Gastronomie Hamburg

Corona-Folgen: Daniela Bar muss nach 30 Jahren schließen

| Lesedauer: 11 Minuten
Die Barfrauen Patricia Neumann, 61, und Florence Mends-Cole, 53, fühlten sich am letzten Abend wie Rockstars.

Die Barfrauen Patricia Neumann, 61, und Florence Mends-Cole, 53, fühlten sich am letzten Abend wie Rockstars.

Foto: Roland Magunia

"Habe hier getanzt, geknutscht, geheult": Die Szene-Kneipe am Schulterblatt feierte am Freitag endgültig ihren Abschied.

Hamburg. 
  • Daniela Bar wurde 1992 eröffnet
  • Die beliebte Kultbar hat die Corona-Pandemie nicht überlebt
  • Am Freitag wurde Abschied in der Daniela Bar am Schulterblatt gefeiert

Danielas letzter Tag ist sonnig. Fast 30 Jahre lang hat die kleine Bar am Schulterblatt 86 Paare verkuppelt, Gäste ihre Sorgen vergessen und sie stattdessen auf dem Tresen tanzen lassen. An diesem Freitag heißt es Abschied nehmen, die Einrichtung hat Corona nicht überlebt. Bevor die Türen um 18 Uhr das letzte Mal öffnen, bereiten die Betreiberinnen Patricia Neumann (61) und Florence Mends-Cole (53) den Abend vor.

Viele Flaschen stehen schon nicht mehr in der normalen Anordnung auf dem rot beleuchteten Regal hinter dem Tresen, zwei Aperolflaschen haben nur noch einen Bodensatz in sich – heute muss alles leer werden. Neumann war gerade noch mal schnell bei der Bank, frische Münzrollen für die Kasse holen. Jetzt bereitet das eingespielte Team Limetten- und Zitronensaft vor: Mends-Cole schneidet die Früchte in Hälften, Neumann presst den Saft aus. Dabei erzählen sie von ihren Anfängen: Die Daniela Bar, benannt nach der barbusigen Frau, deren Bild hinter dem Tresen hängt, gibt es bereits seit 1992. Zwei Jahre später fingen Neumann und Mends-Cole hier an, lernten sich kennen und übernahmen den Laden 1995, als die ehemaligen Besitzerinnen auswanderten und Kinder bekamen.

Daniela Bar am Schulterblatt schließt nach 30 Jahren

„Viele haben das hier als ihr Wohnzimmer empfunden“, sagt Neumann über ihre Gäste, die oft aus der Kreativszene kamen. Sie hat sie über Jahre und Jahrzehnte begleitet, mitbekommen, wie sie heirateten, Familien gründeten, eine Auszeit vom Feiern nahmen – und dann wiederkamen. Zum Beispiel zu den Mottoparties, bei denen im Dezember zum Geburtstag der Daniela vom „Mut zur Hässlichkeit“ über „Cabaret“, „Superhelden“ und „Weltreise“ alles Mögliche zelebriert wurde. Die Barfrauen haben den 35 Quadratmeter großen Raum auch renoviert, die rot-goldene Tapete angebracht und die damals noch blauen Polster an der Wand durch rote ersetzt.

Wichtig war ihnen immer, das Konzept weiterleben zu lassen: „Die Daniela Bar ist weiblich, hier haben immer nur Frauen gearbeitet. Und wenn Männer, dann nur im Fummel“, erzählt Mends-Cole. Junge Angestellte, die am Anfang eher zurückhaltend waren und sich hinter Mützen und Hoodies versteckt haben, sind in der Daniela Bar aufgeblüht: „Wir konnten viele Frauen ein Stück auf ihrem Weg begleiten und sie inspirieren, da bin ich sehr stolz drauf“, sagt Mends-Cole.

Auch Künstlerin Grit Richter oder Schauspielerin Maria Fuchs standen in der Daniela hinterm Tresen, erzählt sie. Sicherheit für Frauen, einen geschützter Raum zu bieten: Darauf haben die Betreiberinnen immer geachtet. Die weiblichen Gäste wurden gefragt, ob sie sich wohlfühlen, komische Typen wurden rausgeschmissen. Nach einem Raubüberfall im Jahr 2010 ist der untere Teil der Glasfront zur Straße hin nicht mehr durchsichtig, sondern weiß, damit die Bar gerade in den späten Abendstunden nicht mehr von außen einsehbar war.

