Podcast Hausbesuch

Hamburg-Sasel: Wie ein Wohnzimmer zur Backstube wurde

| Lesedauer: 6 Minuten
Christina Weiß und Lutz Geißler in der Küche der Patchworkfamilie-- im Hintergrund einige der zehn Backöfen, die hier stehen.

Christina Weiß und Lutz Geißler in der Küche der Patchworkfamilie-- im Hintergrund einige der zehn Backöfen, die hier stehen.

Foto: Friederike Ulrich

Lutz Geißler und Christina Weiß haben ihre Berufe aufgegeben, um Brot zu backen – und das Haus der Patchworkfamilie komplett umgebaut.

Hamburg.  Ein ruhiges Wohngebiet, eine kleine Kirche, sonst Ein- und Zweifamilienhäuser mit großen Gärten. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das moderne Backsteinhaus in der Saseler Nebenstraße in Hamburg nicht sonderlich von den Nachbarhäusern. Doch dann fallen ein hoher Edelstahlschornstein und ein Schaukasten im Vorgarten auf. Was dort zu lesen steht – nämlich, dass hier Brot gebacken und verkauft wird – bestätigt sich, sobald sich die Haustür öffnet und den Besucher ein köstlicher Duft nach frischem Brot empfängt.

Anders kann es auch gar nicht riechen. Denn hier leben Lutz Geißler, Deutschlands erfolgreichster Brot-Blogger, Backbuch-Autor und Veranstalter vieler Backkurse, und Bäckermeisterin Christina Weiß. Um ihrer Leidenschaft nachgehen zu können, haben sie ihre alten Berufe aufgegeben. Geißler, geboren im Erzgebirge und dort nach dem Studium als Geologe im Marmorbergbau tätig, beschäftigt sich bereits seit 2009 mit dem Brotbacken. „Ich hab zuerst eine Internetseite zum Thema Brotbacken aufgebaut und ab 2012 Brotbackkurse gegeben. Weihnachten 2013 habe ich entschieden, mich damit selbstständig zu machen“, berichtet er.

Christina Weiß begann 2017 ihre Bäckerausbildung

Wir sitzen am großen Tisch in der Wohnküche des 2009 errichteten Einfamilienhauses, in das er 2017 zog – zu Christina Weiß, die er 2016 in einem seiner Brotbackkurse kennengelernt hatte, und ihren vier Kindern. „Wir haben zunächst die Brotbackkurse auch in Hamburg etabliert, in einer Bäckerei mit tollem Holzbackofen, und da habe ich beschlossen, dieses Handwerk zu lernen“, sagt die ehemalige Betriebswirtin mit Schwerpunkt Steuerrecht, die 2017 mit der Bäckerausbildung begann.

Um die Kurse auch zuhause durchführen zu können, ließen sie in der großen Wohnküche zehn Backöfen einbauen. Dann kam der Wunsch auf, eine professionelle Backstube zu eröffnen. Christina Weiß machte ihren Meister, der dafür Voraussetzung ist, und beide machten sich auf der Suche nach einem geeigneten Standort. Doch ein externer Ort hätte sich letztendlich nicht mit ihrer Art, Brot zu backen, vertragen. Denn sie geben dem Teig viel Zeit. „Unser Backtag fängt in der Regel zwischen 5 und 6 Uhr an und kann bis Mitternacht gehen – aber nicht durchgehend“, sagt Christina Weiß. Das wäre mit zu viel Hin und Her verbunden gewesen.

Ein Kran hievte den Profiofen übers Dach

Als sie erfuhren, dass auch in einem reinen Wohngebiet Handwerk zur Nahversorgung erlaubt ist, stand fest: Die Backstube sollte ins Haus. Und zwar in den Keller. Doch das Bauamt, dass sich ohnehin mit der Bearbeitung Zeit ließ („Es war halt keine Standardentscheidung“, so Christina Weiß), lehnte diesen Plan wegen eines fehlenden Rettungswegs ab. Die Alternative: Das Wohnzimmer. Ende letzten Jahres begann der Umbau. Sofa, Fernseher und Gästebetten wanderten in einen gleichgroßen Raum in den Keller.

