Corona-Brandbrief

Kulturschaffende appellieren: Öffnen Sie Theater und Museen!

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) wird von Kulturschaffenden der Hansestadt wie Dirigent Thomas Hengelbrock, Intendantin Amelie Deuflhard, Dirigent Kent Nagano, Intendantin Karin Beier, Generalintendant Christoph Lieben-Seutter und Museumsdirektor Alexander Klar für die Corona-bedingte Schließung der Kultureinrichtungen kritisiert.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) wird von Kulturschaffenden der Hansestadt wie Dirigent Thomas Hengelbrock, Intendantin Amelie Deuflhard, Dirigent Kent Nagano, Intendantin Karin Beier, Generalintendant Christoph Lieben-Seutter und Museumsdirektor Alexander Klar für die Corona-bedingte Schließung der Kultureinrichtungen kritisiert.

Foto: Montage: HA

Exklusiv: Offener Brief von prominenten Verantwortlichen an Tschentscher. Kunst und Kultur sollen wie Kirchen behandelt werden.

Hamburg. In einem Offenen Brief an Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) fordern mehr als ein Dutzend Chefdirigenten, Intendanten und Intendantinnen und die Chefs von Museen mehr Engagement für die Kulturlandschaft, um die Corona-Krise überleben zu können. Im Vorfeld der Weichenstellung – in der nächsten Woche beratschlagen Bundesregierung und Ministerpräsidenten über Maßnahmen für mindestens Dezember und Januar – schreiben die prominenten Unterzeichner: „Sehr geehrter Erster Bürgermeister, lassen Sie die Kultur leben! (...) Setzen Sie sich beim nächsten Treffen mit der Kanzlerin und Ihren Kolleginnen und Kollegen der anderen Länder dafür ein, dass Kultur- und Bildungseinrichtungen wie Opern, Theater, Konzertsäle, Kinos und Museen zügig wieder geöffnet werden.“

Das Warten geht weiter, die zermürbende Ungewissheit bleibt. Bundesweit ist die Kulturlandschaft für das Vor-Ort-Publikum abgeschaltet und menschenleergefegt. In der zweiten Runde hat das Nichts-tun-Dürfen nach einigen hoffnungsbelebten Monaten noch verheerendere Auswirkungen, auch und erst recht in einer Stadt wie Hamburg, in der die Kultur in den letzten Jahren so viel Dynamik und Selbstverständnis-Zuwachs erlebte.

Hamburg: So leidet die Kultur unter Corona

Existenzen kamen seit März unverschuldet ins Trudeln. Lebenspläne platzen. Stars trifft es ebenso wie neue Talente, aber anders. Die Corona-Krise hat nicht nur erbarmungslos zugeschlagen, sie hat genauso die Schwachstellen und Ungerechtigkeiten der Branchen-Strukturen verstärkt, mit denen man sich bislang eher schlecht als recht arrangiert hatte. Jetzt aber, weiterhin und mindestens bis zum 30. November: Generalpause. Für alles, alle und für ihr Publikum.

Gerade erst sagte der Schauspieler Matthias Brandt in einem „Zeit“-Gespräch mit Betroffenen über die Stimmungslage: „Die Angst vor der Entbehrlichkeit ist gerade groß. Sie ist mindestens so groß wie die Entbehrung selbst.“ Steven Walter, designierter Intendant des Bonner Beethoven-Fests, ergänzte: „Wir steigern nicht in erster Linie das Bruttosozialprodukt, sondern produzieren Sinn. Man braucht Musik nicht zum Überleben, man braucht Musik zum Leben.“ Künstlerinnen und Künstler aller Sparten verlieren ihren Wesenskern.

Offener Brief an Peter Tschentscher eine Protestnote

In der nächsten Woche soll von der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten und -präsidentinnen in Berlin beraten und beschlossen werden, wie es im Dezember und Januar weitergeht mit den Öffnungen, Schließungen, Einschränkungen. In den letzten Tagen haben sich deswegen viele der wichtigsten Führungskräfte in der Hamburger Kultur kurzgeschlossen und diskutiert, wie sie ihre Ängste, Hoffnungen, Einsichten und Erwartungen in einen Text bringen können, als offenen Brief an den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

Dieses Schreiben, das alle Beteiligenten in einer Endrunde seit Donnerstag kollektiv formulierten, ist vor allem eine Protestnote gegen die bisherige Behandlung, die viele als ungleich und unfair empfinden. Es ist ebenso ein Solidaritätsschreiben und ein Drahtseilakt, weil für viele Maßnahmen und Notwendigkeiten viel Verständnis vorhanden ist. Aber: eben nicht für alle.

Es muss schon einiges im Argen liegen, bevor es zu solchen weit ausholenden Protest-Akten kommt: Als es dem Altonaer Museum an den Kragen gehen sollte; als das Gängeviertel bedroht war; als ein rechtspopulistischer Innensenator sich aufs Schauspielhaus einschoss – verglichen mit der Corona-Pandemie waren diese Anlässe für demonstrativen Einspruch aber nur Krisenherdchen.

