Polizei Hamburg

Gewalt gegen Frauen nimmt dramatisch zu – volle Schutzhäuser

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In diesem Mehrfamilienhaus in Ottensen wurde am vergangenen Dienstag eine 22 Jahre alte Frau erschossen – vermutlich, weil sie den mutmaßlichen Täter zuvor abgewiesen hatte.

In diesem Mehrfamilienhaus in Ottensen wurde am vergangenen Dienstag eine 22 Jahre alte Frau erschossen – vermutlich, weil sie den mutmaßlichen Täter zuvor abgewiesen hatte.

Foto: Michael Arning

Der Weiße Ring schlägt Alarm: Schon sechs Tötungsdelikte in diesem Jahr in Hamburg – und es fehlen sichere Räume.

Hamburg. Das Notfall-Telefon der Autonomen Hamburger Frauenhäuser, über das von Gewalt betroffene Frauen an die einzelnen Einrichtungen vermittelt werden, steht seit Monaten kaum still. Eigentlich möchte man hier jeder Betroffenen in Hamburg Schutz bieten – aber momentan gibt es um einiges mehr Anfragen als freie Plätze.

„Die Hamburger Frauenhäuser sind voll, voll, voll“, sagt Mitarbeiterin Anika Ziemba. Auch die Opferschutzorganisation Weißer Ring spricht derzeit von mehr Hilfesuchendenden. Allein in der vergangenen Woche kam es zu zwei schweren Angriffen auf Frauen in Hamburg – einer davon endete tödlich.

Gewalt gegen Frauen: Trennung als Gefahr

Was steckt dahinter, wenn Frauen von ihren Partnern, ehemaligen Partnern oder Stalkern angegriffen werden? Merle Dyroff ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Sozialökonomie an der Universität Hamburg und versucht, dieser Frage nachzugehen. Sie promoviert zum Thema Femizide und männliche Gewalt. „Femizide haben etwas mit dem Geschlechterverhältnis zu tun“, sagt die Forscherin. „Mit bestimmten Vorstellungen davon, welche Positionen Mann und Frau haben.“

Ein zentrales Motiv für Femizide sei der Anspruch eines Täters, über eine Frau verfügen zu können. In intimen Partnerschaften könnten daher beispielsweise Trennungen zu erheblichen Gefahrenmomenten werden. Aber auch andere Situationen seien potenziell riskant: etwa, wenn die Frau schwanger oder der Mann arbeitslos wird und dadurch eine Belastung entsteht. Oder aber eine Frau einen Karriereschritt macht und dann mehr verdient als ihr Partner.

"Leben der Frau als weniger wert betrachtet"

Auch wenn keine Paarbeziehung zwischen Täter und Opfer besteht, könne diese Dynamik eine Rolle spielen. Das sehe man beispielsweise an dem Fall in Ottensen aus der vergangenen Woche, bei der eine 22 Jahre alte Frau anscheinend erschossen wurde, weil sie den mutmaßlichen Täter abwies.

„Es sind Situationen, in denen Frauen ihren eigenen Willen deutlich machen und damit den Anspruch eines Mannes zurückweisen“, sagt Dyroff. „Bei solchen Taten geht es darum, den Willen der Frauen nicht zu akzeptieren und letztlich um jeden Preis brechen zu wollen. Das Leben der Frau wird in solchen Fällen also als weniger wert betrachtet als die Kränkung des Mannes.“

Jeden Tag ein versuchter Femizid

Im Moment gehe man davon aus, dass es in Deutschland jeden Tag zu einem versuchten Femizid kommt – jeden zweiten bis dritten Tag sei der Versuch erfolgreich. „Die Zahlen, die wir in Deutschland haben, sind aber sehr ungenügend“, sagt Dyroff. Die Kriminalstatistik erfasse erst seit 2011 die Gesamtzahl weiblicher Mordopfer.

