Neues aus der Klimaforschung

Klimawandel: Aus altem Wissen für die Zukunft lernen

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Petzold
Geograf Jan Petzold forscht an der Universität Hamburg.

Geograf Jan Petzold forscht an der Universität Hamburg.

Foto: UHH/Cen

Überlieferte Kenntnisse helfen der Gesellschaft, sich an den Klimawandel anzupassen. Ein Hamburger Geograf über „indigenes Wissen“.

Hamburg. Während der Klimawandel fortschreitet, verändern sich die Lebensbedingungen rund um die Welt. Die Gesellschaften müssen lernen, sich an den Wandel anzupassen. Dafür werden weltweit Maßnahmen entwickelt und erprobt. Gleichzeitig existiert bereits ein reichhaltiger Fundus an Praktiken und Strategien, der bisher jedoch zu wenig beachtet wird.

Wie lässt sich auf Feldern Wasser einsparen? Wo weidet bei Trockenheit die Herde am besten? Viehhirten und Kleinbäuerinnen abseits der industriellen Nahrungsproduktion wissen dies oft, ohne einem niedergeschriebenen Plan zu folgen. Solche Erfahrungen werden über Generationen weitergegeben und „indigenes Wissen“ genannt.

Konzepte zum Umgang mit Klimawandel

So gibt es spezielle Anbaumethoden und seltene Pflanzen, die gut an das jeweilige lokale Klima angepasst sind, Anpflanzungen als Schutz gegen Hochwasser und Erosion, Häuserbau auf Stelzen oder mit widerstandsfähigen Hölzern. Ebenso bergen soziale Konzepte von Gemeinsinn und Teilen oder auch spezielle Frühwarnsysteme vor Klimarisiken viele Ideen zum Umgang mit dem Klimawandel.

Dieses Wissen wird auch vom Weltklimarat IPCC anerkannt. Doch als ich selbst ab 2016 drei Jahre lang an Sonderberichten des IPCC mitgearbeitet habe, stellte ich fest, dass es trotzdem kaum einfloss. Gab es womöglich nur wenig Studien zum Thema? Aufgabe des IPCC ist es, den gesamten Stand der Forschung zusammenzufassen. Um herauszufinden, ob auch indigenes Wissen angemessen berücksichtigt wurde, habe ich am Exzellenzcluster für Klimaforschung CLICCS der Universität Hamburg die weltweite Forschung dazu zusammengetragen.

Indigenes Wissen nicht angemessen in IPCC-Report abgebildet

Für einen IPCC-Report werden grundsätzlich nur solche Forschungsergebnisse genutzt, die vor ihrer Veröffentlichung unabhängig wissenschaftlich geprüft wurden. Diese sind in Datenbanken mit Tausenden von Fachartikeln gespeichert, die ich systematisch durchkämmt und gesichtet habe.

Insgesamt habe ich 236 Artikel gefunden, die Anpassungen an den Klimawandel anhand von indigenem Wissen analysieren. Von diesen hätten 68 bereits in den entsprechenden Teil des letzten IPCC-Reports einfließen sollen. Aufgenommen wurden aber nur 21 Arbeiten, meist auch nur oberflächlich erwähnt. Das Thema wurde also eindeutig nicht angemessen abgebildet.

Aufzeigen von geografischen Lücken

Meine Arbeit bietet jetzt die Datengrundlage, die Forschung zu indigenem Wissen im nächsten Weltklimabericht ausführlich aufzugreifen. Gleichzeitig kann ich zeigen, wo geografische Lücken sind – und welche Themen dominieren. So wurden zum Beispiel Veränderungen der Niederschläge sowie Dürren in ländlichen Regionen häufiger behandelt. In Städten wurde dagegen kaum geforscht, obwohl ein Anteil indigener Gruppen durchaus urban lebt.

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Doch ein Dilemma bleibt: Allein durch das Auswahlverfahren schließt der IPCC einen Teil von Wissen aus. Denn die Voraussetzung ist in der Regel ein begutachteter Fachartikel, der veröffentlicht wurde.

IPPES-Bericht schließt indigenes Wissen ein

Wer aus finanziellen oder strukturellen Gründen keinen Zugang zu den akademischen Fachmagazinen bekommt, dringt mit den eigenen Erkenntnissen nicht durch. Auch mündliche Überlieferungen halten den Kriterien des IPCC nicht stand. Sie könnten aber gerade bei indigenem Wissen eine wichtige Quelle sein.

Das muss nicht so bleiben: Eine andere Strategie verfolgt der internationale Report zur Artenvielfalt, der sogenannte IPBES-Bericht. Hier tragen nicht nur die herkömmlichen Wissenschaften bei, sondern auch Mitglieder indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften.

Dr. Jan Petzold ist Geograf und arbeitet im Syntheseprojekt des Exzellenzclusters CLICCS der Universität Hamburg daran, die Forschung aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzuführen.

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