Global Active City

„Hamburg Declaration“: Die Allianz gegen Bewegungsmangel

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Björn Jensen
Professor Bernd Wolfarth,
Sportmediziner.

Professor Bernd Wolfarth, Sportmediziner.

Foto: Witters

Professor Bernd Wolfarth, leitender Arzt des deutschen Olympiateams, erläutert die „Hamburg Declaration“.

Hamburg. Große Worte waren es, die Andy Grote wählte, aber sie schienen dem Anlass angemessen. „Wir sind sehr stolz, dass diese Erklärung den Namen unserer Stadt trägt“, sagte Hamburgs Innen- und Sportsenator, als er am Mittwochmittag im Raum „Chicago“ auf dem Messegelände seinen Namenszug unter die „Hamburg Declarationsetzte.

Zum Auftakt des weltweit ersten „Sports, Medicine and Health Summit“, der noch bis zum Sonnabend digital stattfindet und künftig im Zweijahresturnus in Hamburg abgehalten werden soll, unterzeichneten mehr als 40 Organisationen (Liste im Internet unter dgsp.de/hamburgdeclaration) eine Erklärung zur Formierung einer globalen Allianz zur Förderung von Gesundheit und körperlicher Aktivität.

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Einer der Initiatoren des neuen Bündnisses ist Professor Bernd Wolfarth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention und leitender Arzt der deutschen Olympiamannschaft. Im Abendblatt erklärt der 55-Jährige, der an der Berliner Charité die Abteilung Sportmedizin leitet, welche Rolle Hamburg als Global Active City für die neue Allianz spielt und welche Schlüsse aus der Corona-Pandemie gezogen werden müssen.

Hamburger Abendblatt: Herr Professor, 1400 Teilnehmende werden in den kommenden Kongresstagen mehr als 400 Vorträge hören können. Wie aber schaffen Sie es, deren Inhalte der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Welches Signal soll der Kongress in die Gesellschaft senden?

Bernd Wolfarth: Tatsächlich war genau das der Ansatz dafür, diesen weltweit ersten Summit zu initiieren. Bislang war diese Veranstaltung als Deutscher Sportärztekongress bekannt, aber die Erkenntnisse und Botschaften, die wir erarbeitet haben, konnten wir nicht breit genug streuen. In einer Medienstadt wie Hamburg sehen wir das Potenzial, dass wir die Vereine und Verbände ins Boot holen, die als Multiplikatoren in die Gesellschaft ebenso wichtig sind wie Ärzte. Das Signal, das ausgehen soll von diesem Kongress, ist, dass die Wichtigkeit von Bewegung und einer gesunden Lebensweise nicht hoch genug bewertet werden kann.

Tatsächlich werden die physischen und psychischen Folgen, die Lockdowns haben, in der Politik noch immer zu wenig beachtet. Gerade die Rolle des Sports wird unterschätzt. Warum?

Wolfarth: Das fragen wir uns auch. Umso wichtiger ist es, dass wir die Wichtigkeit von Bewegung mit Zahlen belegen können. Wenn wir unsere Forderungen mit entsprechender Evidenz untermauern können, können wir langfristig Überzeugungsarbeit leisten. Corona hat dazu sehr viel beigetragen, denn wir sehen eindeutig, dass Menschen, die vor der Pandemie leistungsfähig waren, sowohl deutlich seltener schwere Verläufe erleiden als auch deutlich besser mit den Folgen zurechtkommen. Allerdings hatten wir die Idee zur „Hamburg Declaration“ schon vor Corona, denn das Problem des Bewegungsmangels sehen wir seit vielen Jahren. Lösen können wir es nur, wenn wir die gesamte Gesellschaft erreichen und mitnehmen.

Hamburg versucht seit Jahren, seine Bevölkerung zu mehr Bewegung zu animieren, seit 2018 ist die Stadt als einzige in Deutschland eine Global Active City. Wie nehmen Sie aus Ihrer Heimat Berlin das wahr, was in Hamburg im Breitensport passiert?

Wolfarth: Als sehr positiv. Ich bin sehr beeindruckt, was es hier an Projekten gibt und wie die Politik das unvoreingenommen unterstützt. Solche Kooperationen brauchen wir. Sie müssen aber auch von der Bevölkerung gelebt werden.

Daran hapert es. Man hat manchmal den Eindruck, dass der Titel zwar schön klingt, von vielen Menschen aber nicht mit Leben gefüllt wird. Und wie passt es zusammen, dass eine Global Active City als letztes Bundesland Landeskaderathleten den Wiedereinstieg ins Training erlaubt?

