Krisenbilanz in Hamburg

UKE-Professoren zu Corona: „Das Schlimmste ist überstanden“

UKE-Professorin Dr. Marylyn Addo ist Infektiologin und forscht in Hamburg zum Coronavirus.

UKE-Professorin Dr. Marylyn Addo ist Infektiologin und forscht in Hamburg zum Coronavirus.

Foto: oland Magunia / Roland Magunia

Während führende Forscher optimistisch sind, warnen Politiker vor zu viel Gelassenheit. Sechs Einschätzungen zum Stand der Krise.

Hamburg. Eine auf dem gesamten Erdball vollkommen unbekannte Krankheit, die tödlich verlaufen kann: Covid-19 hat die Menschheit in eine noch nie da gewesene Lage versetzt. Aber sie in atemberaubender Geschwindigkeit gelernt. In welcher Lage befinden wir uns jetzt?

Das Abendblatt hat dazu Wissenschaftler und Politiker befragt: die UKE-Professoren Marylyn Addo und Stefan Kluge, sie Infektiologin, er Intensivmediziner, die Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD), die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), CDU-Fraktionschef Dennis Thering und Deniz Celik, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion. Leonhard hat für die erste und zweite Frage eine gemeinsame Antwort gefunden. Den Regierungsmitgliedern Fegebank und Leonhard haben wir die letzte Frage aus nachvollziehbaren Gründen nicht gestellt.

Wann wird die Corona-Pandemie in Hamburg aus Ihrer Sicht überstanden sein?

Marylyn Addo: Das genaue Ende der Covid-19-Pandemie in Deutschland oder in Hamburg lässt sich nicht vorhersagen. Wir werden auch in den kommenden Monaten und auch im neuen Jahr immer wieder Infektionsgeschehen beobachten – auch wenn dann bereits ein Impfstoff verfügbar sein sollte. Dennoch hofft und schätzt die WHO, dass die Pandemie weltweit insgesamt weniger als zwei Jahre andauert, und bald ist ja eines schon vorbei …

Deniz Celik: Sie wird überstanden sein, wenn ein wirksamer und sicherer Impfstoff gefunden wird oder durch weitere Mutationen Corona sich abschwächt und zu einem harmlosen Schnupfen wird. Aber es kann auch sein, dass wir immer mit dem Virus leben müssen.

Katharina Fegebank: Das wird noch dauern. Zurzeit steigen die Infektionszahlen wieder. Es wird erst überstanden sein, wenn wir einen sicheren Impfstoff oder eine wirkungsvolle Therapie haben.

Stefan Kluge: Es ist schwierig, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Wir werden auch 2021 Jahr Neuinfektionen sehen. Auch wenn es im kommenden Jahr einen Impfstoff geben wird, wird dieser nicht sofort flächendeckend verfügbar sein, sodass es immer noch zumindest vereinzelte Infektionen geben wird.

Melanie Leonhard: Im Herbst und Winter gibt es Erkrankungen, die jahreszeitenbedingt zunehmen. Erkältungen, Grippe, mehr Aufenthalt in geschlossenen Räumen, weniger Frischluft – all das trägt dazu bei, dass die Situation in den kommenden Monaten nicht einfacher wird. Vor 2021 werden wir Corona nicht hinter uns lassen können. Wann genau es so weit ist, wissen wir heute nicht, denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden ja laufend erst zusammengetragen. Aber auch in Hamburg werden wir über das formale Ende der Pandemie hinaus noch deutlich länger mit den Folgen zu tun haben. Selbst wenn wir uns wieder sorgloser miteinander treffen können, begleiten uns zum Beispiel die finanziellen Folgen für die Stadt, in den öffentlichen Haushalten und zum Teil im Einkommen vieler Menschen. Am Arbeitsmarkt und in Unternehmen haben sich Dinge verschoben, die Entwicklungen beschleunigen oder in Gang setzen. Und aufgrund der geschlossenen Kitas und Schulen ist ein Nachholbedarf bei der Entwicklung von Kindern entstanden, den wir nicht einfach übersehen sollten.

Dennis Thering: Solange es keinen Impfstoff gibt, ist Corona nicht überstanden. Die Bundesregierung rechnet im Frühjahr 2021 mit einem Impfstoff. Dann geht es darum, dass der auch schnell in ausreichenden Mengen verfügbar ist.

Haben wir das Schlimmste nach Ihrer Einschätzung überstanden oder noch vor uns?

Marylyn Addo: Ja, nach meiner Einschätzung liegt das Schlimmste hinter uns. Wir haben in den vergangenen Monaten viel über das Virus gelernt. Wir waren auch initial relativ gut vorbereitet, sodass wir keine schlimmen Kapazitätsengpässe in der medizinischen Versorgung hatten. Wenn wir weiterhin auf die Schutzmaßnahmen achten und die Verbreitung des Virus konsequent vermeiden, sollten wir die Hochphase hinter uns gelassen haben.