Kultursenator Carsten Brosda (SPD) ist seit Monaten mit dem Krisenmanagement und dem perspektivischen Nachdenken darüber beschäftigt. Seine Meinung zu dieser Aktion: „Ich verstehe die Sorgen der Kultureinrichtungen sehr gut. Wir sind regelmäßig in engem Austausch. Der gesamte Senat gibt gerade alles, damit alle gut durch diese Zeit kommen. Wir wägen in unseren Beratungen immer wieder die Bedeutung der Kultur und die Notwendigkeiten des Infektionsschutzes gegeneinander ab. Ich wünsche mir, dass nicht nur in Hamburg klar ist: Sobald die Infektionswelle gebrochen ist, müssen die Kulturorte wieder geöffnet werden. Wir brauchen die Kultur – gerade in Zeiten der Krise.“

Die Unterzeichner

  • Christoph Lieben-Seutter (Generalintendant Elbphilharmonie und Laeiszhalle)
  • NDR-Chefdirigent Alan Gilbert
  • Generalmusikdirektor Kent Nagano
  • Ensemble Resonanz
  • Thalia-Intendant Joachim Lux
  • Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier
  • Ulrich Waller und Thomas Collien vom St. Pauli Theater
  • Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard
  • Kunsthallen-Direktor Alexander Klar
  • Tulga Beyerle und Udo Goerke vom Museum für Kunst und Gewerbe
  • Bettina Steinbrügge vom Kunstverein
  • Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow
  • Filmfest-Leiter Albert Wiederspiel

Lesen Sie hier den Offenen Brief im Wortlaut:

"Sehr geehrter Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, sehr geehrter Peter Tschen­tscher, lassen Sie die Kultur leben! Auch wir, Kulturschaffende in Hamburg, sind uns bewusst, dass einschneidende und schmerzhafte Maßnahmen nötig sind, um die steigenden Infektionszahlen in der Pandemie zu reduzieren. Es ist keine Frage, dass die zweite Corona-Welle in diesen Wochen solche Maßnahmen verlangt.

Während des ersten Lockdowns haben wir unsere Kultur-Häuser geradezu zu „Hochsicherheits-Zentren“ umgebaut, haben Geld, Zeit und Energie eingesetzt, um den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt auch in dieser Krisenzeit gefahrlos Kulturerlebnisse zu ermöglichen.

Obwohl es keine Zweifel an der Sicherheit eines Theater-, Konzert-, Opern-, Kino- oder Museumsbesuchs gab und gibt, wie selbst der Hamburger Kultursenator uns noch kurz vorher bestätigt hat, wurden wir gemeinsam mit Freizeiteinrichtungen unterschiedlichster Art am 2. November erneut in den Lockdown geschickt. Die Zuordnung zu „Freizeiteinrichtungen“ hat verständlicherweise tiefgreifende Verstimmungen in der Kulturszene ausgelöst. Wir fühlten uns hier sehr grundsätzlich missverstanden.

"Es kann nicht sein, dass Kaufhäuser wichtiger sind als Theater"

Darüber hinaus: Wenn Kunst, Kultur und Bildung dort verortet werden, so die Befürchtung, werden wir nicht nur als Erste wieder geschlossen, sondern auch als Letzte und nach allen anderen wieder geöffnet. Dies würde insbesondere die freie Kultur trotz staatlicher Hilfsangebote – und wir haben nicht vergessen, wie sich gerade die Hamburger Behörde Kultur und Medien für die Kultur ihrer Stadt eingesetzt hat – endgültig in den wirtschaftlichen Ruin treiben.

Wir sind sehr froh, dass im soeben vom Deutschen Bundestag verabschiedeten Infektionsschutzgesetz Kultureinrichtungen als Orte von Kunst, Kultur und Bildung endlich eigenständig betrachtet werden. Explizit gestärkt wird dort der Rang der Kultur durch den Verweis auf die im Grundgesetz verankerten Grundrechte, hier insbesondere den Artikel 5 Absatz 3 zur Freiheit der Kunst. Grundrechte unterliegen wie das Recht der Versammlungsfreiheit, der Religionsausübung oder der Meinungsäußerung einem besonderen Schutz. Ihre Aufhebung braucht also – ebenso wie das nicht infrage gestellte Recht der freien Religionsausübung – eine besondere Begründung.

Das ist ein großer und längst überfälliger Schritt! Notwendig ist es nun, diese substanzielle Veränderung auch öffentlich zu machen, denn dieser Schritt darf nicht folgenlos bleiben: Wir bitten Sie, sich dafür einzusetzen, dass der vom Gesetzgeber selbst formulierte Rang von Kunst, Kultur und Bildung bei den unmittelbar bevorstehenden politischen Beschlüssen tatsächlich Berücksichtigung findet.

Warum Kultur unverzichtbar ist

Im Sinne von transparenten und gerechten Kriterien kann es nicht sein, dass der Erwerb nicht unmittelbar notwendiger Konsumartikel in Kaufhäusern höher gewichtet wird als die Versorgung mit Bildung, Kunst und Kultur. Der Hinweis, ein Besuch von Kultureinrichtungen möge zwar sicher sein, der Weg dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei es aber nicht, dürfte angesichts der neuen Gesetzeslage künftig nicht mehr ausreichen.

Auch in Krisenzeiten ist ein Mindestmaß an sozialem, kulturellem und gesellschaftlichem Leben unverzichtbar. Wir wollen für die Gesellschaft, für unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in Hamburg gerade in dieser schwierigen Zeit da sein. Genauso, wie Sie das Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften auch zugestehen. Auch wir wollen Freude, Zuversicht und Trost spenden. Wir wollen dem „weniger Kontakt“ ein „mehr Zuwendung“ an die Seite stellen. Kultur stabilisiert die Gemeinschaft und stärkt den Einzelnen.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Tschentscher, wir bitten Sie nachdrücklich: Setzen Sie sich beim nächsten Treffen mit der Kanzlerin und Ihren Kolleginnen und Kollegen der anderen Länder dafür ein, dass Kultur- und Bildungseinrichtungen wie Opern, Theater, Konzertsäle, Kinos und Museen zügig wieder geöffnet werden. Nehmen wir alle gemeinsam unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung ernst!"

Die aktuellen Entwicklungen zur Covid-19-Pandemie im Norden lesen Sie in unserem täglichen Corona-Newsblog.