Synagoge am Bornplatz

Bauhistoriker: Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen

Die alte Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel. Sie wurde am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht abgebrannt.

Die alte Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel. Sie wurde am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht abgebrannt.

Foto: www.hamburg-bildarchiv.de

Prominente Experten wenden sich gegen Wiederaufbau der Synagoge in historischer Form. Sie finden: Es wäre gerade das falsche Zeichen.

Hamburg. Bislang galt der Wiederaufbau der in der Reichspogromnacht 1938 zerstörten Synagoge am Bornplatz als Selbstläufer: In seltener Einigkeit stellten sich alle Fraktionen der Bürgerschaft hinter das Vorhaben, Politiker aus allen Lagern begrüßten die Idee, aus Medien und Öffentlichkeit kam lauter Beifall.

Auch die Finanzierung ist schon so gut wie geklärt: Der Bund stellt 65 Millionen Euro im Rahmen des Programms zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus zur Verfügung. Die gleiche Summe müsste dann noch einmal aus dem Hamburger Haushalt fließen.

Zehn renommierte Experten fordern breiten Diskurs

Bei so viel Begeisterung kam die Diskussion etwas kurz: Nun haben sich zehn renommierte Experten zu Wort gemeldet und fordern einen „breiten, offenen Diskurs über den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge“ ein. Darunter sind Architekten, Historiker, Vertretern der Zivilgesellschaft und des jüdischen Lebens.

Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs gehören unter anderen Hermann Hipp, Professor für Kunstgeschichte, der Historiker Moshe Zimmermann und Barbara Vogel, die Gründerin und frühere Sprecherin des Joseph-Carlebach-Arbeitskreises der Universität Hamburg. „Wir sind ein bunter Haufen, der sich nach der Machbarkeitsstudie zusammengefunden hat“, sagt die frühere Senatorin Ingrid Nümann-Seidewinkel. „Nur weil es das Geld gibt, kann damit doch nicht jede Diskussion beendet werden.

“Das grundsätzliche Ansinnen sehen die Verfasser des Thesenpapiers durchaus positiv: „Wir begrüßen das Engagement der maßgebenden Hamburger Politiker und Politikerinnen, durch große staatliche Anstrengungen die jüdische Gemeinschaft und ein vielfältiges jüdisches Leben in unserer Stadt sichtbar zu stärken.“ Damit werde ein „deutliches Zeichen gegen jeglichen Antisemitismus gesetzt.“

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Mosaik der Gedenkstätte kann nicht einfach verlegt werden

Die Kritiker aber reiben sich am Wiederaufbau des historischen Baus. „Architektur hat mit Bedeutung zu tun“, sagt der Bauhistoriker Gert Kähler. „Was kann aber der Wiederaufbau eines Baus der Zeit Wilhelms II. bedeuten, der unbestritten Antisemit war?“

So heißt es in dem Papier: „Der historisierende Wiederaufbau der Großen Bornplatz-Synagoge scheint uns aus vielen Gründen nicht der richtige Weg zu sein.“ Sie fordern eine offene Debatte aller, in der über das „Für und Wider des Projektes, abgewandelte Formen der Verwirklichung oder andere Möglichkeiten nachgedacht wird, den Wunsch der Jüdischen Gemeinden nach einem repräsentativen Zentrum an zentraler Stelle“ zu verwirklichen.

Derzeit ist die Fläche eine Gedenkstätte: Unterzeichnerin Nümann-Seidewinkel, die diesen Erinnerungsort 1988 als Bezirksamtsleiterin mitverwirklichen half, sorgt sich um das Denkmal: Es besteht aus Margrit Kahls Bodenmosaik, das mit schwarzen und grauen Granitsteinen das Deckengewölbe und den Grundriss der zerstörten Synagoge nachzeichnet, und den großen leeren Raum, der durch den Abriss entstanden ist.

„Das Mosaik kann nicht einfach verlegt oder in einen Neubau integriert werden, weil diese Beziehung ein elementarer Bestandteil des Erinnerungsortes ist“, sagt die frühere SPD-Politikerin. „Wir sollten diese Wunde im Stadtbild zeigen — und diese Wunde offenhalten.“ Sie verdeutliche, warum die Synagoge nicht mehr stehe.

Den Neubau einer Synagoge lehnen die Unterzeichner ausdrücklich nicht ab

1938 wurde sie in der Reichspogromnacht schwer beschädigt, 1939 dann abgerissen. Der Wiederaufbau des Baus sei ein Stück „Disneyland“, der nicht nach Hamburg passe. Ihr Albtraum: „Wenn dann Touristen zu wiederaufgebauten Synagoge strömen, verstehen sie nicht mehr, was hier passiert ist. Wir können Geschichte nicht heilen“, kritisiert Nümann-Seidewinkel. In dem Thesenpapier heißt es: „Eine Rekonstruktion könnte dann schnell kein Zeichen für einen Sieg über den Nationalsozialismus sein, sondern vielmehr die Illusion erzeugen, es sei nie etwas geschehen.“

Den Neubau einer Synagoge lehnen die Unterzeichner ausdrücklich nicht ab. Auch Kähler plädiert für eine moderne jüdische Synagoge, „einen schönen Bau für alle“. Er stört sich an dem Slogan der Befürworter, der zwei Dinge vermenge, die nicht zusammengehören: „Antisemitismus bekämpfen - Bornplatzsynagoge wiederaufbauen.“

So sagt Kähler: „Wir wollen auch den Antisemitismus bekämpfen - aber eben die alte Synagoge nicht wieder aufbauen.“ Die Rekonstruktion von historischen Gebäuden, die durch den Krieg oder Gewalt vernichtet wurden, sei problematisch. „Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen oder revidieren.“ Es mache eben einen Unterschied, ob ein Haus zufällig oder wegen eines Unfalls in Flammen aufgehe - oder wegen Terrors. „Der Wiederaufbau stellt Geschichtskulissen auf“, sagt Kähler.

Die alte Synagoge bot einst 1200 Gläubigen Platz

Kritik kommt auch von der Historikerin Miriam Rürup, Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien. „Wir sollten uns eher mit dem Gedanken befassen, was das richtige Signal für lebendiges jüdisches Leben in der Metropole sein kann“, sagt sie. Die alte Synagoge, eine der größten in Nordeuropa, bot einst 1200 Gläubigen Platz — eine sehr ambitionierte Größe für die heute viel kleinere und von Mitgliederschwund geprägte jüdische Gemeinde in Hamburg.

Zudem stehe ein solcher Bau für das streng orthodoxe Judentum, dem heute aber nur noch eine Minderheit angehört. Rürup sorgt sich auch um das Gotteshaus an der Hohen Weide, das erst vor wenigen Jahren aufwendig saniert worden war. Den Grundstein dieser Synagoge, die 72 Überlebende des Holocaust mitbegründet haben, legte der damalige Bürgermeister Max Brauer genau 20 Jahre nach dem Novemberpogrom.

Lieber einen Neubau wie in Dresden, München und Mainz?

Rürup wünscht sich einen Diskurs, an dem sich die jüdische Gemeinde und die Stadtgesellschaft beteiligen. „In anderen Städten haben wir gesehen, welche Kraft von einem Synagogen-Neubau ausgehen kann.“ Sie verweist auf die Projekte in Dresden (2001), München (2006) oder Mainz (2010).

Diese Neubauten stehen mit ihrer modernen Architektur für einen Aufbruch in die Zukunft, ohne die Vergangenheit zu übertünchen oder reinzuwaschen.

Auch die Baugeschichte würde damit ausgeblendet, kritisieren die Unterzeichner des Thesenpapiers: Die 1906 eingeweihte Synagoge in ihrer historistischen Architektur befand sich damals auf der Höhe der Zeit. „Die Wiederherstellung der alten Synagoge stünde im diametralen Gegensatz zur Fortschrittlichkeit des früheren Hamburger Judentums“, heißt es.

Die zehn Erstunterzeichner sehen ihr Papier als Impuls

Und: „Nach dem Willen der Jüdischen Gemeinde soll auch der Wiederaufbau der Bornplatz-Synagoge dem erinnerungskulturellen Ziel dienen, die Bedeutung des in der Schoa vernichteten Hamburger Judentums ins Gedächtnis zu rufen. Deshalb sei es unerlässlich, diejenigen die sich erinnern sollen, in das Projekt mit einzubeziehen.“

Ausdrücklich verstehen die zehn Erstunterzeichner ihr Papier als Impuls: „Wir müssen über ein so wichtiges Thema in der Öffentlichkeit diskutieren, damit es positiv besetzt ist“, sagt Nümann-Seidewinkel. Die Diskussion ist eröffnet.