Großkontrolle in Hamburg

Hunderte Verstöße gegen Corona-Regeln: Die absurdesten Fälle

| Lesedauer: 7 Minuten
André Zand-Vakili und Michael Arning
Das Shooter‘s auf St. Pauli musste geräumt werden. In dem Laden feierten zu viele Gäste.

Das Shooter‘s auf St. Pauli musste geräumt werden. In dem Laden feierten zu viele Gäste.

Foto: Michael Arning

Shisha-Bars, Clubs und Bars verletzen Corona-Regeln in 182 Fällen. Türsteher wollen Polizei aufhalten. Was Beamte vor Ort erlebten.

Hamburg. „Alle raus.“ In der Shiha & Cocktailbar an der Straße Landwehr im Stadtteil Hohenfelde wird es hektisch. Polizisten, Gäste, Personal, Mitarbeiter des Bezirksamtes, des Zolls, Angehörige des Amtes für Arbeitsschutz zwängen sich durch den Ausgang, dann über eine Treppe auf die Straße. In der Luft, so die Einschätzung der Einsatzkräfte, ist zu viel, viel zu viel gefährliches Kohlenmonoxid. Auf der Straße wird weiter die Einhaltung der Corona-Vorschriften kontrolliert. Mit einem frappierenden Ergebnis. Die Kontaktlisten sind, so kann man es zusammenfassen, „schlampig“ geführt.

Das Ergebnis ist keine echte Überraschung. Und kein Einzelfall bei den großflächigen Kontrollen von Polizei und Ämtern am Wochenende. Das lockere Leben, egal ob vom Betreiber oder den Gästen inszeniert, passt nicht zu den Maßnahmen, die sich die Stadt ausdenkt, um die Corona-Infektionen in beherrschbarer Anzahl zu halten – und andererseits einen erneuten Lockdown, mit allen Begleiterscheinungen erst für die Wirtschaft und dann für die ganze Gesellschaft zu vermeiden.

So findet es auch eine junge Frau, die zusammen mit Freunden in der Shisha-Bar war, „krass“, dass sie zunächst am Tisch sitzen bleiben sollte, um überprüft zu werden.

Corona: Kultkneipe auf St. Pauli geschlossen

Szenenwechsel zum Kiez. Hier hat sich Bezirksamtsleiter Falko Droßmann, – halb inkognito durch vorbildlich angelegter Mund-Nasen-Bedeckung – mit zivilen „Aufklärern“ der Polizei ins nächtliche Kiezgetümmel begeben, um die „Abstandssünder“ in der Gastronomie auszumachen. Ein Ziel: eine Kultkneipe am Hans-Albers-Platz. Auf Facebook haben die Betreiber es scheinbar bereits begriffen: Dort wurde am 25. September unter dem Titel „Important Notice“ das Publikum eindringlich um die Einhaltung der Corona-Auflagen und das Tragen von „Schnutenpullis“ gebeten.

Was virtuell geht, funktioniert, so der Eindruck der Einsatzkräfte, im richtigen Leben nicht. Dicht gedrängt stehen Gäste in der Kneipe. Der Laden muss erst einmal geschlossen werden. Auch die Große Freiheit muss kurzfristig geräumt werden, weil eine Bar so voll ist, dass bei einer Räumung zwangsläufig auf der Straße ein zu großes Gerangel entstehen würde. Später gibt es noch einen Lichtblick. Beim Versuch, Bier an einem Kiosk zu kaufen, scheitert der Bezirksamtsleiter. Dort wird das Verbot, Alkohol zum Mitnehmen zu verkaufen, befolgt.

Falko Droßmann zu Corona-Kontrollen auf St. Pauli

St. Pauli: Türsteher stellen sich gegen Polizisten

Droßmann fasst die Erlebnisse der Nacht so zusammen: „In einigen Läden wurden wir mit Hallo begrüßt, woanders haben sich Türsteher einfach davorgestellt, um hinten für Ordnung zu sorgen, bis wir drin sind.“ So ist es offensichtlich von der Einstellung des jeweiligen Publikums und der Betreiber abhängig, ob die Verordnung eingehalten wird oder eben nicht.

