St. Pauli

Kiez-Wirte planen Protest: "Hilferuf für sterbende Gastro"

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Totentanz auf dem Kiez: Die Große Freiheit in Hamburg an einem Sonnabendabend in Corona-Zeiten. Nun planen die Wirte erneut eine Protest-Aktion (Archivbild).

Totentanz auf dem Kiez: Die Große Freiheit in Hamburg an einem Sonnabendabend in Corona-Zeiten. Nun planen die Wirte erneut eine Protest-Aktion (Archivbild).

Foto: Roland Magunia / Funke Foto Services

Sonnabendnacht wollen sie auf ihre dramatische Lage aufmerksam machen. Die Behörde hat dies wegen der Ausgangssperre untersagt.

Hamburg. Früher stand der Kiez für Lust und Lotterleben, heute für Wut und Verzweiflung. Die einstmals „geile Meile“ ist der Ort, den die Pandemie schwer getroffen hat. Nach über einem Jahr im Lockdown geht es für viele Gastronomen längst um die nackte Existenz. Bereits im Frühjahr 2020 protestierten die Kiez-Wirte und versuchten, auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen.

Im Januar 2021 ließen 30 Wirte rund um den Hans-Albers-Platz aus Protest ihre Kneipen hell erleuchten und spielten Schlager und Oldies. Seit der Ausgangssperre sind nicht einmal mehr solche Proteste erlaubt – wenn sie denn nach 21 Uhr stattfinden.

Nächtlicher Protest auf Hamburgs Kiez

Nun versucht der Barbetreiber Odin Janoske-Kizildag am Sonnabend mit befreundeten Gastronomen trotzdem einen nächtlichen Protest zu organisieren: „St. Paulis Herz schlägt nachts – es ist 5 vor 12 für die Gastronomie“, sagt der Geschäftsführer der 99 Cent Bar. „Wir wollen uns coronagerecht zwischen 22 Uhr und 24 Uhr versammeln.“ Janoske-Kizildag spricht von einem „Hilferuf“.

„Wir haben keine Lobby, die für uns kämpft.“ Seit mehr als einem Jahr leide die Branche massiv unter Corona. Die staatlichen Hilfen bezeichnet er als „Papiertiger“. Viele Wirte, erzählt Janoske-Kizildag, warteten seit Langem auf die Überbrückungshilfe 2 und 3, manche sogar noch auf die Novemberhilfen. „Versprochen waren unbürokratische Hilfen. Da ist aber nichts unbürokratisch.“

„Hilfeschrei für die sterbende Gastronomie auf St. Pauli“

Nun hat er am Donnerstag eine Versammlung unter freiem Himmel auf dem Kiez angemeldet. In dem Antrag heißt es, es gehe um einen „Hilfeschrei für die sterbende Gastronomie auf St. Pauli“. Janoske-Kizildag und seine Mitstreiter wollen am Sonnabend eine Lichterkette aus Grabkerzen in der Gerhardstraße bilden und den Kiez symbolisch zu Grabe tragen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Glocken sollen läuten und Skelette aufgehängt werden. Der Knackpunkt ist der Zeitpunkt: Denn die Betreiber und ihre Angestellten möchten zwischen 20.30 und 24 Uhr auf die Straße gehen, „um für die Wertschätzung ihres Berufes zu den Kernarbeitszeiten“ zu protestieren – also zu dem Zeitpunkt, „an dem normalerweise die Gäste durch unsere Straße schlendern“. Nach 21 Uhr aber greift die Ausgangssperre.

Protest nur bis 20:30 Uhr möglich

Deshalb hat die Versammlungsbehörde am Donnerstagnachmittag die Auflage gemacht, nur zwischen 17 und 20.30 Uhr protestieren zu dürfen. Dagegen will sich Janoske-Kizildag nun mit einem Antrag auf einstweilige Anordnung juristisch wehren. „Wir stellen uns nicht gegen die Corona-Maßnahmen. Uns geht es aber um die Verhältnismäßigkeit“, betont sein Rechtsanwalt Christoph Rothenberg in Bezug auf die Hamburger Corona-Verordnung.

