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Bornplatzsynagoge – der lange Weg zum Wiederaufbau

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Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) steht vor einem Foto der Bornplatzsynagoge.

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) steht vor einem Foto der Bornplatzsynagoge.

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance/dpa

Am Dienstag wird die Machbarkeitsstudie im Rathaus vorgestellt. Es gibt erste Festlegungen, aber auch viele offene Fragen.

Hamburg.  Die Liste der Unterstützer ist lang und prominent: Bundeskanzler Olaf Scholz, Bürgermeister Peter Tschentscher (beide SPD), Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD), Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), Ex-Außenminister Heiko Maaß (SPD), CDU-Bürgerschafts-Fraktionschef Dennis Thering, Erzbischof Stefan Heße, Harald Vogelsang (Haspa), Alexander Birken (Otto Group), Cord Wöhlke (Budnikowsky) oder Campino von den Toten Hosen. Insgesamt unterstützen 107.000 Menschen die Kampagne „Nein zu Antisemitismus – Ja zur Bornplatzsynagoge“.

Sie alle sind für den Wiederaufbau der Synagoge am historischen Ort im Grindelviertel neben der Talmud-Tora-Schule. Die damals größte frei stehende Synagoge Norddeutschlands mit ihrem markanten Kuppelbau wurde 1906 im neoromanischen Stil der Zeit errichtet. Die Nazis setzten das Gotteshaus während der Novemberpogrome 1938 in Brand und verwüsteten es. Ein Jahr später zwangen die nationalsozialistischen Machthaber die Jüdische Gemeinde, das Grundstück am Grindelhof zu einem geringen Preis zu verkaufen und die Kosten für den Abriss der Synagoge zu tragen.

Bornplatzsynagoge: Jüdische Gemeinde für Wiederaufbau

Obwohl es erste Anregungen zum Wiederaufbau bereits im Jahr 2010 vom damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Ruben Herzberg, gab, dauerte es bis in jüngere Zeit, ehe die Idee um sich griff und Politik, Wissenschaft und Kultur erfasste. Nach den Anschlägen eines Rechtsextremisten am 9. Oktober 2019 in Halle, bei denen zwei Menschen starben und weitere Todesopfer nur durch glückliche Zufälle verhindert wurden, saß der Schock über den antisemitischen Terror tief. Eine Reaktion war die wachsende Überzeugung, jüdisches Leben auch in Hamburg wieder sichtbarer zu machen und damit ein entschlossenes, selbstbewusstes Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen.

Die Wiedererrichtung der Bornplatzsynagoge entsprach ausdrücklich auch dem Wunsch der Jüdischen Gemeinde. Landesrabbiner Shlomo Bistritzky sprach sich in einem Abendblatt-Interview dafür aus. „Wir, die Jüdische Gemeinde, wollen genau das. Die Rückkehr der jüdischen Religion auf den Bornplatz“, sagte auch deren Vorsitzender Philipp Stricharz am 9. November 2019.

Machbarkeitsstudie wird im Rathaus vorgestellt

Am 12. Februar 2020 beschloss die Bürgerschaft einstimmig die Wiedererrichtung der Synagoge am heutigen Joseph-Carlebach-Platz, dem früheren Bornplatz. Ende 2020 bewilligte der Bundestag auf Initiative der Hamburger Bundestagsabgeordneten Niels Annen, Metin Hakverdi (beide SPD) sowie des damaligen Abgeordneten Rüdiger Kruse (CDU) rund 65 Millionen Euro für die neue Bornplatzsynagoge. Voraussetzung: Hamburg steuert die gleiche Summe bei. Ein entsprechender Beschluss der Bürgerschaft steht aus.

Nach der ersten Euphorie über den finanziellen Durchbruch und das breite Bündnis für den Neubau wurde es vergleichsweise ruhig. Wenn nun am kommenden Dienstag im Rathaus im Beisein von Bürgermeister Tschentscher die lang erwartete Machbarkeitsstudie für die Bornplatzsynagoge vorgestellt wird, die die Jüdische Gemeinde in Auftrag gegeben hat, dann könnte das ein bedeutender Schritt auf dem langen Weg zur Realisierung des Projekts sein.

Würde der Wiederaufbau die Erinnerung erschweren?

Von Beginn an gab es zum Teil heftige Diskussionen über das spektakuläre Neubauprojekt. Dabei ging es einerseits ganz grundsätzlich um die Frage, ob es richtig sein könne, die bewusste Leerstelle am Standort der alten Synagoge zu schließen. Heute erinnert das Bodenmosaik der Künstlerin Margrit Kahl in Form und Ausmaß der Grundfläche und das Deckengewölbe der Bornplatzsynagoge an das Gotteshaus, das die Nazis zerstört haben. Würde eine neue Bornplatzsynagoge die Spuren der Nazi-Gewaltherrschaft beseitigen und die Erinnerung erschweren?

