Hamburg

Zoff im Alstertal: Wie sich ein Traditionsverein zerlegt

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Riesen-Ärger beim Wassersportverein Oberalster. Der Vorsitzende Nizar Müller will den Verein und das Clubhaus modernisieren und sich die Unterstützung von Bezirksamtsleiter  Michael Werner-Boelz sichern. Interne Kritiker machen Müller schwere Vorwürfe.

Riesen-Ärger beim Wassersportverein Oberalster. Der Vorsitzende Nizar Müller will den Verein und das Clubhaus modernisieren und sich die Unterstützung von Bezirksamtsleiter Michael Werner-Boelz sichern. Interne Kritiker machen Müller schwere Vorwürfe.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Die Idylle bei Oberalster ist dahin. Die Schlammschlacht dreht sich um den Vorsitzenden und ein Millionen-Projekt.

Hamburg. Die Stille am nördlichen Lauf der Alster ist mit Händen zu greifen. Hier gleiten Kanus fast lautlos über das Wasser. Die entspannende Ruhe im wuchtigen Grün zwischen Klein Borstel und Poppenbüttel zieht auch die Jogger magisch an, die gelenkschonend über die sanften Waldwege traben. Vorbei an den Spaziergängern, die an diesem verschlungenen Flussabschnitt durch zauberhafte Wälder und Hamburgs schönste Feuchtgebiete streifen. Ein Dschungel für Entschleuniger.

Wenn da nicht hinter jeder Fichte, hinter jeder Alsterbiegung ein Feind lauerte. Ein Aggressor, Neider, Missgünstling oder schlimmer noch: ein vermeintlicher Vereinsfreund aus dem feinen und beschaulichen Oberalster Verein für Wassersport.

Oberalster: Zoff um Modernisierung eines Hamburger Traditionsvereins

Bei Oberalster hat sich in der Idylle von Vereinsleben und scheinbar wohltemperiertem Umfeld ein Streit entwickelt, den es in diesen Ausmaßen im Hamburger Sport lange nicht gegeben hat. Im Mittelpunkt des Zoffs im Alstertal steht der Club-Vorsitzende Nizar Müller, der den Verein je nach Lesart modernisiert oder von innen ruiniert. Das eine sagen er und seine Unterstützer, das andere behaupten seine Kritiker.

Oder sollte man besser „Feinde“ sagen? Denn die Auseinandersetzung hat längst Gerichte und Rechtsanwälte beschäftigt, ist mit tief verletzenden Schmähungen ins Persönliche abgedriftet. Es hat mehrere Anzeigen gegeben und einen Todesfall, in dessen Folge eine Schlammschlacht losgetreten wurde, die so gar nicht hanseatisch oder „Alster-like“ ist.

Der vorläufige Höhepunkt war der Vorwurf, der Vereinsvorsitzende Müller, beruflich Projektmanager in einer Pflegeeinrichtung und damit impfberechtigt zum Schutz der Bewohner, habe sich eine Corona-Schutzimpfung vorzeitig erschlichen. Das stimmte nicht. Aber er hätte auf eine vorgezogene Impfung zugunsten anderer verzichten können, sagen Müllers Kritiker. Das wäre verantwortungsethisch gewesen.

Beleidigungen, üble Nachrede, Cyber-Mobbing

Die internen Kritiker haben eine Postkarte drucken lassen, auf der Nizar Müller mit Mund-Nasen-Schutz zu sehen ist. „Er ist 42 Jahre alt und nimmt den 70- und 80-Jährigen den Impfstoff weg“, steht darauf. Die Karte ging auch an Müllers Arbeitgeber. Der Geschmähte hat daraufhin Anzeige erstattet.