Zwischen Wohnraum und Küche, die vorher ineinander übergingen, wurde eine Wand gezogen. Der so gewonnene Raum wurde durch einen Anbau für den Profiofen erweitert. Ende letzten Jahres, als das Fundament fertig war, wurde der riesige Ofen angeliefert und mit einem Kran über das Haus gehoben. „Anschließend wurden drum herum die Wände hochgezogen und das Dach gebaut“, sagt Christina Weiß.

Aus dem Hauswirtschaftsraum wurde ein Laden

30 Quadratmeter groß ist die Backstube, in der es an Backtagen wegen des vielen Equipments, das sonst in der Kühlzelle lagert, ziemlich eng ist. Wegen der vielen Brotbackkurse, die die beiden geben, wird hier momentan aber nur selten gebacken. Die entsprechenden Tage werden im Internet (brotkumpels.de) bekannt gegeben.

Für die Abholung der Brote, die ausschließlich aus Mehl, Salz und Wasser gebacken werden und, je nach Sorte, Sauerteig, Hefe, Butter, Rosinen oder Schokostücke enthalten, kommen die Kunden in den kleinen Laden, den Lutz Geißler und Christina Weiß im früheren Hauswirtschaftsraum eingerichtet haben.

Auch das Elternschlafzimmer im Erdgeschoss hat eine neue Funktion: Hier ist jetzt Lutz Geißlers umfangreiche Bibliothek untergebracht: mehr als 2400 Bücher rund ums Brotbacken, darunter auch je eines der von ihm verfassten 15 Bücher, von denen insgesamt mehr als 500.000 Exemplare verkauft wurden. Dicht an dicht stehen die Regale. „Andere kriegen hier Platzangst, aber ich bin ja aus dem Bergwerk Enge gewöhnt“, sagt er.

Was Geologie und Brotbacken gemeinsam haben

Auf dem Fensterbrett hinter seinem Arbeitstisch, an dem er schreibt, seine Podcasts und seinen Blog produziert, hat er Gesteinsbrocken platziert. Auch der Name seines Blogs, ploetzblog, stammt aus dem Bergbau. Leberecht Plötz ist der Protagonist eines 1847 in Reimform verfassten Büchleins, dessen Autor ebenfalls an der Bergakademie Freiberg studiert hatte.

Tatsächlich gebe es eine Gemeinsamkeit zwischen seinen Tätigkeiten, sagt Lutz Geißler. Und zwar die Suche nach dem Ursprünglichen. Sowohl als Geologe als auch beim Backen beschäftige er sich damit, was in der Vergangenheit geschah – beim Untersuchen von Gestein ebenso wie bei der Auswahl der Brotzutaten, bei denen ihn die Herkunft interessiere.

Massenbäckereien können mit der Qualität nicht mithalten

Ihre Idee, eine kleine Qualitätsbäckerei – gerne auch in einem Wohnhaus – zu betreiben, würden die beiden Saselbäcker gerne weitertragen. „Es ist genug Platz da für gute Bäcker“, sagt Christina Weiß. Natürlich hätten die großen Ketten wegen ihrer günstigen Preise eine Daseinsberechtigung. Aber: „Wir Kleinen können eine Qualität anbieten, die man in der Massenbäckereien nicht erreichen kann.“

Das ganze Gespräch können Sie im Wohn-Podcast „Hausbesuch“ des Hamburger Abendblatts in Kooperation mit der Sparda-Bank unter abendblatt.de/podcast/hausbesuch, in der Abendblatt-Podcast-App sowie den gängigen Podcast-Plattformen hören. Joana Ekrutt, Juliane Lauterbach und Friederike Ulrich sprechen alle 14 Tage mit Menschen in Hamburg über ihre unterschiedlichen Wohn- und Lebensformen – sowie mit Experten über aktuelle Wohntrends.

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