Corona-Pandemie

Hamburger City: Der letzte Lebensfunke überstrahlt Corona

| Lesedauer: 6 Minuten
Christoph Rybarczyk
Wann öffnet die Hamburger City wieder nach dem Lockdown? Statt dem Dreiklang aus flanieren, kaufen und essen herrscht wie hier an der Ecke Glockengießerwall / Ballindamm nur Leere – erst recht abends.

Wann öffnet die Hamburger City wieder nach dem Lockdown? Statt dem Dreiklang aus flanieren, kaufen und essen herrscht wie hier an der Ecke Glockengießerwall / Ballindamm nur Leere – erst recht abends.

Foto: Georg Wendt / dpa

Wie sich Geschäfte und kleine Imbisse gegen die Tristesse stemmen und warum Pferdeäppel vor dem Apple Store liegen. Ein Rundgang.

Hamburg. Die Straßenmusiker sind die letzten Optimisten. Der hier vor dem Drogeriemarkt packt die Gitarre und sein Repertoire an Liedern der Rolling Stones und der seligen Sechziger aus und trällert los. Wer sich ins Nikolaiquartier hinter dem Hamburger Rathaus und der Handelskammer verirrt, der will einen Beutel neuer FFP-2-Masken kaufen, sucht einen Kaffee zum Mitnehmen oder eine Asia-Box mit Reis und Gemüse. Wahlweise mit Tofu oder Fleisch. Und dazu gibt’s den Mann mit der Akustikgitarre, der nicht sprechen, sondern lieber singen will von der roten Tür, die er schwarz streicht, überhaupt keine Farben mehr, alles schwarz: „Paint it black“.

Düster kann es aussehen in der Hamburger Innenstadt in Lockdown-Zeiten. City-Managerin Brigitte Engler spricht von Verzweiflung bei Händlern und Gastronomen. Flanieren, kaufen, essen – der Dreiklang ist einer lähmenden Monotonie gewichen. Was Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) an Lockerungen zuletzt versprochen hat, empfinden die Geschäftsleute mit Blick auf Hamburgs Nachbarn bestenfalls als Stotterbremse statt Beschleunigung.

Lockdown in Hamburg: Spirit der Verbliebenen

Doch es gibt immer wieder kleine Lichtblicke für die, die in diesen Wochen durch das Quartier zwischen Europa-Passage, Jungfernstieg, Nikolaikirche, Neuem Wall und Großen Bleichen streifen. Es hat sich ein Spirit der Verbliebenen entwickelt. Er paart sich mit dem „Muss ja irgendwie“ derjenigen, die noch immer ins Büro, ins Kontor oder in die Küche in Binnenalsternähe gehen. Wie der Mann am Pasta-Stand in der Rathauspassage. Frauen heißen hier „Signora“, Männer über 30 „Dottore“. Vor Corona wurde hier Hamburgs heißeste Nudel serviert. Frisch aus der Pfanne, immer gut, immer schnell. Das ist jetzt nicht anders.

Aber als Beilage dringen tiefe Seufzer an die To-go-Kunden. „Wir haben keine Luft mehr zum Atmen. Du kannst nicht zehn Minuten unter Wasser bleiben. Zwei, drei vielleicht, dann musst du mal wieder hoch“, sagt der Chef des Ladens. Die Lufthansa wird gerettet, wir kleinen Geschäftsleute nicht. Die Hamburger fahren nach Schleswig-Holstein, kaufen da ein, trinken da draußen Kaffee, das Geld wird dort ausgegeben.“

Hamburger Abholkunden besonders freundlich bedient

Die City-Managerin sagt: Was die vielen kleinen Gastronomen in der City machen, das sei reine Kundenbindung. Da werden frische Produkte frisch gekocht. Großer Aufwand, kleiner Ertrag. „Das kann sich nicht lohnen“, so Brigitte Engler. Trotzdem gibt der Pasta-Mann nicht auf. Und die Reis-Frau aus dem Imbiss an der Kleinen Johannisstraße auch nicht. Besonders freundlich werden die Abholkunden hier bedient. Jede Geste zeigt: Schön, dass Sie da sind.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Der Bäcker am Großen Burstah musste schließen. Wer im Homeoffice sitzt, verzichtet auf den Kaffee, das Franzbrötchen von hier. Darunter leiden auch die Obdachlosen im Quartier. Sie haben oft Wechselgeld bekommen. Manche spendierten den Frauen und Männern, die hier sitzen, auch mal einen Becher Kaffee. Kein Bäcker, kein Kaffee, keine Spende.

