KZ-Überlebende gestorben

Nach Linken-Forderung: So will Hamburg Esther Bejarano ehren

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Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano setzte sich unermüdlich gegen das Vergessen der faschistischen Gräueltaten ein – an Schulen, aber auch bei Konzerten.

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano setzte sich unermüdlich gegen das Vergessen der faschistischen Gräueltaten ein – an Schulen, aber auch bei Konzerten.

Foto: Marco Kneise

Hamburger Politiker planen, auf besondere Weise an die Auschwitz-Überlebende zu erinnern. Nur eine Partei lehnt dies ab.

Hamburg.  Wird die Stadt Hamburg schon bald einen Platz, eine Schule oder eine Straße nach der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano benennen? Zwei Tage nach der Nachricht vom Tod der 96 Jahre alten engagierten Kämpferin gegen das Vergessen, gegen Antisemitismus und Rassismus, mehrten sich am Montag in der Politik die Stimmen, die eine solche Würdigung befürworten.

Auch Bürgermeister Peter Tschen­tscher unterstütze den Vorschlag, eine Straße oder einen öffentlichen Platz nach Esther Bejarano zu benennen, sagte dessen Sprecher Christopher Harms dem Abendblatt. „Der Senat wird prüfen, wie eine Würdigung von Frau Bejarano in diesem Sinne erfolgen kann und welche Straßen oder öffentlichen Plätze hierfür konkret infrage kommen.“ Zuvor hatten bereits Vertreter der Bürgerschaftsfraktionen ihre Zustimmung zu solchen Plänen signalisiert.

Würdigen Ort in Hamburg nach Esther Bejarano benennen

„Hamburg und Deutschland haben Esther Bejarano viel zu verdanken“, sagte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf. „Es ist an uns allen, ihr Wirken und ihre Mahnung vor dem Schrecken des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dieses Ziel verfolgen alle demokratischen Fraktionen der Bürgerschaft, deshalb setzen wir uns für ein gemeinsames Vorgehen ein. Die Benennung eines würdigen Ortes könnte ein Weg sein, um an diese besondere Frau zu erinnern.“

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Grünen-Fraktionschefin Jennifer Jasberg forderte, das Gedenken an Bejarano müsse „sehr präsent sichtbar bleiben“. Bejarano habe 2019 die Hamburgische Ehrendenkmünze in Gold vom Senat erhalten. „Nun ist es unsere Aufgabe, ihr Andenken durch anhaltende Aufmerksamkeit zu erhalten.“ Um Bejaranos „unglaublichen Mut zu wertschätzen, wird es langfristig auch darum gehen, dass wir antifaschistische Arbeit stärken und uns gegen die Diskriminierung oder gar Gleichstellung mit rechten Gruppierungen stellen“, so die Grünen-Fraktionschefin.

Bejarano war eine "stetige Mahnerin"

Gemeinsam haben Kienscherf und Jasberg nun auch an die Fraktionsvorsitzenden Dennis Thering (CDU) und Sabine Boeddinghaus (Linke) geschrieben, um gemeinsam nach einem geeigneten Weg der Würdigung zu suchen. Bejaranos „bis ins hohe Alter unablässiger Kampf für Demokratie und gegen Antisemitismus hinterlässt bleibende Spuren, die über ihren Tod hinaus Bestand haben werden“, heißt es in der Mail, die dem Abendblatt vorliegt.

„Als stetige Mahnerin hat sie unserer Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen. Viele Schülerinnen und Schüler haben durch sie aus erster Hand vom dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte erfahren. Jetzt, wo die Stimmen der Überlebenden immer mehr verstummen, ist es an uns Nachgeborenen, die Schrecken der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Wirken Bejaranos für zukünftige Generationen in Erinnerung behalten

Nach der Auszeichnung Bejaranos im Jahr 2019 mit der Ehrendenkmünze in Gold müsse es „nun darum gehen, wie Hamburg das Wirken Esther Bejaranos jetzt und auch für zukünftige Generationen würdig in Erinnerung behalten kann“, so Kienscherf und Jasberg weiter. „Dies könnte z. B. durch die Benennung eines entsprechend würdigen Ortes geschehen. Es würde uns daher freuen, wenn wir uns darüber nach der Sommerpause fraktionsübergreifend (SPD, Grüne, CDU, Linke) austauschen können.“

Die CDU hat bereits die Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert. „Esther Bejarano war als Holocaust-Überlebende weit über Hamburg hinaus eine der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus“, sagte ihr Fraktionschef Thering. „Die Erinnerung an den Völkermord an den Juden Europas wachzuhalten, ist Pflicht und Aufgabe aller nachfolgenden Generationen. Aus meiner Sicht ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Hamburg als Bejaranos Wahlheimat ihr ein ehrendes und würdiges Andenken bewahrt.“

Nur AfD lehnt eine postume Würdigung Bejaranos ab

Die Linksfraktion hatte dies bereits zuvor gefordert. „Esther Bejarano war ein Vorbild – ihre Haltung, ihr Engagement, auch ihr Optimismus“, sagte Fraktionschefin Boeddinghaus. „Sie hatte die Nazis erlebt, sie musste die KZs Auschwitz und Ravensbrück durchstehen, ihre Eltern und eine Schwester wurden ermordet. Und sie hat ihre Stimme genau deshalb mit einer unglaublichen Kraft erhoben gegen alle Formen rechter Hetze und Gewalt. Hamburg hat ihr so viel zu verdanken – es ist nur angemessen, wenn der Senat rasch handelt und einen wichtigen Ort oder eine Schule in unserer Stadt nach Esther Bejarano benennt.“

Die FDP-Einzelabgeordnete Anna von Treuenfels-Frowein forderte, mindestens einen Platz oder eine Straße nach Bejarano zu benennen. Darüber hinaus solle der Senat auch die bisherige Tradition überdenken, nach der die Ehrenbürgerwürde seit 1813 immer zu Lebzeiten verliehen wurde. „Bejarano nicht zur Ehrenbürgerin zu machen, war ein Versäumnis, das der Senat wieder gutmachen kann“, so Treuenfels-Frowein. Es gehe hier um einen besonderen Fall. „Bejarano war eine sehr starke Stimme gegen Antisemitismus.“ Mit einer Ehrung postum würde der Senat „ein wichtiges Zeichen setzen“, sagte Treuenfels.

Preisgekröntes Porträt über Esther Bejarano:

Die AfD dagegen lehnt eine postume Würdigung Bejaranos ab. Diese sei zwar „als Überlebende der menschenverachtenden Holocaust-Hölle zweifellos eine wichtige Zeitzeugin und Mahnerin gegen Antisemitismus“ gewesen, sagte AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann. „Später wurde sie allerdings auch Ehrenpräsidentin der vom Verfassungsschutz beobachteten verfassungsfeindlichen ,Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten‘. Das lässt Zweifel an ihrem Eintreten für unseren demokratischen Rechtsstaat aufkommen.“

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