Femizid

Der Begriff „Femizid“ bezeichnet Tötungen von Frauen durch Männer aus einem Grund, der spezifisch mit dem Geschlecht zu tun hat. „Nicht alle Morde an Frauen sind Femizide“, sagt Forscherin Dyroff. „Wenn bei einem Banküberfall eine Frau hinterm Tresen erschossen wird, hat die Tat ein anderes Motiv und einen anderen Kontext.“ Man schaue bei Femiziden meist auf Tötungen in Partnerschaften. Es gebe aber andere Formen, die dringend erforscht werden müssten.

 Umgangssprachlich werden oft Begriffe wie „Beziehungsdrama“ oder „Beziehungstat“ verwendet, wenn ein Mann eine (ehemalige) Partnerin umbringt. „Keiner dieser Begriffe benennt, was da eigentlich passiert und was dahintersteht“, sagt Dyroff. Sie würden außerdem suggerieren, dass solche Morde tragische Einzelfälle seien. Und, dass manche Formen von Gewalt ein Teil von romantischer Liebe seien. „Wenn wir diese Taten anders benennen, machen wir auch klar: Das ist nicht normal. Es ist ein Mord, eine Tötung – und das sind keine Einzelfälle.“ 

„Und erst seit 2015 werden die Zahlen kriminalistisch ausgewertet und öffentlich zugänglich gemacht. Aber auch da fehlen uns noch wesentliche Faktoren, die nicht erfasst werden. Zum Beispiel die Motive der Täter, die bei Femiziden auftreten“, sagt Dyroff. An systematischen Erhebungen zum Phänomen würde es in Deutschland fehlen. „Das wäre aber wichtig, um es besser zu verstehen und mehr dagegen zu tun.“

Im Jahr 2020 148.031 Opfer gezählt

Im jüngsten veröffentlichten Bericht des Bundeskriminalamtes zum Thema Partnerschaftsgewalt wurden für das Jahr 2020 insgesamt 148.031 Opfer gezählt. 80 Prozent von ihnen sind weiblich. Bei den Tatverdächtigen handelt es sich mit 79 Prozent meist um Männer. In dem Bericht erfasst werden Delikte von vorsätzlicher einfacher Körperverletzung – die mit 61 Prozent den Großteil ausmachen – über Bedrohung, Stalking und Nötigung (22 Prozent) bis hin zu Mord und Totschlag (0,3 Prozent).

In Hamburg gab es im Jahr 2020 einen versuchten Mord und zwei Fälle von Totschlag in Partnerschaften mit weiblichen Opfern. Das geht aus der Antwort des Senat auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor. Im Jahr 2021 wurden zwei Frauen von Partnern oder ehemaligen Partnern ermordet, in einem dritten Fall blieb es beim Versuch.

Viele Übergriffe von Männern auf Frauen

Nach Abendblatt-Informationen wurden in Hamburg in diesem Jahr bislang 14 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte bekannt, in sechs Fällen waren Frauen die Opfer. In Wilhelmsburg und Lohbrügge wurden Frauen nach Trinkgelagen angegriffen und gewürgt. In Niendorf griff ein 35-Jähriger seine 25 Jahre alte Lebensgefährtin mit einem Messer an und fügte ihr tödlichen Verletzungen zu. Und auch am vergangenen Dienstag hatte ein Mann in Bahrenfeld versucht, seine Frau zu erstechen. Diese hatte ihn nach mehreren Jahrzehnten Ehe verlassen wollen.

Für den Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Jan Reinecke, sind Übergriffe von Männern auf Frauen eine zentrale, aber auch schwierige Herausforderung. „Es handelt sich um extrem viele Fälle. Die Kolleginnen und Kollegen im Bereich der Beziehungsgewalt gehören zu jenen, die die größte Arbeitsbelastung bei der Polizei haben“, so Reinecke.

