Eimsbüttel

Droht Bruchlandung für Pilotprojekt Schulbibliothek?

Neun Hamburger Schulen erhielten fachlich geleitete Bibliotheken. Bald könnten die Medien ungenutzt hinter verschlossenen Türen liegen.

Hamburg. Diese Szene könnte bald der Vergangenheit angehören: 11.35 Uhr in der Eimsbüttler Bogenstraße 36. Über die Flure der Ida-Ehre-Schule schallt das Läuten der Pausenglocke. Am Schreibtisch von Patrick Katzer im ersten Stock des Haupthauses wird es wuselig: Schüler von der fünften bis zur zehnten Klasse tragen sich in die Besucher- und Ausleihlisten "seiner“ Schulbibliothek ein. Sie fragen nach dem Guinessbuch der Rekorde, greifen nach der aktuellen "Bravo“ oder steuern zielsicher auf das Regal mit den gesammelten Bänden von Paul Maars Kinderbuchklassiker "Das Sams“ zu. Einige von ihnen sieht Katzer mehrmals wöchentlich und begrüßt sie mit ihrem Vornamen, manche kommen nur gelegentlich auf einen Plausch, andere vertiefen sich in altersgerechte Literatur über Flugmaschinen, Allgemeinwissen oder Autos.

Patrick Katzer ist Fachangestellter für Medien und Informationsdienste. Im Rahmen des Modellprojekts Schulbibliothek arbeitet er als Schulbibliothekar an der Ida-Ehre-Stadtteilschule. Das Pilotprojekt der Behörde für Schule und Berufsbildung in Kooperation mit der Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen (HÖB) und der Kulturbehörde wird noch bis zum Sommer an neun Hamburger Schulen realisiert. Die meisten davon "in eher bildungsfernen Stadtteilen“, wie es in einer Broschüre der HÖB zum Projekt heißt.

Endet die Pilotphase des Modellversuchs am 31. Juli, endet auch die Finanzierung der in Vollzeit beschäftigten Schulbibliothekare durch die Schulbehörde. Trotz der positiven Entwicklung des Projekts, das vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg wissenschaftlich begleitet und evaluiert wird, fallen die neun Stellen dem Sparzwang des SPD-Senats zum Opfer. Das hat die Behörde bereits Ende 2011 angekündigt. Ob und wie es danach mit den Bibliotheken weiter geht, steht in den Sternen.

Für Helga Wendland, Leiterin der Ida-Ehre-Schule, steht fest, "dass die Schulbibliothek in ihrer jetzigen Form mit ihren ganztägigen Öffnungszeiten eine riesige Bereicherung für das Schulleben ist. Fällt die Stelle des Schulbibliothekars weg, ist das ein herber Rückschlag. Selbst wenn wir ehrenamtliche Mitarbeiter einsetzen, kann unser derzeitiges Angebot nicht aufrecht erhalten werden“. Im schlimmsten Fall hieße das: "Die Medien, die uns von den Bücherhallen für unsere Schüler zur Verfügung gestellt wurden, liegen dann ungenutzt hinter einer verschlossenen Bibliothekstür.“


Diese Tür, hinter der gut 3300 aktuelle Buchtitel, Jugendmagazine und Sachfilme auf 550 registrierte Leser warten, schließt Patrick Katzer an jedem Schultag auf. Seit 2010 sorgt er dafür, dass die multimediale Bibliothek ganztägig von 8 bis 16 Uhr geöffnet ist und der Medienbestand gepflegt wird. Als kompetenter Ansprechpartner hilft er auch bei der Suche nach geeigneter Literatur für Hausaufgaben, gibt inhaltliche Hilfestellungen und hört den Schülern der Ganztagsschule zu, wenn es Probleme gibt. Auch ihre Medienkompetenz können die Kinder unter seiner Anleitung schulen.

"Wir sind nicht nur eine Ausleihbibliothek, sondern halten auch Lern- und Arbeitsplätze mit Computerzugang für die Schüler bereit, damit sie konzentriert arbeiten können“, erzählt Katzer. "Ein fester Bestandteil des Schullebens ist auch mein Recherchekurs in der Reihe ‚Fördern und Fordern’, in dem ich den Schülern beibringe, wie sie ihre Informationen nicht nur bei Wikipedia bekommen.“ Für seinen Beitrag zum schulischen Kursangebot trifft er sich einmal wöchentlich mit einer kleinen Schülergruppe und erklärt, was eine Registratur ist und wie man im Internet verlässliche Quellen ausfindig macht.

Patrick Katzers Engagement steht exemplarisch für das anvisierte Ziel der Initiative, die seit 2008 an je drei Grundschulen, Gymnasien und Stadtteilschulen umgesetzt wird: Die Lese- und Medienkompetenz der Schüler soll ebenso gefördert werden wie ihre "Informations-, Recherche- und Präsentationskompetenz“. So heißt es in einer Projekt-Broschüre der HÖB.

"Wir wollen die Schüler zum Lesen und Lernen motivieren“, formuliert es Ingrid Lange-Bohaumilitzky von der Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle (SBA), der für das Projekt zuständigen Fachstelle der HÖB. "Sollte die fachliche Betreuung durch Schulbibliothekare aus finanziellen Gründen eingestellt werden, bedeutet das nicht nur, dass der positive Einfluss auf die Qualität der Schulen sinkt. Auch die schulübergreifende Organisations- und bibliothekarische Netzwerkstruktur, die wir in den letzten Jahren erfolgreich aufgebaut haben, geht dann den Bach runter.“

In einer Email, die im Auftrag der HÖB über die Mailingliste Schulbibliotheken verschickt wurde, heißt es dazu: "Die neun Bibliotheksleitungen, also das Herzstück der Schulbibliotheken, zum Schuljahresende auf die Straße zu schicken und keinerlei Personalmittel für diese neun Schulbibliotheken mehr einzusetzen, ist eine ignorante und kurzsichtige Entscheidung des Hamburger Schulsenators Ties Rabe (SPD).“

Auf Nachfrage von abendblatt.de war die Behörde für Schule und Berufsbildung für eine Stellungnahme bislang nicht erreichbar.