Inflation

Pizza, Benzin, Strom - steigende Preise treffen Hamburg hart

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Volker Mester
Inflation: Die Ausgaben für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke haben sich überdurchschnittlich erhöht.

Inflation: Die Ausgaben für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke haben sich überdurchschnittlich erhöht.

Foto: picture alliance / Frank May

Die Verbraucherpreise haben bundesweit zuletzt um fast vier Prozent angezogen – der höchste Wert seit 1993. Geht das so weiter?

Hamburg. Für Freunde einer echten Pizza Napoletana in Eppendorf und Hoheluft ist „Pizza Puro“ ein Begriff. Doch dem Gründer und Inhaber Marvin Möller geht es wie anderen Restaurantbetreibern: Er muss nicht nur mit den Auswirkungen der Pandemie umgehen, sondern auch mit einer deutlichen Verteuerung von Zutaten. Möller blieb nichts anderes übrig, als darauf zu reagieren: „Eine Pizza, die heute 10,50 Euro kostet, war vor einem Jahr noch 50 Cent günstiger“, sagt er. „Damit geben wir die höheren Einkaufspreise aber nur zum Teil weiter. Und die Getränkepreise haben wir nicht verändert, obwohl manche Lieferanten die Preise in mehreren Stufen hochgesetzt haben.“

Auf spürbare Preisanhebungen stoßen die Hamburger auch in ganz anderen Lebensbereichen – etwa wenn sie bauen oder eine Wohnung renovieren. „Eine weiße Standard-Innentür hat sich im Verkauf seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres von 100 Euro auf mittlerweile 110 Euro verteuert“, sagt Ralf Ax, Geschäftsführer des Holz- und Baustoffhändlers Andresen & Jochimsen (A&J) in Stellingen.

Inflation in Hamburg - so sehr steigen die Preise

Bei anderen Produkten wie Dachlatten hat der drastische weltweite Anstieg der Holzpreise noch stärker durchgeschlagen. Besonders augenfällig sind die Verteuerungen an den Tankstellen in der Stadt. So kostete der Liter Superbenzin (E10) Ende August an einer Total-Tankstelle am Mundsburger Damm 1,579 Euro, vor gut einem Jahr waren es gerade einmal 1,289 Euro – ein sattes Plus von gut 22 Prozent.

Nach Angaben des Statistikamts Nord haben die Verbraucherpreise in Hamburg im Juli um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat angezogen. Damit ergab sich ein auffälliger Preissprung, denn im Juni und in den Monaten davor lag die Inflationsrate noch bei 2,0 Prozent oder leicht darüber. Nimmt man die durchschnittlichen Konsumausgaben eines bundesdeutschen Haushalts von 2574 Euro als Basis, würde aktuell jeder einzelne Haushalt in Hamburg nun 90 Euro mehr im Monat ausgeben müssen als noch vor einem Jahr. Auf alle gut 1,04 Millionen Haushalte in der Hansestadt hochgerechnet sind das fast 94 Millionen Euro an Mehrausgaben.

Besonders kräftig sind die Verbraucherpreise laut Statistikamt im Bereich Verkehr – darunter fallen auch die Ausgaben für Benzin und Diesel – gestiegen. Hier ergab sich eine Teuerung von 8,7 Prozent. Dahinter rangieren die „Gaststätten- und Beherbergungsdienstleistungen“ mit einem Plus von 7,7 Prozent und die Strom-, Gas- und Heizölpreise, die um 6,9 Prozent anzogen. Ebenfalls überdurchschnittlich stark haben sich die Ausgaben für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke (plus 3,7 Prozent) erhöht.

Inflation nun schon bei vier Prozent

Wie die Statistiker anmerken, beruht der jüngste Inflationsschub auch auf einem sogenannten Basiseffekt: Wegen der Pandemie hatte die Bundesregierung die Mehrwertsteuer für den Handel und den Dienstleistungsbereich befristet von Juli 2020 bis Dezember 2020 abgesenkt. Daraus ergeben sich für die Monate seit Juli 2021 höhere Teuerungsraten. Weil aber der Verbraucherpreisindex auch von anderen Faktoren wie etwa der CO2-Abgabe beeinflusst werde, könne man den Umfang des Basiseffekts nicht genau beziffern, heißt es.