Deniz Celik: Es besteht kein Grund zur Panik. Die Mediziner haben im Vergleich zum Beginn der Pandemie viel bessere Behandlungsmethoden entwickelt, und trotz steigender Fallzahlen verharren die Krankenhausfälle und Sterblichkeitsraten auf niedrigem Niveau. Dennoch sollten wir nicht nachlässig im Umgang mit Covid-19 werden.

Das Coronavirus in Deutschland und weltweit:

Katharina Fegebank: Das hängt davon ab, ob es uns weiterhin gelingt, die Pandemie einzudämmen. Das ist ja das Tückische. Ein Ausbruch, der nicht nachverfolgbar ist, könnte reichen, dass die Zahlen sprunghaft ansteigen – und schon wären wir wieder in einer kritischen Situation. Unsicherheit ist ein wesentliches Merkmal dieser Krise. Wir können uns auf unterschiedliche Situationen vorbereiten. 100-prozentig wissen, wie es weitergeht, tut niemand. Deshalb ist es wichtig, dass sich alle an die Regeln halten: Abstand, Hygiene, Mund-Nasen-Schutz. Das ist unsere beste Absicherung gegen eine zweite Welle.

Stefan Kluge: Das Schlimmste haben wir nach meiner Einschätzung überstanden. Wir kennen jetzt den Erreger und seine Ausbreitungswege relativ genau. Zudem wissen wir, welche Maßnahmen zur Eindämmung effektiv sind. Insofern können wir sicherlich eine Überforderung unseres Gesundheitssystems vermeiden.

Dennis Thering: Wir sind bisher weitestgehend gut durch die Krise gekommen. Das Infektionsgeschehen in Deutschland und Hamburg ist weiterhin überschaubar, aber die Infektionszahlen bei unseren europäischen Nachbarn zeigen, dass wir weiterhin vorsichtig sein müssen. Ein weiterer Shutdown mit seinen negativen Folgen muss verhindert werden, und deshalb sind der vorsichtige Weg und die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln weiterhin richtig.

Wann rechnen Sie damit, dass mit der Impfung der Bevölkerung begonnen werden kann?

Marylyn Addo: Derzeit gibt es weltweit einige vielversprechende Impfstoffkandidaten in fortgeschrittener klinischer Entwicklung. Die ersten Impfstoffe könnten noch dieses Jahr eine konditionelle Zulassung erhalten. Diese Impfstoffe wären dennoch voraussichtlich erst im Frühjahr 2021 für größere Bevölkerungsgruppen verfügbar. Eines ist sicher: So schnell ging es noch nie.

Lesen Sie das große Dossier: Der Corona-Ausbruch – was im UKE geschah

Deniz Celik: Auch wenn die Forschung schnelle Erfolge meldet, rechnet das Robert-Koch-Institut frühestens 2021 mit einem Impfstoff. Klar muss sein: Sicherheit geht vor Geschwindigkeit. Wenn der Impfstoff dann da ist, wird es darum gehen, wie er verteilt wird und wer sich als Erstes impfen lassen sollte.

Katharina Fegebank: Es gibt vielversprechende Projekte, auch hier in Hamburg am UKE. Wenn es tatsächlich gelingen sollte, sichere Impfstoffe 2021 auf den Markt zu bringen, wäre das die schnellste Impfstoffentwicklung unserer Geschichte.

Stefan Kluge: Nach jetzigem Stand wird eine Impfung im kommenden Jahr realistisch sein. Ob diese dann allen Bevölkerungsgruppen zeitgleich zur Verfügung steht, ist eine andere Fragestellung.

Melanie Leonhard: Ich rechne nicht damit, dass vor 2021 ein Impfstoff verfügbar sein wird. Egal, wann er erstmals auf den Markt kommt: Es wird viele Monate dauern, bis Mengen produziert worden sind, die erlauben, dass alle geimpft werden können. Als Olaf Scholz von einem „neuen Normal“ gesprochen hat, hatte er daher ganz recht: Wir werden uns daran gewöhnen, dass manche Dinge noch für viele Monate, womöglich mehr als ein Jahr anders bleiben müssen.

Dennis Thering: Ich teile die Hoffnung des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn, dass bereits im kommenden Frühjahr mit der Impfung der Bevölkerung begonnen werden kann. Aber eines ist klar: Auch bei der Zulassung eines Impfstoffs geht Sicherheit vor Schnelligkeit.

Sind die noch gültigen Auflagen angemessen – oder braucht es aus Ihrer Sicht weitere Verschärfungen oder Lockerungen?

Marylyn Addo: Aus meiner Sicht ist es nach wie vor wichtig, die derzeitigen Schutzmaßnahmen wie die AHA-Regel über die nächsten Monate aufrechtzuerhalten. Adaptiert an das Infektionsgeschehen werden vorsichtige Lockerungen möglich sein und werden ja auch schon teilweise umgesetzt, zum Beispiel Zuschauer bei Sportveranstaltungen. Von der Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung für grundlegende Hygienemaßnahmen sensibilisiert wurde, werden wir sicherlich in der kommenden Grippe- und Erkältungssaison profitieren.

