Corona Hamburg

Leonhard über Booster-Impfungen: „Kein Grund zur Hektik“

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Sozial und Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD).

Sozial und Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD).

Foto: IMAGO / Chris Emil Janßen

Es werde genügend Drittimpfungen für alle geben. Das Abendblatt führte Stichproben zur Impfkapazität bei Hamburger Ärzten durch.

Hamburg. Die einen plädieren für Eile beim Boostern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ließ sich schon im Oktober eine verstärkende Drittimpfung spritzen – und warb dafür, „dass viele andere das auch tun“ und es vor Ablauf der empfohlenen Sechs-Monats-Frist möglich sei. In Hamburg forderte CDU-Fraktionschef Dennis Thering, der rot-grüne Senat solle „zeitnah allen Hamburgern eine Booster-Impfung ermöglichen“. In die gleiche Kerbe schlug die Linken-Fraktion: Es müssten „in kürzester Zeit möglichst viele Menschen“ zum Zuge kommen.

Die anderen wie etwa Walter Plassmann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KHV), und Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) bitten um Geduld und warnen vor überstürzten Reaktionen. „Impfkampagne nicht chaotisieren“, appellierte Plassmann. Wer eine Drittimpfung haben wolle, werde sie bekommen – vorausgesetzt, es hielten sich alle Willigen an die Empfehlung, eine Karenzzeit von sechs Monaten einzuhalten. Die Angebote auch für Booster-Impfungen bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, städtischen Impfstellen und bei mobilen Teams seien „völlig ausreichend“.

Corona Hamburg: Leonhard garantiert Booster-Impfung

Alle könnten nach der entsprechenden Frist eine Auffrischungsimpfung bekommen, sagte auch Leonhard – aber nicht alle zugleich. Am Montag ließ sich festhalten: Zumindest bei den städtischen Impfangeboten überstieg die Nachfrage das online eingestellte Angebot.

Wer über die Seite hamburg.de/corona-impfung versuchte, einen Termin für eine Drittimpfung ab 18 Jahren mit den Vakzinen von Biontech oder Moderna zu ergattern, erhielt für Daten bis Ende April die Auskunft, es sei „leider“ nichts verfügbar. Auch wer sich an die jüngste Empfehlung der Sozialbehörde hielt, es erst beim Hausarzt zu versuchen oder unter Umständen bei anderen Ärzten, konnte auf Schwierigkeiten stoßen, wie Abendblatt-Stichproben zeigten.

Sprechstundenhilfe: „Wir sind total voll"

Ein Beispiel aus Eppendorf. Die Sprechstundenhilfe im zuerst kontaktierten Ärztehaus winkt ab: „Wir sind total voll und haben mit unseren eigenen Patienten alle Hände voll zu tun.“ Eine kontaktierte Gynäkologin impft gar nicht, auch nicht ihren eigenen Patientenstamm. Nächster Versuch: Gelingt es, online über die städtische Terminvergabe zeitnah im nahe gelegenen Krankenhaus mit Impfzentrum eine Auffrischimpfung zu bekommen? Fehlanzeige.

Es folgen Anfragen bei einigen niedergelassenen Ärzten in der Nähe, die auch Nicht-Patienten impfen. Nächster möglicher Termin: 25. März 2022. Nächster Versuch: Sonnabend bei einem Impfangebot ohne Termin in der Hamburger Meile. „Drei bis vier Stunden Wartezeit, ohne Sicherheit, geimpft zu werden“, sagt der Sicherheitsbeamte.

Lange Wartezeiten und frustrierende Erlebnisse

Von ähnlich langen Wartezeiten und frustrierenden Erlebnissen berichteten auch Abendblatt-Leserinnen, die es bei anderen Impfaktionen ohne Termin versucht hatten, wobei ihnen nach eigenen Angaben noch zwei Wochen an der empfohlenen Karenzzeit fehlten. Eine 71-Jährige schrieb, sie habe sich vor der Handelskammer angestellt, da sie bei ihrem Arzt keinen Termin vor Ende Januar bekommen hätte. Mit Verweis auf ihre zweite Impfung, die nicht exakt sechs Monate zurückliegt, sei sie abgewiesen worden. Das sei „empörend“.

Ähnlich sieht das Martha S. (66) aus dem Hamburger Westen. Sie habe sich im Elbe Einkaufszentrum für eine Drittimpfung ohne Termin angestellt. Nach mehr als einer Stunde Wartezeit sei sie – zusammen mit einigen anderen – abgewiesen worden mit der Begründung, der Abstand zu ihrer Zweitimpfung sie nicht ausreichend. „Ich hatte gelesen, Herr Spahn freue sich über jeden, der sich boostern lässt“, erzählte Martha S. Was ihr passierte, findet sie „skandalös“.

