg wohnen, findet tatsächlich sehr viel Sport im Fitnessstudio statt.“

Krankenhaus Hamburg: Noch keine weiblichen Chefärzte in der Herzchirurgie

Aktuell gibt es bundesweit keinen weiblichen Chefarzt in der Herzchirurgie, doch das Geschlechterbild in den Kliniken verändert sich: Auf Assistenzarztebene seien bereits die meisten ihrer Kollegen weiblich, erzählt Dr. Hülskötter. Für diesen Beruf brauche man vor allem viel Durchhaltevermögen, weiß sie. Eine Eigenschaft, die Frauen durchaus nachgesagt wird.

In Deutschland gebe es zurzeit nur etwa 80 Kliniken für Herzchirurgie – ein relativ kleines Feld, erklärt Marieke Hülskötter: „Das ist natürlich hart umkämpft, aber ich glaube, es ist absehbar, dass in den nächsten Jahren deutlich mehr Frauen auf Oberarztstellen vorrücken und dementsprechend dann auch in Chefarztpositionen landen.“