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„Wir verstehen nicht, warum das Gassigehen wichtiger ist als eine politische Veranstaltung.“ Die behördliche Argumentation bedeute, dass der Ausnahmetatbestand wie Füttern oder Ausführen von Haustieren wichtiger wäre als das „grundgesetzlich verbürgte und für die demokratische Willensbildung und Freiheit zentrale Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Das dies nicht der Fall ist, ist evident.“

Läden auf dem Kiez coronakonform umgebaut

Janoske-Kizildag steht mit seinem Protest nicht allein: „Wir Gastronomen haben die Zeit im Lockdown genutzt und uns mit dem Thema Öffnung beschäftigt“, sagt Tim Becker, dessen FFB Gastro gleich mehrere Bars wie das Frieda B oder das Thomas Read auf dem Kiez betreibt. „Wir haben unsere Läden coronakonform umgebaut und Hygienekonzepte miterstellt, um einen Kneipenbesuch möglich zu machen“, etwa mit einer Teststrategie. „Die Gefahr der Ansteckung besteht, wenn die Menschen sich zu Hause treffen. Wir bieten coronakonforme Gastfreundschaft.“

Micky Hensel, Betreiberin der Nachtschicht auf St. Pauli, sagt: „Seit 13 Monaten sind wir Kiez-Gastronomen im Lockdown: mal hart, mal light, immer zum Schutz der Allgemeinheit.“ Selbst während der kurzen Öffnungszeit zwischen Juni und Oktober habe sie ihren Laden nur mit minimaler Gästezahl und schließlich mit Sperrstunde bis 23 Uhr betreiben dürfen.

Weg zurück zur Normalität

„Wir sind definitiv keine Corona-Leugner, wir nehmen das Virus sehr ernst“, betont Hensel. „Deshalb haben wir uns selbstverständlich an alle Auflagen gehalten.“ Wenn nun aber mit der verlängerten Sperrstundenregelung ab 21 Uhr auch noch das Recht auf Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit und Diskussionen genommen wird, so Hensel, „habe ich bald die Faxen dicke“.

Auch der frühere St.-Pauli-Torhüter Benedikt Pliquett unterstützt Janoske. Er hat fünf Corona-Testzentren mit Genehmigung der Sozialbehörde, drei davon auf dem Kiez. „Die Testzentren auf St. Pauli können so betrieben werden, dass eine verhältnismäßig große Anzahl an Personen für den Besuch auf St. Pauli getestet werden kann, um so eine sicherere Rückkehr zum Normalbetrieb zu gewährleisten“, sagt er. Es gehe um einen Weg zurück zur Normalität, der im Sinne des Infektionsschutzes tragbar ist und den Besuchern und den Betreibern auf St. Pauli Perspektiven bietet.

Dramatische Lage bei Hamburgs Gastronomen

Wie dramatisch die Lage ist, beschreibt Hensel: „Ist der Regierung eigentlich bewusst, dass wir seit Monaten nur 90 Prozent der Fixkosten erstattet bekommen haben und somit jeden Monat mindestens zehn Prozent draufzahlen?“, fragt sie. Allein die Gewerbemiete müsse sie für die „Nachtschicht“ in voller Höhe weiterbezahlen.

„Die Stimmung kippt“, sagt auch Janoske-Kizildag. „Wir sind nicht coronamüde, sondern bald pleite. Unser Konzept ist mausetot.“ Er sieht kein Licht am Ende des Tunnels und fürchtet, dass viele Gastronomen bald in Hartz 4 rutschen. Wenn die 100er-Inzidenz komme, so fürchtet er, mache der Kiez in diesem Jahr gar nicht mehr auf. „Bis zur Ausgangssperre durften wir zumindest noch protestieren – selbst das ist uns jetzt verwehrt.“

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