Abschied von der Daniela Bar: „Tschüss Schanze“

„Tschüss Schanze“, schreibt Mends-Cole mit einem pinken Stiften von außen auf diese Scheibe, direkt unter das goldene Peace-Symbol im Fenster, bevor am Freitag zum letzten Mal die Tür für Gäste geöffnet wird. Auf und um die weißen Bänke mit dem blauen „Daniela“-Schriftzug sammeln sich bei bestem Wetter die ersten Besucherinnen und Besucher dieses letzten Abends – einige haben auch ihre Kinder dabei.

Eigentlich haben Neumann und Mends-Cole nicht damit gerechnet, heute noch besonders emotional zu werden. Das käme erst später, nach der Schließung, in Ruhe, haben sie gedacht. Doch schon um 19 Uhr lassen sich die ersten Tränen nicht mehr vermeiden: Um die 50 Freunde, Verwandte wie Neumanns Bruder und Mends-Coles Schwester, aber auch ehemalige Stammgäste und Angestellte sind mit Konfettikanonen, Tröten und Luftschlangen zu einem kleinen „Flashmob“ zusammengekommen. Sie füllen plötzlich den ganzen Bürgersteig vor dem Laden. „Danke!“, „We love you“ und „Daniela forever“, rufen sie.

"Habe hier wild getanzt, geknutscht, geheult"

Ein Banner mit letzterem Schriftzug haben sie auch mitgebracht, es wird für den Rest des Abends außen über die Tür gespannt. Organisiert hat den „Flashmob“ eine gute Freundin von Mends-Cole: Für Sibylle geht heute eine Ära zu Ende, auf die sie mit einem Crémant anstößt. Sie kam vor 22 Jahren das erste Mal in die Bar und erinnert sich: „Ich gehe gerne alleine weg und hab hier Nächte verbracht, wild getanzt, geknutscht, geheult. Ich war hier immer gut aufgehoben. Und ich hab hier auch meinen Mann kennengelernt, wie so viele.“

Ihr Mann Jan und der 9 Jahre alte Sohn Carl sind heute auch dabei. Jan ist wehmütig, dass die Daniela zumacht. „Aber wir konnten auch nicht mehr so viel hier sein, wie wir es früher waren. Wenn man über 50 ist, nimmt das ab.“ Und auch andere Gäste schwelgen in Erinnerungen: Ralf hat vor 17 Jahren auf dem Platz vor der Bar das erste Mal seine Frau geküsst: „Es ist traurig, dass das vorbeigeht.“

Daniela Bar: Gästen schwelgen in Erinnerungen

Vicky hat früher hier gearbeitet und schon am Donnerstag zum Abschied auf dem Tresen getanzt. Und auch Barbara war von Beginn an – seit 1992 – dabei. Sie sagt: „Man konnte hier auch mal traurig sein, wurde gehört und aufgefangen.“ Ein kleiner Laden ohne „anonymes Bedienen“.

Zum neuen Jahrzehnt 2020 – und vor der Pandemie – wollten Neumann und Mends-Cole eigentlich ein neues Konzept für ihren kleinen Laden umsetzen: Jünger, zeitgemäßer. Daniela nicht mehr weiblich, sondern genderfrei. Doch daraus wurde nichts. Als die ersten Corona-Regeln in Kraft traten, waren sie noch sehr motiviert, haben versucht, sich der Situation und den Lockerungen anzupassen: Gutscheine verkauft, mit denen Gäste die Bar unterstützen konnten, tagsüber frischgepresste Säfte und Smoothies aus dem Fenster angeboten, um für Freunde und Gäste einen Ort zu bieten, an dem man sich austauschen konnte.

„Man musste alle 14 Tage das Konzept umschreiben, das ist wie einen neuen Laden zu machen“, erzählt Mends-Cole. „Dann hatte man sich gerade wieder aufgerappelt, das Team wieder fit und vollständig gehabt, dann kam die nächste Sperrstunde oder Lockdown.“ „Das konnte man auch gar nicht bezahlen, in den Überbrückungshilfen waren auch die Löhne nicht eingerechnet, zum Beispiel für unsere Minijobber“, sagt Neumann.

