Verkehr in Hamburg

Testphase: Kann dieses Projekt Fußgänger und Radler zähmen?

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Bezirksamtsleiter Kay Gätgens (l.) mit  Silke Edelhoff und Christian Trzebiatowski, Projektleiter des Verkehrsversuchs an der Hoheluftbrücke.

Bezirksamtsleiter Kay Gätgens (l.) mit Silke Edelhoff und Christian Trzebiatowski, Projektleiter des Verkehrsversuchs an der Hoheluftbrücke.

Foto: Michael Rauhe / HA

Der Bezirk Eimsbüttel überprüft ein Konzept zur besseren Verkehrsführung. Jede Woche kommt eine neue Maßnahme hinzu.

Hamburg. In ganz Hamburg wird um neue Verkehrskonzepte gerungen, während die Konkurrenz um den Straßenraum wächst. „Ottensen macht Platz“ und der Umbau des Jungfernstiegs sind zwei bekannte Versuche für Autofrei-Konzepte. Doch auch Fußgänger und Radfahrer konkurrieren zunehmend um den enger werdenden öffentlichen Raum – nicht erst, seit coronabedingt immer mehr Hamburgerinnen und Hamburger aufs Fahrrad umsteigen.

Wie die Flächen für sie möglichst fair aufgeteilt werden kann, untersucht ein neuer Verkehrsversuch des Bezirks Eimsbüttel. Bis zum 9. März sollen verschiedene Elemente eingesetzt werden, um die Verkehrsteilnehmer aufmerksamer zu machen. Woche für Woche werden unterschiedliche Maßnahmen erprobt.

Hoheluftbrücke: Fairness Zone in Hamburg

Am Freitag wurde die erste Stufe gestartet: Grell-gelbe Schriftzüge auf dem Boden sollen rund um die U-Bahn-Station Hoheluftbrücke sogenannte „Fairness Zonen“ ausweisen. Also viel begangene und befahrene Orte, in denen die Verkehrsteilnehmer stärker aufeinander achten und Rücksicht nehmen sollen, um Konflikte zu vermeiden.

„Wir möchten neue Formen der Verkehrsführung testen – nicht am Reißbrett, sondern ganz praktisch im Alltag“, sagt Bezirksamtsleiter Kay Gätgens (SPD). Im Bereich der U-Bahn-Station Hoheluftbrücke liegt der Fokus auf den Flächen zwischen Bahnzugang, Bushaltestellen und Edeka-Supermarkt. Hier wollen Fußgänger von einer Haltestelle zur anderen wechseln, Radfahrer, Paare mit Kinderwagen und Einkäufer laufen gegeneinander an.

Wo Hamburg zu mehr Fairness aufruft

Getestet wird außerdem am Isebek-Grünzug an den Querungsstellen Bogenstraße und Bundesstraße, vor dem Eingang zum Kaifu-Freibad und in dem Bereich der Goebenbrücken. Nach Einschätzung des Fachamts Management des öffentlichen Raums ist klar: „Das sind ganz klassische Konfliktpunkte, die wir hier beobachten“, sagt Bezirksamtsleiter Gätgens.

Im zweiten Schritt kommen in einer Woche weitere Markierungen hinzu: Pfeile auf dem Boden sollen dann in den „Fairness Zonen“ ideale Lauf- und Fahrwege anzeigen. In der dritten Stufe werden in der übernächsten Woche die Wege mit einfachen Absperrungen noch mal deutlicher hervorgehoben und abgegrenzt.