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Bundesweit lag die Teuerungsrate im August bei 3,9 Prozent. Man muss schon lange zurückgehen, um auf einen noch höheren Wert zu stoßen: Im Dezember 1993 waren es 4,3 Prozent. Unter Ökonomen wird nun heftig darüber diskutiert, ob die Konsumenten in Deutschland sich dauerhaft auf deutlich erhöhte Inflationsraten einstellen müssen oder ob es sich lediglich um einen einmaligen und vorübergehenden Preisschub handelt. Einige Experten glauben, dass die Rohstoffpreise auch in den kommenden Jahren weiter deutlich anziehen. Zudem werde ein Arbeitskräftemangel zu Lohnsteigerungen und damit wieder zu weiteren Preisanhebungen führen.

Wie Ökonomen die Inflation einschätzen

Doch die Mehrheit der Ökonomen sieht das derzeit anders. Zu ihnen gehört Jochen Intelmann, der Chefvolkswirt der Haspa. „Mit der aktuellen Inflationsrate haben wir nicht nur wegen der Mehrwertsteuerabsenkung eine extrem niedrige Vergleichsbasis, viele Preise waren damals Corona-bedingt ohnehin schon zurückgegangen“, erklärt Intelmann. Dieser Basiseffekt werde zwar noch einige Monate lang wirken: „Bis Dezember kann bei der Inflationsrate auch mal eine Vier vor dem Komma stehen.“

Der Experte ist jedoch überzeugt: „In den nächsten Jahren werden wir jeweils im Schnitt eher eine Zwei als eine Eins vor dem Komma sehen, aber keine Drei oder gar Vier.“ Carsten Klude, Chefvolkswirt des Hamburger Privatbankhauses M.M. Warburg & CO, kann sich für den Herbst 2021 sogar Teuerungsraten von fünf Prozent vorstellen. „Nach unseren Berechnungen dürften wir im zweiten Halbjahr 2022 aber schon wieder unter 2,0 Prozent liegen.“

Nach Einschätzung von Intelmann wird auch die Europäische Zentralbank (EZB), die ja Preissteigerungsraten nahe von 2,0 Prozent anstrebt, gelassen bleiben, „zumal in der Eurozone die Inflationsrate im Juli nur 2,2 Prozent betragen hat – und das ist der Maßstab für die EZB, nicht die Preisentwicklung in Deutschland.“ Rechne man die bekanntermaßen schwankungsanfälligen Energiepreise heraus, betrage die sogenannte Kernrate sogar nur 0,9 Prozent.

Löhne werden langsamer steigen als Inflation

Auch der Haspa-Chefvolkswirt erwartet, dass sich bestimmte Rohstoffe aufgrund steigender Nachfrage mittelfristig weiter verteuern werden. Das betreffe zum Beispiel Metalle, die für die Energiewende relevant sind, wie Kupfer und Zink. Dieser Effekt werde aber nicht stark genug sein, um die Verbraucherpreise deutlich hochzutreiben.

Eine echte Inflationsgefahr bestünde nach Auffassung von Intelmann nur dann, wenn es den Gewerkschaften gelingen sollte, mit ungewöhnlich hohen Tarifabschlüssen eine Lohn-Preis-Spirale auszulösen. Nach Berechnungen des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts werden die Löhne von Millionen Beschäftigten in diesem Jahr erstmals seit einem Jahrzehnt langsamer steigen als die Verbraucherpreise.

Ver.di will die „offensive Lohnpolitik“ fortsetzen

Vor diesem Hintergrund hatte die stellvertretende Ver.di-Vorsitzende, Andrea Kocsis, kürzlich gesagt, man brauche „gerade auch wegen der anziehenden Preise kräftige Lohnsteigerungen für die Beschäftigten“ und werde daher die „offensive Lohnpolitik“ fortsetzen. Und auch die Gewerkschaft der Lokomotivführer lässt derzeit bei ihrer Lohnforderung die Muskeln spielen – zum Leidwesen der Kunden.

Weder Intelmann noch Klude sehen das als Gefahr für die Verbraucherpreise. „In der Vergangenheit ist es zwar immer wieder einmal einzelnen Gewerkschaften gelungen, hohe Forderungen durchzusetzen“, sagt Klude. „In der Breite hat das aber seit vielen Jahren nicht mehr zu einem deutlich erhöhten Lohnniveau geführt.“ Auch nach Intelmanns Einschätzung haben die Tarifpartner in Deutschland seit längerer Zeit in der Regel bewiesen, „dass sie das ‚Große Ganze‘ mit im Blick haben“.

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