Hamburgs bester Stadtteil

Wilhelmsburg – die Flussinsel mit Zukunft

Stadtteilserie Wilhemsburg; Stadtentwicklungsbehörde lok, Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Stadtteilserie Wilhemsburg; Stadtentwicklungsbehörde lok, Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Wo ist es in der Stadt am schönsten? Teil 18: Wo auf dem Deich gefeiert wird, die Towers Körbe werfen und Fatih Akin Filme dreht.

Hamburg. Als das Abendblatt seine Stadtteilserie vor ein paar Monaten in die Vermarktung gab, zeichnete sich schnell ab, dass es für die Folge Wilhelmsburg keine Anzeigen geben wird. Das könnte sich als schwere Fehleinschätzung erweisen. Lange ein vergessenes Arbeiterquartier südlich des großen Flusses, geprägt von Hafenindustrie, Migration, sozialen und ethnischen Konflikten, gilt Wilhelmsburg heute als Stadtteil der Zukunft, als eines der Hamburger Quartiere mit großem Potenzial. Die Wanderung von Norden über die Elbe in den Süden der Stadt hat bereits begonnen, und wer zu spät kommt, der muss auch in Wilhelmsburg bald Mieten von 15 und mehr Euro pro Quadratmeter bezahlen.

Der Wandel in die Moderne ist sichtbar, und nichts dokumentiert ihn vielleicht besser als die spektakuläre Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße um 400 Meter nach Osten an die Gleise der Deutschen Bahn und der S-Bahn Hamburg. Die Trasse wird in zwei Wochen, am 7. Oktober, für den Verkehr freigegeben und verliert ihren alten, verstaubten Namen. Die neue Wilhelmsburger Reichsstraße, die anschließenden Autobahnteilstücke A 252 und A 253 werden zur Kraftfahrstraße B 75, das Autobahnkreuz Hamburg-Süd der A 1 heißt künftig Autobahndreieck Norderelbe. Die Abfahrt im neuen Dreieck Norder­elbe in Fahrtrichtung Süden über die neue B 75 wird mit HH-Elbinsel beschildert. Ein Wandel auch in Worten.

Die Towers haben den Stadtteil populär gemacht

Dort wo die Reichsstraße seit 1951 entlangführte, entstehen bis 2025 rund 6000 neue Wohnungen, Gewerbe, Gas­tronomie, Hotels. In den nächsten sechs Jahren werden 15.000 Neubürger in Wilhelmsburg erwartet, der Stadtteil wächst auf 70.000 Einwohner. Die Investitionen belaufen sich auf zwei Milliarden Euro. Wilhelmsburg, das belegen diese Zahlen, ist schon heute nicht mehr das Armenhaus der Stadt, das es lange war.

Wilhelmsburg: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 54.068
  • Davon unter 18: 11.147
  • Über 65: 7292
  • Durchschnittseinkommen: 21.890 € (2013)
  • Fläche: 35,5 km²
  • Anzahl Kitas: 27
  • Anzahl Schulen: 9 Grundschulen, 1 Gymnasium, 4 Stadtteilschulen
  • Wohngebäude: 4670
  • Wohnungen: 22.714
  • Niedergelassene Ärzte: 70
  • Straftaten im Jahr 2018: 6432 erfasst, 2533 aufgeklärt

Die Internationale Gartenschau (igs) 2013 und die Internationale Bauausstellung (IBA) von 2006 bis 2013 haben das Image und den Blick auf Europas größte Flussinsel nachhaltig verändert. Acht Schulen und Lernorte, vier Kitas, zwei Seniorenheime, mehr als 1200 neue und 500 sanierte Altbauwohnungen entstanden in dieser Zeit, 72 Hektar Grünflächen kamen zum Inselpark hinzu. Die Hamburg Towers, nach dem Aufstieg Ende April der einzige Bundesligaclub der Stadt in einer der fünf populären Mannschaftssportarten (Fußball, Basketball, Eishockey, Handball und Volleyball), dribbeln und werfen fünf Minuten Fußweg entfernt von der S-Bahn-Station Wilhelmsburg. Und von da braucht man gerade mal acht Minuten bis zum Hauptbahnhof, ins Zentrum der Stadt.

Willoughby ist ein Kind Wilhelmsburgs

Die Heimspiele der Basketballer waren in der vergangenen Zweitligasaison stets in wenigen Minuten ausverkauft, schon plant der Club die 3400 Zuschauer fassende edel-optics.de-Arena in absehbarer Zeit zu verlassen. Hauptgesellschafter Tomislav Karajica (42), ein stadtbekannter Projektentwickler und Investor, will an den Elbbrücken ein größeres Domizil für seinen Club aufschlagen. 150 Millionen Euro soll es kosten.

Marvin Willoughby ist der Sportchef und einer der geschäftsführenden Gesellschafter der Towers. Er ist ein Kind Wilhelmsburgs, hier aufgewachsen, hat an der heutigen Nelson-Mandela-Schule Abitur gemacht, ist in Würzburg Basketballnationalspieler geworden, nach seinem Karriereende nach Hamburg zurückgekehrt, nach Eimsbüttel gezogen und vor ein paar Jahren nach Wilhelmsburg zurückgekehrt. „Für einen gebürtigen Wilhelmsburger ist das kein untypischer Lebenslauf“, sagt der 41-Jährige.