Anlass für Diskussionen bot auch die Gestaltung des Baus selbst: Eine Eins-zu-eins-Replik gilt den meisten aus heutiger Sicht als unhistorisch und den Bedürfnissen der Jüdischen Gemeinde nicht mehr angemessen. Schließlich: Was passiert mit dem Bodenmosaik, das Teil des Denkmals ist, das ja an die Zerstörung der Synagoge und die Ermordung Hamburger Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit erinnert?

Machbarkeitsstudie lässt viele Fragen offen

Nach Abendblatt-Informationen liefert die rund 200 Seiten starke Machbarkeitsstudie, die das renommierte, auf Sakralbauten spezialisierte Frankfurter Architekturbüro Wandel Lorch Götze Wach erstellt hat, nun erste Antworten, lässt aber auch wichtige Fragen weiterhin offen. Danach haben sich die Jüdische Gemeinde und die 2021 gegründete Stiftung zum Wiederaufbau, in der auch die Stadt vertreten ist, für eine unter mehreren Varianten entschieden.

Vorgesehen ist ein Bauwerk, das die Ausmaße der alten Bornplatzsynagoge hat. Es soll stilistische und architektonische Elemente des neoromanischen Baus aufnehmen, ohne eine Replik zu sein. Nach den Plänen soll das Gotteshaus exakt an der Stelle neu entstehen, an der auch die erste Bornplatzsynagoge stand. Das bedeutet, dass der Luftschutzbunker aus der Nazizeit zwischen Carlebach- und Allende-Platz, der kurioserweise unter Denkmalschutz steht, abgerissen werden muss.

Bodenmosaik wäre durch Pläne gefährdet

Allerdings wäre ein Erhalt eines derart historisch belasteten Baus auch nur in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Synagoge ohnehin nicht vorstellbar. Ein Neubau auf der Grundfläche des Altbaus würde zudem bedeuten, dass das kahlsche Bodenmosaik nicht erhalten werden kann. Offen ist, ob und wie das Kunstwerk in den Neubau integriert werden kann.

Laut einem Bericht der „Bild“-Zeitung ist zudem vorgesehen, dass die neue Synagoge nur noch 600 statt wie früher 1200 Gottesdienstbesuchern Platz bieten soll. Das trägt einerseits der heutigen Größe der Jüdischen Gemeinde mit rund 2500 Mitgliedern Rechnung und eröffnet andererseits die Möglichkeit für die Schaffung von Gemeindesälen oder Veranstaltungsräumen.

Baustart steht noch nicht fest

Nach Abendblatt-Informationen gibt es allerdings noch keinen Zeitplan für die Realisierung, auch ein Baustart ist noch nicht ins Auge gefasst. Offensichtlich fehlen auch konkrete Kostenkalkulationen. Schließlich ist auch nicht entschieden, ob das Gebäude der Stiftung oder der Jüdischen Gemeinde überschrieben wird.

Viel spricht dafür, dass mit der Vorlage der Machbarkeitsstudie die Debatte über das Projekt erst richtig Fahrt aufnehmen wird. Bereits Ende 2020 hatten sich zehn Wissenschaftler – darunter die Historiker Prof. Moshe Zimmermann und Prof. Miriam Rürup – zu einem Aufruf mit dem Titel „Für einen breiten, offenen Diskurs über den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge“ zusammengefunden, die ebenfalls zahlreiche Unterstützer gefunden hat.

Bornplatzsynagoge: Es gibt auch kritische Stimmen

Die Autoren wenden sich gegen den „historisierenden Wiederaufbau“ mit dem Argument, Geschichte lasse sich nicht revidieren oder rückgängig machen. Zudem sind die Initiatoren gegen eine Verlegung des Bodenmosaiks als zentralen Gedenk- und Erinnerungsorts oder dessen Integration in den Neubau. Der Aufruf setzt sich außerdem dafür ein, dass „ein stadtgesellschaftlicher Aushandlungsprozess mit verschiedenen jüdischen wie nichtjüdischen Stimmen“ stattfindet. Auch innerhalb der Jüdischen Gemeinde gebe es kritische Stimmen zum Wiederaufbau, der vermutlich ohnehin erst in ein paar Jahren beginnen könnte.

Der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, der der Wiederaufbau-Initiative angehört, bleibt optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass die Synagoge entsprechend dem Wunsch der Jüdischen Gemeinde gebaut und der Ort insgesamt so gestaltet wird, dass das historische Unrecht sichtbar gemacht wird.“ Parteifreund und CDU-Oppositionschef Dennis Thering ist kritischer: „Bereits im Januar 2020 hat die Bürgerschaft grünes Licht für die Machbarkeitsstudie gegeben. Bis Ende 2020 sollte der Senat die Ergebnisse präsentieren. Fast zwei Jahre später veranstaltet der Bürgermeister nun einen PR-Termin ohne konkrete Ergebnisse.“

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