Mehrmals haben sie neue Leute, auch junge Männer, eingearbeitet, um sie sie dann wieder entlassen zu müssen. Und an ihre Reserven zu gehen. Mit Maske, ohne Maske, Unterschiede bei Gästen und Wirtinnen: „Mir erschließt sich der Sinn überhaupt nicht mehr bei dem Ganzen“, sagt Mens-Cole über die verschiedenen Corona-Verordnungen der vergangenen Monate.

"Es ist eine komplette Katastrophe"

Diese betrafen auch die direkten Nachbarn der Daniela in der Katze. Auf einer der vielen Bänke auf der großen Terrasse vor der Bar sitzt am Freitag Betriebsleiter Tristan Alhambra. Die Corona-Maßnahmen waren „zermürbend“, sagt er. „Und das ist jetzt das Resultat: Dass solche alteingesessenen Läden wie die Daniela Bar, die die Schanze immer bereichert haben, auf einmal nicht mehr da sind. Es ist eine komplette Katastrophe. Es geht ein Stück Gastrokultur verloren, die Szene wird dadurch gemindert.“ Gerade in Corona-Zeiten hätten Gäste gut zwischen den beiden Läden wechseln können, wenn einer mal voll war, sagt er: „Das Stammpublikum der Daniela ist etwas älter und dort kann man gemütlich verweilen. Bei uns ist das Publikum etwas jünger und man glüht eher vor. Das hat sich gut vermischt.“

Gemütlich verweilen – das ist auch am letzten Abend das Motto in der Daniela Bar. Am Pult direkt hinter der Eingangstür legt ein DJ auf, es wird gelacht, geraucht – und geknutscht. Neumann und Mends-Cole bedienen hinter der Bar, immer noch mit Konfetti im Haar, unter den leuchtenden Schildern „Cocktails statt Kiosk“, die hinter der Bar hängen. Sie hätten ihre Daniela am liebsten an die nächste Generation von Mitarbeiterinnen übergeben, aber das war nicht möglich. „Das finden wir sehr schade“, sagt Neumann. „Wir werden oft gefragt, was hier reinkommt. Wir können nur sagen: Keine Ahnung, der Vermieter äußert sich nicht. Mehr weiß man nicht.“ Gegen 22 Uhr machen sie schließlich eine Verschnaufpause vor dem Laden, Neumann in rosa Woll-, Mends-Cole in blauer Bomberjacke über den luftigen Kleidern.

Bars wie die „Daniela“ werden rar werden

Sie trinken selbst Champagner, lassen sich immer wieder drücken, sagen „Tschüss“. Von dem vielen Besuch der letzten Wochen – und heute – sind sie überwältigt, erzählen die Frauen. Mends-Cole sagt aber auch: Bars wie die Daniela werden rar werden. In den letzten drei Monaten gab es viel Zulauf, nachdem sie im Dezember 2021 das Aus verkündet haben. Auch von neuen Gästen. „Wenn wir letztes Jahr diesen Support gehabt hätten, wären wir wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, zuzumachen“, meint die Barfrau. „Das hätten wir für unsere Motivation gebraucht, damit die Leidenschaft bei all den Restriktionen und Kontrollen nicht verloren geht.“ Für die Gäste ist dieser Freitag der letzte Tag in der Daniela Bar, die Betreiberinnen werden wiederkommen. Ab Sonntag räumen sie aus und putzen, ihre Schlüsselübergabe ist am 31.3. Und es wird eine letzte große Abschiedsparty mit Freunden geben, wo, wissen sie aber noch nicht.

Dann werden die Barhocker versteigert, das Barequipment und Gläser geben sie an andere Gastronomen ab. Das Bild der namensgebenden „Daniela“, die hölzerne Meerjungfrau am Ende der Bar und den Frosch auf dem Zapfhahn nehmen sie mit. Genauso den Schriftzug und Namen der Bar. Was damit passieren wird? „Wer weiß“, sagt Neumann. Noch ist nichts in Planung. Erstmal wollen beide eine Pause machen. „Jetzt ist es erstmal ein guter Abschluss, weil wir nicht mehr die Gastronomie machen können, die wir machen möchten: Gastgeber sein, mit den Menschen reden ohne Maske.“ Und Mends-Cole ergänzt lächelnd: „Jetzt so einen glamourösen Abgang zu machen, gefällt mir richtig gut. Das passt zu uns.“

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