Deniz Celik: Trotz steigender Fallzahlen gibt es zum jetzigen Zeitpunkt kein Anzeichen für eine Überlastung unseres Gesundheitssystems. Deshalb sollten wir nicht so sehr auf die Fallzahlen starren, sondern als Maßstab für Lockerungen oder Verschärfungen die Zahl der Intensivfälle und Todesfälle nutzen. Derzeit gibt es keinen Anlass für weitere Verschärfungen.

Katharina Fegebank: Wir sehen im Ausland, was passiert, wenn zu früh gelockert wird. Das Virus kehrt zurück. Wir wissen aber auch, dass die Folgen der Eindämmung unseren Wohlstand gefährden, dass alte und kranke Menschen zunehmend isoliert werden, Familien extrem belastet sind. Deshalb müssen wir jeden Tag die Lage sorgfältig beurteilen und unsere Maßnahmen hinterfragen. Bei aller Krisenbekämpfung: Wir dürfen nicht vergessen, die Weichen für unsere Zukunft zu stellen. Und wir müssen innovativer und schneller werden im Kampf gegen den Klimawandel.

Stefan Kluge: Weitere Verschärfungen sind sicherlich zur Zeit nicht notwendig, eher werden wohl vorsichtig weitere Lockerungen folgen. Dennoch sollten wir auf die Grundregeln, also Abstand halten, Maske tragen und Hygienemaßnahmen, definitiv auch in den nächsten Monaten nicht verzichten.

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Melanie Leonhard: Jede Unvorsichtigkeit im großen Stil kann dazu führen, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Das wollen wir weiterhin unbedingt vermeiden, weil unsere Reaktion wahrscheinlich wieder enorme Einschränkungen mit sich bringen müsste. Deswegen müssen manche Auflagen bleiben. Jede Beschränkung von Rechten der Bürger muss jedoch immer wieder neu gerechtfertigt werden. Als Landesregierung prüfen wir deswegen von Woche zu Woche, von Monat zu Monat immer wieder, welche Auflagen angemessen sind.

Dennis Thering: Der vorsichtige Weg Hamburgs ist in der Gesamtheit richtig. Die Grenze, wann erneut über Verschärfungen diskutiert werden müsste, steht fest. Von dieser Grenze sind wir in Hamburg erfreulicherweise weit entfernt.

Wie bewerten Sie die Gesamtstrategie der Stadt im Kampf gegen die Pandemie? Gibt es aus Ihrer Sicht Nachbesserungsbedarf?

Marylyn Addo: Ich bewerte die Gesamtstrategie auch im Rückblick positiv. Wir haben hier in Hamburg einen guten Austausch zwischen Politik und medizinischer Expertise erlebt. Sicherlich war es nicht zu jeder Zeit leicht für die Verantwortlichen, angemessene Lösungen zu finden, vor allem auch, weil sich die Situation so dynamisch entwickelt hat. Dennoch nehmen wir im Nachhinein sicherlich viele Erkenntnisse aus dem Umgang mit dem Pandemiegeschehen mit, die es uns erlauben, zukünftige Entscheidungen noch zielgenauer abwägen zu können.´

Deniz Celik: Mangels bewährter Strategien haben wir zu Beginn viele Entscheidungen mitgetragen. Aber im Bereich der Schulen hat die Konzeptlosigkeit des Senats das Leben für die Schüler und Eltern erschwert. Hier braucht es dringend Nachbesserungen. Auch die Gesundheitsämter waren zu Beginn nicht in ausreichendem Maße in der Lage, die Infektionsketten nachzuverfolgen. Daher muss der öffentliche Gesundheitsdienst ausgebaut werden. Eine zentrale Erkenntnis ist auch, dass ein kommerzielles Gesundheitssystem ungeeignet ist, für den Fall einer Pandemie vorzusorgen.

Stefan Kluge: Die Gesamtstrategie der Stadt war gut. Auch im Nachhinein waren die Maßnahmen der Situation zum jeweiligen Zeitpunkt angemessen. Wichtig ist jetzt, dass wir nicht nur auf die Zahl der Neuinfektionen schauen, sondern vor allem auf die Zahlen der in Kliniken behandelten Covid-19-Patienten – und hier insbesondere auf die Anzahl der Patienten auf den Intensivstationen. Zurzeit werden auf deutschen Intensivstationen weniger als 300 Covid-19-Patienten behandelt. Das ist sehr wenig.

Dennis Thering: Hanseaten halten zusammen. Die CDU-Fraktion hat sich dafür entschieden, unsere Stadt gemeinsam mit dem Senat durch die Corona-Krise zu führen. Es war dabei wenig hilfreich, dass Innensenator Grote sich selbst nicht an die eigenen Corona-Regeln gehalten hat. Bei der Einführung von Bußgeldern, der Bekämpfung des Corona-Cornerns, der Einrichtung von Testzen­tren und der Kontrolle der Hygiene- und Abstandsregeln war der rot-grüne Senat zu spät dran. Den Schulstart hat er völlig verstolpert. Nur mit konsequenter Durchsetzung der Regeln lässt sich das Infektionsgeschehen auch im Herbst und Winter unter Kontrolle halten.

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