Wenn Kontaktlisten das Papier nicht wert sind

Bereits am Freitag hatten Einsatzkräfte mit erheblichem Aufwand eine Art Café an der Legienstraße in Billstedt überprüft. Das Lokal ist bei der Polizei als Treff von Albanern bekannt. Die Frau hinter dem Tresen, an diesem Abend „Verantwortliche“, wird abgeführt, weil sie sich mit falschen Papieren ausweist. Die Liste mit den Kontaktdaten in dem Laden ist nicht das Papier wert, auf die unvollständige Namen gekritzelt sind.

Anscheinend hat ein Teil des Publikums kein Interesse, seinen Besuch dokumentiert zu wissen. „Bei den Kontrollen haben wir festgestellt, dass die Kontaktlisten mangelhaft gepflegt werden“, sagt Polizeisprecherin Sandra Levgrün, den an dem Abend den Einsatz in den Lokalitäten begleitete, die bereits in den letzten Wochen aufgefallen waren.

Das Corona-Problem in Shisha-Bars

In einigen Fällen, wie an der Legienstraße, hatten die Betreiber sogar aggressiv getönt, dass sie sich nicht an die Auflagen halten wollen. Auch die Shisha-Bar an der Billstedter Hauptstraße, die an diesem Abend im Visier der Einsatzkräfte ist, entpuppt sich als nicht „coronafähig“, weil Listen nicht korrekt ausgefüllt, das Mobiliar zu eng steht oder, zu allem Überfluss, „sämtliche Notausgänge“, wie Levgrün sagt, vollgestellt sind.

Dazu sind, wie oft in solchen Läden, die Kohlenmonoxidwerte zu hoch. An anderer Stelle wird festgestellt, dass in einer Shisha-Bar alle Gäste eines Tisches an demselben Mundstück „nuckeln“, über das sie den Wasserpfeifendampf einsaugen.

Seit 14 Uhr ist der kleine Trupp der Ordnungshüter, bestehend aus fünf Männern und einer Frau, auf den Beinen. Den Tag über sind Restaurants, aber auch Bäckereien überprüft worden. Dort gibt es nur kleinere Beanstandungen. Am Abend sind es dann genau die Läden, bei denen man „es sich gedacht“ hat, die gravierende Verstöße aufweisen.

Corona-Verordnung: Scharfe Kontrolle auf St. Pauli:

Wirt versucht, die Polizei hinauszuwerfen – Bußgeld

In einem Etablissement versucht der Betreiber, der mit Hinweis auf sein sehr internationales Publikum die miserabel geführten Kontaktdatenliste begründen will, in seiner Verzweiflung die Beamten über sein Hausrecht aus der Kneipe zu schmeißen. Er ist einer von zwei Kneipeninhabern, die von dem Trupp ein Bußgeld über 500 Euro bekommen.

Dabei gehen die Beamten mit Augenmaß vor. Nur wer schon gegen die Corona-Regeln verstoßen hat und es besser wissen müsste, wird sanktioniert. „Aber eigentlich muss jeder Gastwirt wissen, was er zu tun hat. Wir sind ja nicht am Anfang der Pandemie“, sagt einer der Polizisten.

Corona-Regeln: Wilhelmsburg überzeugt

Woanders lief es besser. In Wilhelmsburg beeindruckt eine junge Türkin mit perfekt geführten Kontaktlisten, bester Hygieneausstattung und klarer Regelung für die Gäste. In den „guten“ Restaurants sind Verstöße so gut wie kein Thema. Davon konnten sich Bürgermeister Peter Tschentscher und Polizeipräsident Ralf Martin Meyer, die mit Einsatzkräften im Bereich Mühlenkamp unterwegs waren, selbst überzeugen.

„Dort sind wir auf eine große Akzeptanz der Gastronomen gestoßen, die die Maßnahmen begrüßt haben“, sagt Meyer.

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Insgesamt wurden am Wochenende in Hamburg rund 700 Betriebe überprüft. In 182 Fällen wurden Verstöße gegen die Corona-Regeln festgestellt, die 205 Ordnungswidrigkeitsverfahren und 86 Verwarnungen nach sich zogen. „Es gibt viele Läden, die sich an alle Auflagen halten und zeigen, dass es geht“, sagt Droßmann. „Es gibt aber Läden, wo ich den Eindruck habe, dass die Gastronomen gegen uns arbeiten. Das können wir nicht mehr dulden.“

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