Die Stadtteilserie

Reitbrook

| Lesedauer: 7 Minuten
Uta Janitza

Von Bakterien, die Futter bekommen, blauen Fröschen, die Vorfahrt haben, und Kühen, die sich bürsten.

Es mag wohl stimmen, was viele der 486 Reitbrooker lästerlich behaupten: dass es in ihrem Stadtteil mehr Rinder als Menschen gibt. Wer Reitbrook gleich hinter der Autobahnausfahrt Nettelnburg gefunden hat, fühlt sich tatsächlich in eine andere Zeit zurückversetzt. Schon am Eingang zu diesem Stadtteil wird der Besucher durch die geschichtsträchtige Mühle begrüßt. Dann geht es auf hohen Deichen entlang mit einem herrlichen Blick über die Marsch. Man fährt quasi im Kreis, der sich an dem historischen Bau aus dem Jahre 1870 mit den imposanten Flügeln schließt.

Bauer mit Visionen

Gleich neben der Mühle steht ein wunderschönes altes Bauernhaus. Hier ist Richard Herrling mit seiner Familie zu Hause. Die Einheimischen nennen ihn den Umweltbauern, was als Untertreibung angesehen werden kann. Herrling, alten Hamburgern durch seine Bäckereikette bekannt, die er inzwischen verkauft hat, betreibt auf seinem Land eine Biogasanlage. Wenn er von dem Projekt spricht, dann klingt das, als würde ein Landwirt über seine Kühe reden. Herrling "füttert" seine Bakterien, die Gas produzieren, und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Sonnenblumen, Gras, Hirse, Gülle, Mais und noch einige andere Zutaten gehören in die "Lieblingsspeise" der Kleinstlebewesen, mit deren Hilfe immerhin 5000 Hamburger Haushalte Strom bekommen. Herrling erzählt gern die Geschichte von der EHEC-Katastrophe im Jahre 2011, die ihn auf ganz andere Weise getroffen hat. "Ich habe die Anlage mit Sprossen gefüttert, wohlgemerkt nicht verseuchte Sprossen, die damals ja keiner mehr haben wollte." Seine Bakterien reagierten empfindlich und stellten die Produktion ein.

Bekannte Söhne

Kurz & knapp

Zahlen & Fakten

Mit der Abwärme der Biogasanlage, die neben dem Strom anfällt und zurzeit einfach in die Luft geblasen wird, plant der Visionär Herrling ein weiteres ungewöhnliches Projekt zu versorgen. Er möchte eine Shrimps-Zucht aufbauen. Dabei geht es um die Black Tiger, Scampi, die 150 bis 200 Gramm schwer sind. Bisher ist es weltweit noch nicht gelungen, die sensiblen Tiere in der Gefangenschaft zu vermehren. Herrling hofft, dass das in seiner Versuchsanlage endlich klappt. Dann würde er gern im großen Stil die Garnelen in einem Glashaus züchten, das mit der Abwärme der Biogasanlage geheizt werden könnte. Derzeit betreut er 30 Weibchen und 30 Männchen.

Glashäuser, wohin man sieht

Wer durch die Marschlande fährt, sieht die Glashäuser an allen Ecken und Enden stehen. Eine Familie, die für ihre Treibhäuser eine ungewöhnliche Nutzung gefunden hat, sind die Martens. Wolfgang, seine Frau Meike Martens, die Schwester Tanja Witzke und ihr Mann Carsten züchten Orchideen. Schon im Hof der Gärtnerei am Vorderdeich 25 ist der Besucher überrascht, denn hier stehen winterfeste Palmen, die bis zu minus 20 Grad aushalten sollen. Im Tropenhaus der Wechsel ins Warme. Hier blühen Phalaenopsis und Frauenschuhe in den schönsten Farben. Die Pflanzen sind zum Teil günstiger als im Baumarkt. Und sie mussten nicht transportiert werden. Stehen Orchideen zu lange im Dunkeln wie beim Transport, verkümmern die Knospen und fallen ab.