Behörde: Impfkapazitäten werden aufgestockt

Die Sozialbehörde bemühte sich am Montag, solche Wogen zu glätten. Ihr zufolge werden derzeit die Kapazitäten an allen Impfstellen in Hamburg ausgeweitet. „Die Praxen passen ihre Organisation an, zusätzliche Facharztpraxen steigen mit in das Impfgeschehen ein, betriebsmedizinische Angebote werden geplant, die Kapazitäten und Anzahl der Krankenhaus-Impfzen­tren werden ausgeweitet, zusätzliche Impfstellen werden stadtweit eingerichtet und zusätzliche Angebote durch mobile Teams gemacht, wofür in diesen Tagen über 100 zusätzliche Kräfte eingestellt werden“, sagte Behördensprecher Martin Helfrich.

Angebote für Auffrischungsimpfungen ohne Termin seien „vorrangig für jene gedacht, die keinen Termin in einer Arztpraxis erhalten konnten, nachdem sie es bei mehreren Praxen versucht haben“, sagte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD). Sie betonte, es sei „in der Regel angemessen, sich sechs Monate nach der zweiten Impfung um die Auffrischungsimpfung zu bemühen“.

Leonhard: „Es besteht kein Grund zur Hektik“

Ähnlich formulierte es auch die Ständige Impfkommission. Eine Verkürzung des Impfabstandes auf fünf Monate könne „im Einzelfall oder wenn genügend Kapazitäten vorhanden sind, erwogen werden“. Eine Verkürzung sei auch in Hamburg möglich, hieß es dazu aus der Sozialbehörde. Allerdings sollten Patienten dies mit ihrem Hausarzt klären.

„Alle, für die eine entsprechende Empfehlung vorliegt, können eine Auffrischungsimpfung erhalten – aber nicht alle auf einmal“, sagte Melanie Leonhard. „Insbesondere zu Stoßzeiten müssen Sie im Moment mit einem gewissen Andrang und auch mit Wartezeiten rechnen.“ Leonhard bat um Geduld. „In den kommenden Tagen und Wochen kommen erhebliche Kapazitäten mit dazu – zum Beispiel bei den Betriebsärzten. Es besteht also kein Grund zur Hektik.“

Kritik an Entscheidung von Spahn

Walter Plassmann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, blieb am Montag dabei, dass die Kapazitäten für Booster-Impfungen bei den niedergelassenen Hausärzten prinzipiell ausreichend seien, wenn sich aktuell nur jene Menschen darum bemühten, bei denen die Karenzzeit gegeben sei. Kämen alle Booster-Willigen vor Ablauf dieser Frist, könnte das „System zusammenbrechen“, sagte Plassmann. Die sechs Monate seien ein „vorsichtig gewählter Richtwert, keine fixe Grenze“. Es sei „kein Problem, wenn der Boostertermin ein paar Tage oder Wochen nach dieser Frist liegt“.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Unterdessen forderte auch Hamburgs Ärztekammerpräsident Pedram Emami Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dazu auf, die Entscheidung zur eingeschränkten Belieferung der Arztpraxen mit dem Biontech-Impfstoff umgehend zurückzunehmen. „In einer Zeit, in der meine Kolleginnen und Kollegen alle Anstrengungen unternehmen, um die Menschen vom Sinn und Nutzen einer Impfung zu überzeugen, sind Manöver solcher Art völlig kontraproduktiv“, sagte Emami am Montag.

Sieben-Tage-Inzidenz steigt in Hamburg auf Höchstwert

Spahns Ministerium hatte angekündigt, dass jeder Hausarzt in der Woche nur noch 30 Dosen des Impfstoffs Biontech erhalten wird. Dafür soll das Präparat von Moderna bei Drittimpfungen vermehrt zum Einsatz kommen. Von der Sozialbehörde hieß es am Montag, bestellte Impfdosen gingen „gegenwärtig verlässlich“ in Hamburg ein. Eine Impfstoffknappheit sei nicht absehbar.

Die Sieben-Tage-Inzidenz erreichte am Montag in Hamburg einen Höchststand. Die Sozialbehörde gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen mit 217,4 an. Am Sonntag hatte die Zahl bei 209,2 gelegen, vor einer Woche bei 177,9. Am Montag waren 514 Neuinfektionen gemeldet. Das sind 51 weniger als am Sonntag und 156 mehr als vor einer Woche. In den Hamburger Kliniken wurden mit Stand Freitag 193 Covid-19-Patienten behandelt, 49 dieser Patienten lagen auf Intensivstationen.

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