Beleidigungen, üble Nachrede, sogar Cybermobbing: Die Corona-Pandemie hat die Scharmützel bei Oberalster noch einmal angeheizt. Die Kritiker fordern eine Versammlung der rund 620 Mitglieder, um Müller abzuwählen. Er sagt: Unter Corona-Bedingungen geht das derzeit nicht. Die Kritiker wollen eine virtuelle Wahl, analog etwa dem CDU-Parteitag. Andere Vereine in Hamburg haben das bereits organisiert. Müller plant eine Open-Air-Veranstaltung im Sommer 2021, wie er dem Abendblatt sagte.

Die über zwei Jahre hochgeschaukelte Auseinandersetzung macht eine Verständigung unmöglich. Der Hamburger Sportbund hat sich mal in einer Mediation versucht. Die Veranstaltung ging komplett in die Hose. Die Vorwürfe wurden noch schriller.

Vorwurf: Bei Clubity fließen persönliche Daten ab

Viel hing vom Verhältnis zwischen dem ehemaligen Schatzmeister Holger W. und Müller ab. Und dem, was man daraus machte. W. führte als Vorstandsmitglied Oberalster über Jahre – je nachdem, wem man Gehör schenkt – „väterlich“ oder „altväterlich“. W.s Lager sagt: verlässlich und vorsichtig. Müllers Leute meinen: schlafmützig und zukunftslos. Müller etablierte als Vorsitzender eine digitale Mitglieder-Kommunikation, beförderte Trendsport wie Stand-up-Paddling, will mehr Kinder anlocken, auch durch Fußballangebote, bereitete eine neue Vereinssatzung vor. Die sei nur auf ihn zugeschnitten, monieren die Kritiker. Sie bemängeln fehlenden Datenschutz im Mitglieder-Portal Clubity und strengten ein Verfahren beim Hamburgischen Datenschutzbeauftragten an. Ihre privaten Daten flössen ab zu Facebook und Google.

Auch andere Hamburger Vereine nutzen Clubity, das von der Alexander Otto Sportstiftung unterstützt wurde, darunter der Eimsbütteler TV. Müller sagt: Der Datenschutz sei garantiert.

Der verstorbene Schatzmeister Holger W. soll über Jahre eine Sanierung des Clubhauses am Alsterlauf vernachlässigt haben. Feuchtigkeit dringt ein. Der Boden ist marode, die Wände porös. Ein Architekten-Gutachten zeigt erhebliche Mängel in der Substanz. Müller denkt groß: Er will ein neues Oberalster-Domizil errichten lassen. Bis zu fünf Millionen Euro soll das Gesamtprojekt kosten. Zu groß gedacht, sagen die Kritiker. Woher soll das Geld kommen bei einem Etat, der gerade mal an einer sechsstelligen Summe kratzt? Aus Fördertöpfen von Bund und Land, sagt Müller, der als ehemaliger CDU-Bezirkspolitiker Finanzierungsmöglichkeiten kennt. Das wird im Landschaftsschutzgebiet nie was, sagen die Bau-Skeptiker. Sie befürchten zudem eine Überschuldung. Vereinschef Müller präsentierte seine Pläne bereits öffentlich. Das Bezirksamt Nord bestätigt den Eingang eines Bauvorantrages.

Müller hat den früheren Schatzmeister und Quasi-Vorgänger W. von der Polizei aus dem Vereinshaus „abführen“ lassen. Dafür gibt es Zeugen. Im vergangenen Jahr starb W. infolge einer Covid-19-Infektion. Die Familie war in tiefer Trauer und schaltete eine Todesanzeige: Sie bitte „höflichst“ darum, dass der Vorstand von Oberalster von Beileidsbekundungen absehe. Insbesondere der Vorsitzende. In einer zweiten Traueranzeige Müller-kritischer Freunde des Verstorbenen wurde Nizar Müller explizit genannt. Müller war außer sich. Das Abendblatt löschte die Anzeige aus seinem Online-Portal.