Glückliche Kühe

Auf dem Vorderdeich, andere Straßen gibt es hier kaum, geht es weiter um die Halbinsel Reitbrook in Richtung Stadt. Ein Halt bei der Nummer 275 lohnt sich. Die Familie Langeloh, das sind Gerd und Ingrid mit ihren Söhnen Sönke sowie Jan-Hendrik, und ihr Nachbar Rainer Kohrs bieten eine Hamburger Rarität: Vorzugsmilch. Der Betrieb ist einer der wenigen in ganz Deutschland, der Milch direkt von der Kuh an den Verbraucher bringt. Gerd Langeloh sieht sich als "Milchschützer". Er kämpft dafür, dass dieses einmalige Naturprodukt nicht vom Markt verschwindet, wie schon in Schleswig-Holstein. Der Hof liefert sogar bis vor die Haustür. 950 Haushalte im Osten der Hansestadt gehören bereits zu seinen Kunden. Diese können neben Milch, pasteurisiert oder direkt von der Kuh, auch Joghurt mit oder ohne Früchte bestellen und Sahne. Dazu sagt Ingrid Langeloh: "Die kann man ruhig mit Milch verdünnen. Die ist sehr gehaltvoll."

Name & Geschichte

Die Stadtteil-Patin: Uta Janitza

Ihr Mann Gerd Langeloh sieht sich mit seiner Arbeit aber auch als Tierschützer. Ihm ist es wichtig, dass seine 122 Kühe möglichst artgerecht gehalten werden. Der Clou in seinem großen Stall, der von den Rindern aber nur im Winter bewohnt wird, ist eine überdimensionale Bürste, fast so groß wie in den Autowaschanlagen. Hier können sich die Tiere den Rücken und den Hals schrubben lassen. Das Gerät reagiert auf Druck. "Manchmal stehen die Kühe sogar Schlange", sagt der Landwirt. Lieber sind Laura, Kindy oder Hanka - alle haben Namen - im Freien. Allerdings lässt der fette Marschboden, der im Winter häufig sehr feucht ist, keine Beweidung in dieser Jahreszeit zu.

Vom Naturschutz geprägt

Auch am Ende des Vorderdeichs, an der Spitze der Halbinsel Reitbrook, die zwischen Gose und Dove Elbe liegt, ist Naturschutz das Thema. Hier ist Die Reit angesiedelt, ein 92 Hektar großes Gebiet, in dem viele seltene Vögel und Amphibien beheimatet sind. Seit 1973 ist das Gelände einer ehemaligen Ziegelei geschützt. Inzwischen ist dort und auf den später unter Schutz gestellten Flächen Hoher und Kleiner Brook Schilfröhricht herangewachsen. Es gibt Weidengebüsch und einen urwüchsigen Birkenbruchwald. In zwei größeren Teichen sowie vielen Kleingewässern und Gräben sind Frösche und Libellen zu Hause. Sie ziehen auch Rohrdommel, Rohrweihe und andere seltene Vögel an.

Eine besondere Attraktion sind allerdings die sehr seltenen Kammmolche und die Moorfrösche, die sich in der Balzzeit Ende März/Anfang April für wenige Tage himmelblau färben. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der das Gebiet betreut, hat den Amphibien sogar die "Vorfahrt" auf der einzigen Straße durch das Gebiet eingeräumt. Der für das Gebiet zuständige Nabu-Experte Volker Dinse sagt: "Wir haben eine Schranke gebaut, die nur von den Anwohnern per Chipkarte geöffnet werden kann." Lediglich im Winter ist die Durchgangsstraße für alle geöffnet.

Das ist einmalig in Hamburg. Dinse erklärt, dass die sehr seltenen Kammmolche und die anderen Arten beim ersten warmen Regen im Frühjahr zu den Teichen wandern. Dort laichen sie, und nach und nach kehren die Frösche wieder zurück in den Bruchwald. Das aber selten in großer Zahl. Die Wanderung zu den Laichplätzen findet vielerorts statt, und in dieser Zeit haben die Tiere auch auf großen Straßen in Hamburg "Vorfahrt". Um ihren Rückweg kümmert man sich dagegen nur in Reitbrook, dem Stadtteil der Visionäre und Umweltschützer.

In der nächsten Folge am 5.5.: St. Pauli

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