"Man muss ansprechbar sein für die Opfer"

Richtigerweise stehe das Thema heute stärker im Fokus als noch vor einigen Jahrzehnten. „Damals hat man eine körperliche Auseinandersetzung oft als kleineren Streit abgetan. Heute sind wir wachsamer“, sagt Reinecke. Das bedeutet aber auch, dass es nicht mit einer Vernehmung getan ist. Man will und muss ansprechbar sein für die Opfer, sie begleiten“, sagt Reinecke.

Dabei helfe, dass der Anteil an Frauen bei der Kripo deutlich gestiegen sei. „Aber auch die bürokratischen Anforderungen sind enorm.“ Zuletzt hatte Reinecke bereits scharf kritisiert, dass die Polizeiführung nicht genügend honoriere, wenn Ermittler die betroffenen Frauen intensiv betreuten. Im Gegenteil: „Wer sich kümmert, wird eher bestraft.“ Bedingt durch den Personalmangel gehe es Vorgesetzten oft nur darum, möglichst viele Fälle abzuschließen. Eine Polizeisprecherin hatte die Kritik zurückgewiesen. Die gesetzliche Aufgabe der Polizei bestehe allein in der Gefahrenabwehr und der Aufklärung von Straftaten.

„Wir merken langsam was Corona angerichtet hat“

Die stellvertretende Landesvorsitzende des Weißen Rings, Kristina Erichsen-Kruse, spricht von einer derzeit ansteigenden Zahl von Frauen, die von der Opferschutzorganisation nach Gewalterfahrungen betreut werden. „Wir merken langsam, aber sicher, was Corona angerichtet hat“, so Erichsen-Kruse. „Solange die Schädiger auch die ganze Zeit zu Hause waren, gab es für die Opfer oft kaum eine Möglichkeit, Hilfe zu holen. In vielen Fällen hat sich die Gewalt auch verstärkt, da es für die Täter mehr Gelegenheit gab.“

Sie beobachtet ähnlich wie Forscherin Dyroff, dass Männern, die exzessive Gewalt bis zu einem Totschlag oder Mord ausüben, Zurückweisung oder das Entgleiten einer Frau als direkten Angriff empfinden. Dieses Motiv begleite Gewalt gegen Frauen seit sehr langer Zeit – hinzu kämen aber auch aktuelle Entwicklungen.

Hamburg mangelt es an sicheren Räumen

„Herabwürdigung und Androhung von Gewalt werden nicht nur anonym im Internet viel mehr im öffentlichen Raum ausgetragen und sind dort etabliert. Das kann auch dazu führen, dass das tatsächliche Gewaltpotenzial steigt“, sagt Erichsen-Kruse, die früher auch in leitender Funktion im Hamburger Maßregelvollzug tätig war. Positiv sei, dass Frauen sich heutzutage eher Hilfe suchten, bevor es zu schwersten Gewaltfällen komme. Es gebe dabei aber in Hamburg aktuell einen „ganz großen Mangel an sicheren Räumen“.

„Viele Frauen mussten auch außerhalb Hamburgs vermittelt werden, weil es hier wenig bis keine Plätze gibt“, sagt die Mitarbeiterin der Autonomen Hamburger Frauenhäuser, Anika Ziemba. „Das sagen wir auch am Telefon – und wissen daher nicht, wie viele sich vielleicht dafür entscheiden, in den schlechten Situationen zu Hause zu verbleiben. Auch das macht uns große Sorgen.“ Die Plätze in Häusern seien oft länger als notwendig belegt, weil die Frauen im Anschluss an den Aufenthalt schwer eigene Wohnungen finden würden.

Gewalt gegen Frau: Opfer können nicht warten

Die Vorsitzende des Weißen Rings Erichsen-Kruse sagt hierzu: „Betroffene haben kaum die Zeit, sechs Monate zu warten. Selbst wenn der Schädiger nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung lebt, wollen Frauen in der Regel nicht dorthin zurück, wo er sie finden kann.“

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