Elbvororte

Nienstedtener wollen keine neuen reichen Nachbarn

Aufstand in Nienstedten: Ein aus Sicht der betroffenen Anwohner überproportioniert Neubau sorgt im beschaulichen Ort für Ärger

Aufstand in Nienstedten: Ein aus Sicht der betroffenen Anwohner überproportioniert Neubau sorgt im beschaulichen Ort für Ärger

Foto: Katy Krause / HA

Ärger um Neubauprojekt auf 1500 Quadratmetern: Viele Anwohner wehren sich gegen geplante Luxuswohnungen.

Nienstedten.  Sie kamen an einem Sonnabend und rückten der riesigen Hängebuche zu Leibe. Nach ein paar Stunden war weg, was hier in den vergangenen 100 Jahren gewachsen war. Mit dem gefällten Baum verschwand auch der letzte Rest nachbarschaftlichen Verständnisses. Man schneidet sich, schmiedet hinter verschlossenen Türen Pläne gegeneinander und streitet sich sogar öffentlich mit erhobener Stimme. Dabei ist das sogar nicht die Art, die man hier normalerweise pflegt. Nienstedten gilt als vornehmer Elbvorort, darauf legen die Bewohner wert. Der kleine Stadtteil an der Elbe hat die höchste Millionärsdichte. Das Durchschnittseinkommen der Bewohner ist das höchste der Stadt. Ja, es ist auch höher als das in Blankenese. Nur man spricht eben nicht darüber. Doch über das, was da derzeit in der Jürgensallee mitten in Nienstedten passiert, spricht man.

18 Meter hohe Buche muss weg

Anlass für den Ärger ist ein Bauprojekt. Auf einem rund 1500 Quadratmeter großen Grundstück soll ein zweigeschossiges Mehrfamilienhaus mit 760 Quadratmetern Wohnfläche aufgeteilt auf vier Wohnungen plus Terrasse und Keller entstehen. Dafür muss der Altbau und eben auch die ausladende 18 Meter hohe Buche weichen. Klingt im ersten Moment relativ normal. Dazu muss man aber wissen: Was in anderen Stadtteilen längst üblich ist – also dass deutlich mehr als die Hälfte eines Grundstücks bebaut wird und darauf Mehrfamilienhäuser mit zahlreichen Wohnungen entstehen – ist für Nienstedtener Verhältnisse neu. Denn den Ort prägen Villen mit parkartigen Gärten. Zumindest noch.

Zum Schutz der städtebaulichen Struktur sieht der gültige Bebauungsplan nicht mehr als zwei Wohnungen pro Grundstück vor. Auch die überbaubare Fläche ist auf 30 Prozent reglementiert. Theoretisch. Praktisch sind eben auch einmal Ausnahmen von der Regel möglich. Im Fall an der Jürgensallee ist die Ausnahme schon erstaunlich großzügig. Immerhin wurden doppelt so viele Wohnungen erlaubt, also 100 Prozent mehr, und bei der überbaubaren Fläche wurde ein Zuschlag von 70 Prozent gewährt.

Die Villa grenzt an den Neubau

„Uns ärgert, dass eine Baubehörde so etwas durchwinkt“, sagt Robert Weymar. Der Gründer einer Werbeagentur hatte in mühsamer Arbeit seine Gründerzeitvilla vor dem drohenden Abriss gerettet. Das Haus aus dem Jahr 1888 diente dem Kommerzienrat Hermann Renner einst als Gästehaus. Die heute unter Denkmalschutz stehende weiße Villa grenzt direkt an das Grundstück, auf dem der geplante Neubau in Rotklinker mit schwarzen Fenstern entstehen soll. Aus Sicht von Weymar und seinen Mitstreitern ein Klotz, der hier überhaupt nicht hinpasst.

Allerdings steht nur einige Hundert Meter entfernt an der Jürgensallee/Ecke Weetenkamp bereits ein ähnlicher Neubau vom selben Architekten. Auch hier musste ein Altbau weichen. „Einfach scheußlich“, findet Hilke Appel das Ergebnis. Sie und ihr Mann sind ebenfalls Nachbarn. Ihnen wurde einst vom selben Amt die Schaffung von vier Wohnungen in ihrer Villa untersagt. Nun nehmen sie die neuen Regeln erstaunt zur Kenntnis. Sie kennen keinen, bei dem so etwas zugelassen wurde.

„So wird Spekulanten Tür und Tor geöffnet“, kritisiert Weymar. Er fürchtet, wie viele seiner Nachbarn, dass mit dem jetzt genehmigten Bauprojekt und der großzügigen Ausnahmeregelung ein Präzedenzfall geschaffen wird. Wenn wenigstens bezahlbarer Wohnraum so geschaffen würde, hätte Weymar damit kein Problem. Aber die Wohnungen hätten durchschnittlich 150 Quadratmeter, und von für Normalbürger bezahlbaren Mieten oder Kaufpreisen ist in der dem Amt vorgelegten Baubeschreibung auch nicht die Rede. „Wir wollen hier doch nicht nur Reiche haben“, sagt Weymar. Weitere Luxuswohnungen hätte Nien­stedten wahrlich nicht nötig. Er hat Unterschriften gesammelt, vier Anwohner haben Widerspruch eingelegt gegen das Projekt und vor allem die Fällung der Buche. Geholfen hat es nicht.

Fällaktion war genehmigt

Laut Bezirksamtssprecher Jan Lengwenath war die Fällaktion genehmigt. 5000 Euro muss der Bauherr als Ausgleich zahlen und als Ersatz einen großkronigen Baum mit einem Stammdurchmesser von mindestens 20 Zentimetern an geeigneter Stelle auf dem Grundstück neu pflanzen. Die großzügigen Ausnahmeregelungen erklärt er als städtebaulich vertretbar und verweist darauf, dass sie vom Bauausschuss abgesegnet wurden. Eine gängige Praxis, wann Befreiungen von den Festsetzungen der geltenden Bebauungspläne erteilt werden, gebe es nicht. „Es handelt sich in jedem Fall um Einzelentscheidungen, die städtebaulich vertretbar sein müssen“, so Lengwenath.

Viele Anwohner sehen das anders. Darunter sind auch Mitglieder des Bürger- und Heimatvereins Nienstedten. „Der gartenlandschaftliche Charakter geht verloren, wenn hier alles zugepflastert wird. Das passt nicht zu Nienstedten“, sagt Daphne Gehrckens, die mit Sorgen die Entwicklungen in den Elbvororten beobachtet. Wo man derzeit hinsehe, würden alte prägende Gebäude abgerissen und riesige Wohnhäuser mit Luxuswohnungen errichtet. Zumindest in der Jürgensallee wollen sich die Anwohner wehren: Sie haben einen Anwalt eingeschaltet.