Louis Vuitton macht Click & Collect

Kurioses spielt sich am Neuen Wall ab. Vor Louis Vuitton entstehen ab und an kleine Schlangen. Click & Collect ist erlaubt. Luxus geht offenbar immer. Nichts ist so schön, wie sich das neue Täschchen im Flagship Store abzuholen. Parkplätze gibt’s hier jetzt ja auch. Bis auf donnerstagabends, manchmal freitags. Dann knattern die letzten Autoposer herbei.

Seit der Jungfernstieg für sie und den motorisierten Individualverkehr gesperrt ist, fahren sie eine neue Schleife: in den Neuen Wall bis zur Poststraße, dann links, wieder links durch die Großen Bleichen. Sie können einem leidtun. Da bewegt man den gelben Ferrari reifenquietschend aus Winsen/Luhe nach Hamburg, und keiner guckt hin. Wer hier aufs Gaspedal drückt, posiert mit dem Auto nur für die wenigen Obdachlosen, die sich schon mal einen Platz für die Nacht ausgucken. Eine absurde Szenerie.

Apple Store: i-Phones und i-Pads besonders beliebt

Die Polizei hat am vergangenen Freitag acht Autos beanstandet, sagt Enno Treumann, Leiter der Region Mitte im PK 14. Am Jungfernstieg sitzen Polizistinnen hoch zu Ross und traben Richtung Europa Passage. Pferdeäppel vor dem Apple Store – eine besondere Lockdown-Mischung. Wer sein iPad oder iPhone reparieren lassen oder Zubehör kaufen will, braucht einen Termin.

Nach Daten des Statistischen Bundesamtes erreichten die Zahlen für Smartphones von Apple im Vergleich zu Android-Betriebssystemen im Frühjahr 2021 ein Zehnjahreshoch. Drei von zehn Handys (29,8 Prozent) stammen von Apple. Wer jetzt digital aufrüstet, gönnt sich eher was.

Polizei: „Insgesamt gibt es eine unauffällige Lage"

Richtung Europa Passage gibt es ab und an „Stress“ mit jungen Männern, die das Masketragen als persönlichen Affront nehmen. Polizist Treumann sagt: „Insgesamt gibt es eine unauffällige Lage, am Jungfernstieg den einen oder anderen Maskenverstoß. Die allermeisten halten sich an die Ausgangsbeschränkungen.“

Vor allem bei Raub und Gewalt habe sich die Entwicklung nach den „historisch tiefen Zahlen“ im Jahr 2020 auch 2021 fortgesetzt. „Wenn das Leben jetzt in die City zurückkehrt und das Wetter besser wird, müssen wir die Maßnahmen vermutlich anpassen. Aber dem sehen wir gelassen entgegen.“ Zuletzt haben seine Beamten die Lombardsbrücke für eine Kontrolle nach 21 Uhr abgeriegelt. Von 127 Autofahrern seien nur zehn unrechtmäßig unterwegs gewesen und hätten die Ausgangssperre missachtet. Alle anderen fuhren mit guten Gründen.

"Über sieben Brücken musst du geh'n"

Rund um die Binnenalster ist es leiser geworden. Die Straßenmusiker sind besser zu hören. Der Mann mit der Gitarre hat sein Repertoire ausgedehnt. Er singt: „Über sieben Brücken musst du geh’n. Sieben dunkle Jahre übersteh’n. Siebenmal wirst du die Asche sein. Aber einmal auch der helle Schein.“ Klingt irgendwie, als hätte Corona uns alle etwas verstrahlt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg