Pandemie

Corona-Krise in Hamburg: Was wird aus der Reeperbahn?

Frank Hoffmann betreibt das Roschinsky’s am Hamburger Berg . Der zweite Lockdown trifft St. Pauli besonders hart.

Frank Hoffmann betreibt das Roschinsky’s am Hamburger Berg . Der zweite Lockdown trifft St. Pauli besonders hart.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Auf der Reeperbahn herrscht gähnende Leere, der Kiez wartet auf ein Wunder. Wie die Pandemie St. Pauli verändert.

Hamburg.  Da ist einfach nichts, nur Leere und Dunkelheit. Die Autos schieben sich die Reeperbahn herunter, aber fast alle Lichter sind aus, keine Leute, kein Lachen, keine großen Hoffnungen. An Sonnabenden wie diesen, sagen sie auf dem Kiez, ist es besonders schlimm. Nur der Imbiss Lucullus und das „Klubhaus“ leuchten noch gegen die Tristesse an. „Clubretter werden“, läuft bei Letzterem über die große Fassade. Eine Hilfsaktion. „Wie ein Tsunami“ habe Corona die Bar- und Clublandschaft verwüstet, heißt es auf ihrer Website.

Einige Tage später lässt sich Frank Hoffmann auf eine Sitzbank in seiner Bar Roschinsky’s am Hamburger Berg plumpsen. Er trägt Lederjacke und sagt, eigentlich gebe es gar nicht viel zu sagen. „Es ist jetzt eben wieder vorbei.“ Der Zusammenhalt auf dem Kiez ist zwar beinahe legendär. „Aber wenn ein Lockdown herrscht, kämpft auch jeder erst mal für sich“. St. Pauli klagt weniger laut über die Schließung als noch im Frühjahr. Aber dieselben Fragen sind geblieben. Wie lange halten die Gastronomen und Händler in der Dauerkrise noch durch? Und was macht sie mit dem Viertel?

„Dann wird man den Kiez nicht mehr wiedererkennen"

Er könne sich gut vorstellen, „wie die Konzerne schon auf einzelne Läden schauen und lauern“, sagt Frank Hoffmann. Sein Steuerberater versucht, die versprochene Entschädigung vom Staat für ihn zu beschaffen, auf Basis der Einkünfte vom November des vergangenen Jahres. Für den Moment ist es ein fairer Deal. Selbst wenn er jetzt noch öffnen dürfte, wäre wohl kaum so viel Umsatz zu machen. Hoffmann rechnet aber damit, dass der Lockdown mindestens bis zum Jahresende dauern wird.

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„Wenn der Staat dann sagt, jetzt gibt es wieder wie im Frühjahr nur 80 Prozent der Fixkosten“, sagt Hoffmann und lässt den Blick über die Straßenzeile wandern, „dann wird man den Kiez nicht mehr wiedererkennen. So viele Rücklagen hat kaum einer mehr.“

Die Gastronomen auf dem Kiez tauschen sich in mehreren WhatsApp-Gruppen aus, die größte füttert vor allem Peter Kämmerer, ehemaliger SPD-Bürgerschaftsabgeordneter und Vorstand der Interessengemeinschaft (IG) St. Pauli. Wenn man mit ihm über die Lage im Viertel spricht, sagt er zu Beginn und Ende des Gesprächs bloß: „Furchtbar ist das“. Kämmerer ist es gewohnt, über seine Drähte in die Politik schnell klare Ansagen zu den Baustellen auf dem Kiez zu bekommen. Bei Corona geht das nicht. „Man kann oft nur warten, auf die Zahlen, auf die Entscheidungen aus Berlin.“

Der Kiez lebt vom Machen, von neuen Ideen und Konzepten

Das passt nicht zu St. Pauli. Der Kiez lebt vom Machen, von neuen Ideen und Konzepten, die Menschen anziehen. Einige haben viel in ihre Läden investiert und erst kurz vor der ganzen Misere eröffnet, sagt Kämmerer. Auf der anderen Seite haben nicht alle Vermieter auch Verständnis, bieten wenigstens eine Stundung der Zahlung an. Der Wirt Daniel Schmidt vom Elbschlosskeller prophezeite schon vor Monaten, dass es „20, 30 Prozent der Läden auf Dauer nicht schaffen werden“ – auch wenn eine Pleitewelle bislang ausgeblieben ist. Auf dem Kiez fragt man sich auch, warum die Eigentümer der Immobilien in der Krise kaum zum Verzicht gezwungen werden, sondern sich horrende Mieten eben vom Staat bezahlen lassen.

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Frank Hoffmann sagt, er werde den Winter schon durchstehen. „Nur sind die Pläne jetzt hinfällig“. Er hat Tausende Euro in Plexiglasscheiben investiert und noch mehr Geld in einen großen, ultrahygienischen Geschirrspüler. Hat die Barkräfte, die sonst im Gedränge die Drinks ausgeben, zu Kellnern umgeschult und Heizpilze angeschafft. „Es ist ja auch im eigenen Interesse wichtig, dass man die Hygieneregeln einhält.“ Die Schließung kann er nachvollziehen. Wie es dazu kam, immer noch nicht ganz.

Es sei über Monate jedenfalls kein Geheimnis gewesen, dass sich einzelne Gastronomen nicht an die Auflagen halten. „Wir hatten auch Gäste, die ganz offen gesagt haben: Auf der Großen Freiheit wird doch auch überall getanzt“. Die Behörden hätten dort früher, härter durchgreifen können, glaubt Hoffmann. Der Elbschlosskeller-Wirt Schmidt empörte sich bei Facebook laut über die Verstöße, forderte einen Lizenzentzug. Im Bezirksamt Mitte winkte man ab. „Wenn man einen Laden schließt, ist er bald mit neuem Betreiber und gleichem Namen wieder da.“ Nicht alle auf dem Kiez sind solidarisch, aber viele gerissen.

Auch auf der Großen Freiheit herrscht die Öde im Regen

Am Donnerstag herrscht auch auf der Großen Freiheit die Öde im Regen. Hinter den Kulissen arbeiten etwa die Künstler von Dragqueen Olivia Jones an neuen Programmen, aber können sie nicht umsetzen. „Man kann eine Burlesque-Show in der Zwischenzeit etwa nicht einfach ins Internet verlagern“, sagt einer von Jones’ Vertrauten. Immerhin habe die Krise auch einzelne Lichtblicke gebracht. Während des ersten Lockdowns entwarf die „Olivia-Jones-Familie“ etwa eine St.-Pauli-Revue, die über den Sommer erfolgreich lief. Sie soll auch nach der Krise weiter Besucher auf den Kiez locken. Man werde mit „zwei blauen Augen durchkommen“, heißt es von Olivia Jones. Dennoch mache man sich Sorgen um die Vielfalt auf dem Kiez.

Wenn der Lockdown endet, stehen auch für Frank Hoffmann bereits alte Herausforderungen an. Die mehr als 50 Kioske im Viertel, die den Clubs mit ihrem Billig-Alkohol den Umsatz abgraben, konnten auch im Sommer nur mit Verweis auf die Infektionsgefahr stärker reglementiert werden. Ob aber auch wieder so viele Gäste auf den Kiez kommen wie vor Corona? „Wir hatten ja schon in den vergangenen Jahren mit den geburtenschwachen Jahrgängen zu kämpfen“, sagt Hoffmann. Eine Delle im stetigen Nachwuchs an Partylustigen, die ins Viertel strömen. Andererseits: Wenn die Läden auf und die Lichter an waren, hat St. Pauli die noch immer größte Anziehungskraft der Stadt.

Auf dem Spielbudenplatz halten einzelne St. Paulianer solange Mahnwache. Auf einem Schild steht „Kiez“ geschrieben, daneben ein Totenkreuz. Nur einen einzelnen Hauch von neuem Leben gab es in den vergangenen Wochen: Der neu gestaltete Penny-Supermarkt an der Meile eröffnete, mit grellen Schriftzügen. Und es war wie fast immer auf St. Pauli: Einige finden die Neuheit „geil“, anderen ist es schon zu viel Chichi. Wäre es doch bloß das einzige Problem auf dem Kiez.

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