Hamburg: Radfahrer und Fußgänger im Fokus

Beamte des Managements des öffentlichen Raums beobachten den Versuch. Bereits im vergangenen Herbst überprüften sie die Testorte auf der Straße und versuchten, Problempunkte herauszuarbeiten, wie Projektleiter Christian Trzebiatowski erklärt: „Wir haben bereits im Oktober eine Bestandsbeobachtung gemacht, in der wir uns verschiedene Verhaltensweisen der Verkehrsteilnehmer notiert haben. Da gab es einige Regelverstöße: allgemeine Unaufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer, das Kürzen und Kreuzen von Wegen.“

Sowohl Radfahrer als auch Fußgänger würden die Straße etwa oft an der falschen Stelle überqueren. „Diese Dinge wollen wir auch während der drei Varianten im Versuch beobachten und die Ergebnisse miteinander vergleichen.“

Der Fokus liegt dabei auf dem Berufsverkehr und Menschen, die tagtäglich an den Teststandorten unterwegs sind. Trzebiatowski ist seit drei Jahren im Bezirksamt Eimsbüttel tätig und leitet den Verkehrsversuch im Rahmen seiner Masterarbeit, die er im Fernstudium an der Hochschule Wismar schreibt. Aus dem Testzeitraum für Trzebiatowskis Masterarbeit ergibt sich auch der Rahmen von drei Wochen für den Eimsbütteler Verkehrsversuch.

Aufgrund der aktuellen Corona-Beschränkungen sind weniger Menschen in der Stadt unterwegs als gewöhnlich. Dies ist laut Bezirksamt ein Vorteil für Verkehrsversuche, denn so könnten die Menschenströme besser beobachtet und anschließend auf eine normale Verkehrssituation hochgerechnet werden.

Fairness Zone in Hamburg: Wie es dazu kam

Mit dem neuen Verkehrsversuch reagiert der Bezirk auch auf Anregungen von älteren Bewohnern. In Eimsbüttel wurden zwischen Herbst 2019 und Sommer 2020 rund 180 ältere Bewohner für das EU-Projekt „GreenSAM“ („Green Silver Age Mobillity“) nach ihrer Meinung zum Stadtraum befragt. „GreenSAM“ soll der älteren Generation nachhaltigere Mobilitätsangebote näherbringen.

Das Bündnis aus Kommunen, Regionen und Forschungseinrichtungen des Ostseeraumes beschäftigt sich dabei mit den Themen Fahrradverleih, ÖPNV und öffentlicher Raum. In Hamburg soll aus dem „GreenSAM“-Projekt ein Leitfaden für Planerinnen und Planer entstehen, um Umstiegspunkte für Bus und Bahn, Fahrrad, Fußverkehr und Autoverleih nachhaltig und altersgerecht zu gestalten. Der Bezirk Eimsbüttel ist ein leitender Partner.

In den „GreenSAM“-Befragungen wurde auch der Bereich um die U-Bahn-Station Hoheluftbrücke genannt: „Wir hatten zu diesem Ort ganz konkrete Aussagen von Seniorinnen und Senioren: Es sei sehr unübersichtlich, gerade, wenn man nicht mehr so gut zu Fuß sei und nicht schnell reagieren könne“, sagt Silke Edelhoff, Projektleiterin für „GreenSAM“ im Bezirksamt Eimsbüttel.

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Hoheluftbrücke: Wie das Projekt angenommen wird

Für die Gestaltung des öffentlichen Raums möchte der Bezirk weiter in den Dialog gehen: Laminierte Schilder im Umkreis der aktuellen Versuchspunkte rufen zur Teilnahme an einer Umfrage zu den „Fairness Zonen“ auf. Sollten die Maßnahmen messbare Veränderungen im Verhalten der Verkehrsteilnehmer erzeugen, sollen sie fest installiert werden.

Am Freitagmittag rollten Fahrräder und Rollatoren oft noch ziemlich gleichgültig über die gelben Markierungen hinweg, auf dem Radweg Hoheluftbrücke war der Schriftzug bereits leicht abgerieben. Das Bezirksamt möchte ergebnisoffen arbeiten.

„Beim Thema Mobilität gibt es im Moment in ganz vielen Feldern Verkehrsversuche und Tests. Ich finde es auch gut, dass man ausprobiert“, sagt Bezirksamtsleiter Kay Gätgens. „Es kann auch sein, dass man sagt: Der Aufwand lohnt sich nicht, das hat nichts gebracht. Damit muss man offen umgehen.“

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