Paula Karpinski

„Mir war manchmal zum Heulen zumute“

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Matthias Schmoock
Senatorin Paula Karpinski setzte zahlreiche Projekte durch. Sie wurde 107 Jahre alt.

Senatorin Paula Karpinski setzte zahlreiche Projekte durch. Sie wurde 107 Jahre alt.

Foto: Bürgerschaftskanzlei, Parlamentsdokumentation

„Die rote Paula“ wird 1946 Jugendsenatorin: Wo sie ihre Füße unter den Tisch steckt, fingen „Gleichberechtigung und Demokratie an“.

Hamburg. Es ist eine ganz besondere Premiere innerhalb der hamburgischen Politik: Mit Paula Karpinski (1897 bis 2005) erlangt 1946 erstmals in der langen Stadtgeschichte eine Frau das Senatorenamt. Und nicht nur das. Die 49-Jährige ist das erste weibliche Mitglied in einem deutschen Landeskabinett überhaupt.

Ihre offizielle Bezeichnung lautet damals „Senator“ – eine andere Form war protokollarisch gar nicht vorgesehen. Zähigkeit, Mut und Durchsetzungsvermögen hatten sie ins Rathaus geführt – zugefallen ist ihr nie etwas im Leben. In ihrer Zeit als Jugendsenatorin (1946 bis 1953 und 1957 bis 1961) setzt Karpin­ski vielfältige Akzente und boxt zahlreiche Großprojekte durch. Vieles von dem, was sie erreicht hat, prägt die Stadt noch heute. Es war ein weiter Weg.

Paula Karpinski amtierte als erste Frau in einem Landesparlament

Die in eine Arbeiterfamilie geborene Paula Theeß wächst in Hammerbrook auf. Ihr Vater Heinrich ist Hafenarbeiter und eingefleischter Sozialdemokrat, die Mutter Monika hat vor der Heirat als Dienstmädchen gearbeitet. Noch an ihrem 100. Geburtstag 1997 konnte Karpinski dem Abendblatt-Reporter lückenlos und ungewöhnlich lebhaft aus ihrer Kindheit berichten.

Zwar teilten sie und ihre Geschwister – Paula war die Jüngste – nur zwei einfache Zimmer mit den Eltern, aber das Familienleben sei harmonisch und früh von Politik geprägt gewesen. Regelmäßig habe ihre Mutter die Reichstagsberichte aus dem „Hamburger Echo“ vorgelesen, die von der wissbegierigen, aufgeweckten Tochter geradezu verschlungen wurden.

1928: „Die rote Paula“ im Landesvorstand

Unter finanziellen Entbehrungen ermöglicht der Vater dem Mädchen den Besuch einer privaten Handelsschule, später bildet sie sich über das Sozialpädagogische Institut weiter. Schon mit 16 Jahren tritt sie in die SPD ein, 1928 sitzt „die rote Paula“, die inzwischen mit dem Architekten Carl Karpinski verheiratet ist, bereits im Landesvorstand.

Von 1931 an ist sie Mitglied der Bürgerschaft, eine Zeit, die mit dem Verbot der SPD 1933 endet. Als der Landesvorstand verhaftet wird, muss auch Karpinski fünf Tage in Untersuchungshaft, nach dem Attentat auf Hitler kommt sie 1944 für sechs Wochen ins KZ Fuhlsbüttel und anschließend zum Arbeitsdienst. Nur wenig bekannt ist, dass ihre beiden Eltern 1943 bei einem Luftangriff ums Leben kommen.

„Am Anfang bin ich auf viel Skepsis gestoßen“

Ihre lange politische Vorprägung hilft Paula Karpinski schließlich beim Sprung in die Rathauspolitik. Sie ist in SPD-Kreisen bekannt, kann gut reden und über Inhalte diskutieren und verschafft sich in Fachkreisen schnell Re­spekt. „Am Anfang bin ich auf viel Skepsis gestoßen“, erinnerte sie sich später, „viele haben mir das nicht zugetraut.“

Im kriegszerstörten Hamburg des Jahres 1946 müssen unzählige Probleme bewältigt werden – überall fehlt es an Räumlichkeiten, Material und Personal. Die soziale Not in Karpinskis Arbeitsbereich ist riesig: Viele Kinder und Jugendliche, etliche davon Waisen oder Halbwaisen, sind durch Krieg und Flucht entwurzelt und traumatisiert, und es gilt, Wohnheime zu bauen und Ausbildungsplätze zu vermitteln.

