Eimsbüttel/Lübeck

Nachbarn verbinden sich – für ein besseres Leben

Vom Kleinen Kielort in Eimsbüttel aus wollen Dina Sierralta (rotes Tuch) und die anderen Cloudsters die Welt verbessern – zumindest im Kleinen

Vom Kleinen Kielort in Eimsbüttel aus wollen Dina Sierralta (rotes Tuch) und die anderen Cloudsters die Welt verbessern – zumindest im Kleinen

Foto: Michael Rauhe / HA

Sie nennen sich Cloudsters: Eine Gemeinschaft teilt sich in Eimsbüttel einen Raum und hilft sich gegenseitig.

Eimsbüttel/Lübeck.  Von einem loftartigen, weißen Raum in einem Eimsbütteler Hinterhof aus wollen Dina Sierralta und die anderen die Welt verbessern. Im Kleinen zumindest, und noch stehen sie auch ganz am Anfang. Aber was sie sich vorgenommen haben, klingt groß: „Wir wollen unsere Kreativität, unser Können und unsere Energien verbinden mit dem Ziel, dass alle ein gutes Leben haben“, sagt Dina Sierralta.

Cloudsters nennt sich das, was Frau Sierralta und die anderen auf die Beine stellen. Dabei kommen Menschen zusammen, die Lust haben, sich für ihre Stadt zu engagieren. Es ist ein gemeinnütziges Projekt, das zum einen Co-Working-Arbeitsplätze in dem ehemaligen Gewerbehof am Kleinen Kielort vermietet und zum anderen Nachbarn zusammenbringt, ein Netzwerk aufbauen möchte, um gemeinsame Ideen zu erarbeiten und zu verwirklichen. Vom Ich zum Wir.

Oder, wie es Dina Sierralta formuliert: „Cloudsters ist: wir für alle.“ Cloudsters geben beispielsweise ihr Wissen in Workshops kostenlos an andere weiter oder verschenken Dinge, die sie nicht mehr benötigen, an Menschen, die sie gebrauchen können. „Wie schaffen wir es, dass alle Menschen ein lebenswertes Leben haben?“, fragt sich Dina Sierralta und hat diese Frage zusammen mit ihrem Vornamen auf ein Pappschild geschrieben. An den Wänden hängen Plakate mit Piktogrammen, auf denen stehen Sätze, die von einem Motivationscoach stammen könnten. „Wann immer es beginnt, es ist die richtige Zeit“ oder „Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen kann“ und „Wer auch immer kommt, er ist der/die Richtige!“ heißt es da. Hier ist Aufbruchstimmung zu spüren. „Ja, wir schaffen das!“ könnte auch irgendwo prangen.

Dina Sierralta und ihre Mitstreiterin Antares Reisky haben eingeladen zum monatlichen Frühstück am Kleinen Kielor­t. Was virtuell auf Plattformen bereits in 21 Städten läuft – Menschen bringen ihre Ideen und ihre finanziellen Möglichkeiten in lokale gesellschaftliche Aufgaben ein –, hat mit dem Loft seit einem Jahr auch in Hamburg einen Ort gefunden. Andere Standorte gibt es unter anderem in Lübeck, Dresden, Berlin und Stuttgart.

Beim Frühstück können Projekte vorgestellt werden. An diesem Morgen spricht Gunda Gering über Design Coaching. Die 44 Jahre alte Grafikdesignerin aus Eimsbüttel nutzt den Raum einmal wöchentlich zum Arbeiten und plant nun einen Workshop für diejenigen, die mehr über Design lernen wollen oder wie man einen Internetauftritt oder Flyer gestaltet. Sie gibt ihr Wissen unentgeltlich weiter. Und das ist ein Kern von Cloudsters: sein Können mit der Gemeinschaft zu teilen.

Es geht auch um Nachhaltigkeit

Das möchte auch Isger Janson. Der 26-Jährige studiert IT-Management und engagiert sich im Bereich EdTech. Das bedeutet, moderne digitale Medien und Technologien für die Bildung zu nutzen. Janson möchte Bildung und Technologie miteinander bekannt machen, also lädt er Lehrer und Softwareentwickler zum Austausch ein. „Gemeinsam können wir die Frage klären: Was kann man mit modernen Medien erreichen?“, sagt Janson. Engagierte Lehrer oder andere Bildungsexperten können sich an Isger Janson wenden, wenn sie Hilfe benötigen.

Maurice Pfleiderer kommt gerade aus der Bogenstraße nebenan. Er vertreibt einen dieser modernen Gesundheitsdrinks aus Spirulina-Algen, hat gleich ein paar Tüten mit dem Gefrorenen mitgebracht und stellt es den anderen vor. „Uns geht es auch um Nachhaltigkeit, da sehe ich eine Schnittmenge mit Maurice“, sagt Dina Sierralta.

Woher kommt dieser Drang, die Dinge mit anderen anzupacken? „Es ist nicht nur das Bedürfnis sich zum Wohle seiner Stadt, der Nachbarschaft oder eines bestimmten Projekts zu engagieren, sondern es ist auch die Lust auf Gemeinschaft und dem Austausch mit Gleichgesinnten“, sagt Professor Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen. „Gerade in einer zunehmenden individualisierten, virtuellen und anonymeren Welt wird dieses immer wichtiger.“

Schenkvergnügen war ein Erfolg

Oder wie es der Vater der Hamburger Cloudsters ausdrückt: Das Ganze ist eine Art moderner Bürgerstiftung, die als Hilfsmittel die Medien und Technologie nutzt, um ihr Wissen und Engagement zu bündeln, sagt Holger Eggerichs beim Frühstück am Kleinen Kielort. Eggerichs hat das Projekt vor mehr als elf Jahren in Lübeck gegründet. Dort haben die Mitglieder einen Naturkindergarten aufgebaut und Energiegenossenschaften mit gegründet, sie arbeiten am Thema Weiterbildung für alle Schichten. Es bleibt also nicht nur bei Visionen und Ideen. Es entsteht Konkretes. „Frag doch mal die Cloudsters“, heißt es inzwischen in Lübeck, wenn Projekte angeschoben werden sollen und noch Fragen offen sind.

Im Gegensatz zu den rund 1000 Cloudsters in Lübeck ist die Hamburger Gruppe mit ihren etwa 100 Mitgliedern noch klein. Aber einige Aktionen und Projekte können sie bereits vorweisen: Beim Schenkvergnügen im September kamen rund 50 Nachbarn zusammen, um Dinge, die nicht mehr benötigt werden, anderen zu schenken. Beim Open Space ist jeder eingeladen, seine Perspektive, Fragen, Projekte und Ideen einzubringen. Die Themen werden frei gewählt. Da kann es um nichts Geringeres als die „Digitale Transformation und die Zukunft der Arbeit“ gehen. Die ganz großen Themen eben.

Selbstverständlich müssen die Cloudsters ihren Kühlschrank füllen können, sagt Holger Eggerichs, und Geld verdienen. Nebenbei aber können sie Ideen für eine bessere Welt entwickeln.

Cloudsters treffen sich zunächst virtuell. Ist die Gemeinschaft groß genug, werden Räume angemietet. Jedes Mitglied kann für einen monatlichen Beitrag von 30 bis 100 Euro den Raum 365 Tage im Jahr mitbenutzen – bundesweit. Mit den Einnahmen werden Projekte finanziert. Infos unter hamburg.cloudsters.net.