Konkurrenz zwischen Döner-Imbiss und Edel-Italiener

Wir sitzen in einem Café in der Ve­ringstraße, das ein paar junge Leute vor acht Monaten eröffneten. „Wenn man sehen will, wie sich Wilhelmsburg verändert hat, ist das hier wohl der beste Ort“, sagt Willoughby. Zahlreiche neue Restaurants haben das kulinarische Angebot erweitert, Döner-Imbisse und Kaffeeklappen, auch die gibt es noch, konkurrieren jetzt mit einem Edel-Italiener, einem Burger-Laden, einer Sushi-Bar. „Hier entwickelt sich gerade ein Flair wie im Schanzenviertel“, sagt Willoughby.

Am Nebentisch frühstücken fünf junge Frauen, alle mit Kopftüchern, drei ihrer Kinder sind dabei, diskutieren in perfektem Deutsch über Erziehung, Shopping, den „Tatort“ vom Sonntag. Menschen aller Hautfarben, alt, jung, Hipster, Rentner, Handwerker, Schlipsträger kommen vorbei, zu Fuß, auf dem Fahrrad, mit dem Roller – irgendwann steht auch Benka Barloschky (31), der Co-Trainer der Towers, mit seinem Kinderwagen vor der offenen Tür.

Zahlreiche Aufwertungsprojekte

Er ist vor ein paar Monaten mit seiner Familie aus Eimsbüttel nach Wilhelmsburg gezogen, nicht nur der Arbeit wegen. „In Eimsbüttel liefen immer dieselben Typen rum, Wilhelmsburg ist dagegen bunt, inspirierend, aufregend“, sagt er. Und ein Paradies für Kinder. Wasser, Parks, Spielplätze, Kitas, alles reichlich vorhanden. Ein attraktives Quartier für Künstler, Kreative, die zunehmend Gefallen finden an den vielfältigen Möglichkeiten, die der Stadtteil zwischen Ober- und Süderelbe bietet.

Die zahlreichen Aufwertungsprojekte werden aber besonders von älteren Wilhelmsburgern kritisch betrachtet. Es war schließlich der Stadtteil selbst, der sich dank engagierter Bürger und Kulturschaffender anfangs ohne Förderprogramme zu einem der interessantesten Orte Hamburgs entwickelte. Und es sind daneben diese Vielfalt und Kontraste, die Wilhelmsburg auszeichnen. Am einen Ende der Insel grasen die Schafe der Bauern von Moorwerder, am anderen malochen Arbeiter im Hafen. Auf der einen Seite ragen die Hochhäuser der Siedlung Kirchdorf-Süd empor, auf der anderen erinnert die alte Peter-Beenck-Straße mit ihren kleinen Häusern an die Arbeiterviertel Nordenglands.

Soulkitchen, Honigfabrik und Dockville

Als weiteres Symbol der Veränderung gilt vielen die Honigfabrik, seit 1979 das Kulturzentrum des Stadtteils. Wenige Meter weiter an der Industriestraße liegt die Soulkitchen, ebenfalls als nicht kommerzielle Stätte für Kunst und Geselligkeit genutzt. Die Halle, in der Regisseur Fatih Akin (46) 2009 den gleichnamigen Film drehte, prägt mit der Honigfabrik die Atmosphäre des Reiherstiegviertels im Nordwesten Wilhelmsburgs. Schmucke Altbauten und kleine Cafés locken vor allem Studenten an.

Hinter dem Reiherstiegdeich entwickelte sich vor zwölf Jahren ein weiteres Markenzeichen: das Dockville, eines der angesagtesten Open-Air-Festivals der Republik. Internationale, nationale, lokale Bands treten vor der imposanten Hafenkulisse vor bis zu 20.000 Besuchern auf. Die Veranstaltung definiert sich nicht nur über ihr musikalisches Line-up, die „Freihandelszone“ können Künstler als Ausstellungsfläche nutzen. In Wilhelmsburg ist eben vieles speziell. Nur haben dies noch nicht alle erkannt.

Wilhelmsburg: Das sind die Highlights

Inselpark

Der Inselpark wurde als Nachnutzung des Geländes der Internationalen Gartenschau am 14. Oktober 2013 eröffnet, hat eine Fläche von rund 100 Hektar. Die Grünanlage wird für zahlreiche sportliche Aktivitäten genutzt, in der dortigen edel-optics.de-Arena spielen die Bundesliga-Basketballer der Hamburg Towers, nebenan steht das Wasserball-Leistungszentrum.

Honigfabrik

Als Symbol für die Veränderungen in Wilhelmsburg gilt die Honigfa­brik im Reiherstiegviertel. 1906 erbaut als Produktionsstätte für Margarine und später Honig, ist sie seit 1979 das Kulturzentrum des Stadtteils. Im Angebot: Handwerk, Kunst, Kino, Literatur und Musik für alle Generationen. „Selbstbestimmung und eigenverantwort­liches Handeln“ sind Leitmotive.

Veringstraße

Die Veringstraße ist eine der ältesten des Stadtteils und dokumentiert dessen Wandel. Hier stand vor dem Ersten Weltkrieg das Kaiserliche Postamt, heute locken zahlreiche Restaurants und Cafés Kunden aus ganz Hamburg an. Zusammen mit dem angrenzenden Stübenplatz hat sich die Veringstraße heute den Ruf als „Mini-Schanzenviertel“ erworben.