Entschlossene Senatorin: Einsatz für Frauenhäuser, Spielplätze und Elternschulen

Oft kommt die Senatorin, Mutter eines Sohns, erst um ein Uhr morgens aus der Behörde nach Hause, den mitgebrachten Stapel Akten arbeitet sie nach eigenem Bekunden im Bett durch – „weil das am bequemsten war.“ Schließlich gestaltet sie immer entschlossener Hamburgs Nachkriegspolitik mit. Sie baut die Jugendbehörde neu auf, Frauenhäuser, pädagogisch betreute Kinderspielplätze und Elternschulen gehen auf ihren Einsatz zurück.

1949 gründet sie den Kulturring der Jugend, der Jugendlichen die preisgünstige Teilnahme an Kulturveranstaltungen ermöglicht. Auch der Bau der Jugendherberge auf dem Stintfang ist Erfolg ihrer Initiative. Eigentlich soll dort ein Hotel gebaut werden, aber Karpinski lässt nicht locker. Sie setzt sich schließlich bei Bürgermeister Max Brauer durch, überzeugt auch widerstrebende Senatoren.

Sie knetete Max Brauer fürs Volksparkstadion weich

Nachdem sie 1951 zusätzlich die Verantwortung für den Bereich Sport übernommen hat, gründet die rührige Senatorin das Haus des Sports am Schlump und bringt den Bau des Volksparkstadions auf den Weg. „Max Brauer war damals dagegen“, erinnerte sie sich 1997 im Gespräch mit dem Abendblatt, „aber ich habe ihn dann weich geknetet.“

Dass es bei der Heimbetreuung von Kindern und Jugendlichen während ihrer Amtszeit auch zu Härten kommt und vielfach an menschlicher Wärme mangelt, ist sicherlich den schwierigen Zeitumständen geschuldet. Fakt ist, dass manche der „Zöglinge“ von damals bis heute nicht uneingeschränkt in die vielen Lobreden auf Karpinski einstimmen können.

Karpinski verortet sich politisch „ganz links“

Paula Karpinski repräsentierte das, was man gemeinhin als „Sozialdemokratie vom alten Schlag“ bezeichnet. Sie verortete sich nach eigenem Bekunden politisch „ganz links“, hatte ein klares Wertesystem und besaß eine ungewöhnliche innere Stärke, die manche auch als Härte wahrgenommen haben mögen. Kuschelpädagogik war ihr fremd. 1961 hört sie als Senatorin auf, 1966 legt sie auch ihr Bürgerschaftsmandat nieder. Danach engagiert sich Karpinski vor allem ehrenamtlich, bleibt der Politik aber innerlich eng verbunden.

Im Gespräch mit Rita Bake und Inge Grolle in dem Buch „Ich habe jonglieren mit drei Bällen geübt“ bekannte die damals 96-Jährige im Rückblick auf ihre Arbeit als Senatorin Erstaunliches: „Mir war manchmal, wenn meine Forderungen mit Nein abgestimmt wurden, zum Heulen zumute. Ich zweifelte an mir, glaubte, meine Sache nicht gut genug vertreten zu haben.“ Und auch: „Ich habe oft die Zähne zusammengebissen und gedacht: bloß nicht weinen.“ Ihr Fazit war trotzdem positiv: „Ich bin im Senat sehr loyal behandelt worden. Es gab eine absolute Gleichberechtigung.“

Seit 2013 ist der Platz vor der Jugendherberge auf dem Stintfang nach der Politikerin benannt, außerdem wird seit 2003 alle zwei Jahre der Paula-Karpinski-Preis ausgelobt. Paula Karpinski hatte einen lebenslangen Leitsatz, den sie immer wieder zitierte: „Dort, wo ich meine Füße unter den Tisch stecke, fangen Gleichberechtigung und Demokratie an.“ Dass sie ihn nicht nur aufsagte, sondern danach lebte, hat Hamburgs erste Senatorin eindrucksvoll bewiesen.

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