Wolfarth: Das ist tatsächlich ein Widerspruch, den ich aber nicht bewerten kann und möchte, da mir Hintergründe fehlen. Klar ist, dass es Zeit braucht, um eine Idee wie die Global Active City mit Leben zu füllen und nachhaltig alle dabei mitzunehmen. Hamburg hat sich auf den Weg gemacht, aber das kann nur der Anfang sein. Wir fordern von der Politik insgesamt, dass sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse umsetzt und Sport im Freien wieder umfänglich erlaubt. Die Priorität liegt bei Kindern und Jugendlichen, aber wir haben auch die älteren Menschen im Blick, für die Bewegung und eine gesunde Lebensweise ebenso wichtig sind.

Sie betonen, dass Prävention einen höheren Stellenwert bekommen müsste. Verhindert das nicht unser Gesundheitssystem, das meist reaktiv handelt statt proaktiv?

Wolfarth: Das ist ein wichtiger Punkt. Unsere klare Forderung an die Politik ist, dass ein Umdenken erfolgen und Prävention eine deutlich bessere finanzielle und ideelle Unterfütterung bekommen muss. Fakt ist aber auch, dass der Mensch leider, so- lange er keine Probleme hat, wenig handlungsorientiert denkt. Wir machen unsere Rückenübungen erst, wenn der Rücken schon schmerzt. Eines unserer Themen ist deshalb, wie wir die Menschen proaktiv in Bewegung bringen. Dafür brauchen wir die breite Allianz, die sich jetzt in der „Hamburg Declaration“ geformt hat.

Ein wichtiges Thema, das auch mit Prävention zu tun hat, haben Sie aktuell als leitender Olympiaarzt zu lösen. Wie halten Sie es mit Impfungen für die Sportlerinnen und Sportler?

Wolfarth: Zum Glück hat die Bundesregierung in dieser Woche ihre Unterstützung dafür zugesagt, dass alle, die im Sommer zu den Olympischen oder Paralympischen Spielen nach Tokio reisen sollen, geimpft werden sollen. Meine deutliche Empfehlung lautet, dieses Angebot, das wir im Laufe des Monats Mai an alle machen wollen, auch anzunehmen. Einer Umfrage zufolge sind 90 Prozent unserer Aktiven dazu bereit.

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Was tun Sie mit denen, die ablehnen? Es gibt sogar Teamärzte, die Impfgegner sind.

Wolfarth: Auch wenn mir niemand bekannt ist, der empfiehlt, auf eine Impfung zu verzichten, haben wir eine Meinungs- und Entscheidungsfreiheit. Und sowohl wir als auch die Organisatoren der Spiele haben betont, dass es keine Impfpflicht und keine Privilegien für Geimpfte geben wird. Insofern darf jeder Mensch frei entscheiden. Unser Ziel bleibt aber, alle zu impfen, weil unsere Überzeugung ist, dass dann die Sicherheit in Tokio die größtmögliche sein wird.

Gibt es eine Deadline, zu der das passiert sein muss, damit es nicht das Risiko einer Impfreaktion gibt, die die Leistung beeinflusst? Und welcher Impfstoff ist der beste für Athleten?

Wolfarth: Das Problem ist, dass viele Sportlerinnen und Sportler aktuell ja bereits wieder in Wettkämpfen sind und sich zum Teil noch qualifizieren müssen. Also suchen wir die geeigneten Zeitfenster, denn die Impfung geht nicht immer völlig komplikationslos vonstatten. Bis Anfang Juli sollte spätestens die Zweitimpfung erfolgt sein. Wir werden mit Biontech oder Moderna impfen, aber alle zugelassenen Impfstoffe wirken.

Trügt das Gefühl, oder ist es tatsächlich so, dass Leistungssporttreibende deutlich seltener als die Durchschnittsbevölkerung schwere Corona-Verläufe erleiden und die Folgeschäden weniger drastisch sind?

Wolfarth: Zu den Langzeitschäden können wir verlässlich noch nichts sagen. Fakt ist aber, dass die allermeisten Leistungssportler die Infektion gut verkraften und in aller Regel rasch auf ihr altes Leistungsniveau zurückkehren. Dennoch ist es extrem wichtig, dass wir auf konsequente Nachuntersuchungen achten, um Folgeschäden an Herz, Lunge und anderen Organen auszuschließen. Auch wenn natürlich eine extrem gut trainierte Gruppe von 18- bis 35-Jährigen nicht mit der Durchschnittsbevölkerung vergleichbar ist, sind diese Erkenntnisse ein weiteres Indiz dafür, wie wichtig Bewegung und gesunder Lebensstil sind, um diese und folgende Pandemien besser zu überstehen. Umso wichtiger sind breite Kampagnen wie die, die wir nun mit der Deklaration auf den Weg gebracht haben.

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