Querelen: Dutzende Mitglieder verlassen Oberalster

Über den Tod von W. hinaus setzten sich die Anschuldigungen fort. Lamgjährige Mitglieder kehrten dem Verein den Rücken. Einer schrieb in einer Abschiedsmail nach 40 Jahren Oberalster: „Ich wurde mit Mails und Telefonaten drangsaliert, die alle von Vorwürfen und Beschuldigungen begleitet waren. Meine langjährige Mitgliedschaft und auch meine ehrenamtliche Tätigkeiten im Verein interessierten ihn einen ,Sch … dreck‘!“

Dazukommen Zweifel an der Vereinsführung. „Das ist ein Stück aus dem Tollhaus“, sagt ein langjähriger Ober­alsteraner. Müller-Kritiker schalteten eine „Satire-Seite“ im Internet, auf der zum Teil herbe Schmähungen gegen Müller veröffentlicht wurden. „Der Kalif ist sehr, sehr böse“, hieß eine Überschrift neben einer zornigen Comicfigur mit Turban. Das ging selbst manchem Müller-Kritiker zu weit. Müller hat nach den Vorwürfen, ein Impf-Mogler zu sein, Anzeige erstattet.

Müller seinerseits versuchte, die Abtrünnigen aus dem traditionsreichen Lauftreff zu sanktionieren. Der „Volkslauf durch das schöne Alstertal“, ein Event für Tausende Jogging-Begeisterte, warf über viele Jahre ein bisschen Geld in die Clubkasse ab. Der Lauftreff hatte sich wegen der Querelen vom Verein getrennt und den Lauftreff e.V. gegründet. Mit der Registernummer 302020009692 wurden Logo und Farben beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragen. Ein geschickter Schachzug der Läufer. Ein „übler Trick“ für den Vorstand. Müller verlor den Rechtsstreit in der ersten Instanz. Das Urteil am Hanseatischen Oberlandesgericht könnte im Juni fallen.

Nizar Müller: "Ich genieße Rückendeckung"

Warum bleibt der Vereinsvorsitzende in dieser Gemengelage im Amt? Nizar Müller sagt: „Ich bin einstimmig von den Mitgliedern gewählt worden und genieße die Rückendeckung von allen Funktionsträgern im Verein und von vielen, die sich nicht lautstark zu Wort melden.“

Im Verein ist von „Altersdiskriminierung“ die Rede. „Müller will die Alten nicht“, klagt ein Oberalsteraner. Nur Kanu und Tischtennis – das war einmal, sagt Müller. Er träumt von einem modernen Sportpark am geplanten Neubau des Clubhauses. Der 1912 gegründete Verein an der Wellingsbüttler Landstraße hat glorreiche Zeiten mit der Tischtennis-Abteilung, auf dem Handballfeld und im Wassersport hinter sich.

Bei Oberalster ist symptomatisch der Wandel in den Hamburger Sportvereinen zu beobachten: Ältere Mitglieder haben das Sagen, jüngere drängen in den organisierten Sport. Da sind die Trend- und Lifestyle-Angebote, auf die manche willig, andere gar nicht eingehen. Kinder stürmen die Clubs. Die Zahl der Sport­anlagen und der Ehrenamtlichen hält schon lange nicht mehr Schritt. In neuen Großsiedlungen wohnen mehr Familien, die nach Bewegung lechzen.

Sie sind Teil der wachsenden Stadt, die Jahr um Jahr neue Babyrekorde feierte. Die Ideengeber des politischen Slogans haben aber aus dem Auge verloren, dass kleine Kinder irgendwann Fußball und Hockey spielen oder über den Alsterlauf paddeln wollen. Auch wenn die Corona-Pandemie eine Delle brachte: Großvereine investieren erhebliche Mittel in ihre Expansion.

Nizar Müllers Oberalster will mit dem Trend wachsen. Das Oberalster der Kritiker setzt auf Konsolidierung. Aber wie kann ein Zoff innerhalb eines traditionsreichen Vereines so aus dem Ruder laufen? „Das hat mit persönlicher Profilierung zu tun“, sagt einer, der das Treiben aus der Nähe beobachtet. Und es ist nach Lage der Dinge unklar, wer damit gemeint ist.

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