Corona-Krise

Was wird aus dem Tourismus in Hamburg?

Hamburg, wie es Touristen lieben: Blick auf Elbe, Elbphilharmonie, Michel und Dom.

Hamburg, wie es Touristen lieben: Blick auf Elbe, Elbphilharmonie, Michel und Dom.

Foto: Andreas Laible

Branche hat durch Corona riesige Verluste erlitten. Weg zurück zu alter Stärke wird ein Marathonlauf, sagen Experten. Eine Analyse.

Hamburg.  Ach, hätten wir doch nur unsere alten Sorgen wieder. Noch im letzten Jahr diskutierten viele in der Hansestadt aufgeregt über das Phänomen Overtourism – ein Übermaß an Fremdenverkehr, das sich in überfüllten Gassen und verstopften Straßen, Umweltbelastungen und Überforderung der Einheimischen äußerte. Was für Venedig zweifelsohne zutraf, war im Zusammenhang mit der Hansestadt eher Kampfbegriff denn Zustandsbeschreibung: Mit 15,4 Millionen Übernachtungen lag Hamburg 2019 weit hinter Berlin (34,1 Millionen) oder München (18,3 Millionen). Möglicherweise war der Unmut über den Fremdenverkehr auch darauf zurückzuführen, dass die Branche in der Hansestadt besonders stürmisch wuchs.

Ach, das waren noch Zeiten. Inzwischen ist die Hansestadt wieder in der Vergangenheit angekommen. „Die Corona-Pandemie wirft den Hamburgtourismus auf das Gästeaufkommen im ersten Halbjahr 2005 zurück“, sagt Sascha Albertsen, Sprecher der Hamburg Tourismus GmbH. Im Klartext: 15 Jahre des stetigen Wachstums hat das Virus aufgezehrt. Während die Zahl der Übernachtungen um 55 Prozent auf 3,2 Millionen Übernachtungen zurückgegangen ist, sind die Kapazitäten der Hotels und Pensionen viel größer als vor eineinhalb Jahrzehnten. Bitter: „Noch im Januar und Februar steuerte der Hamburgtourismus auf Rekordkurs: Erstmals konnte im Februar die Marke von einer Million Übernachtungen locker überwunden werden“, so Albertsen. Es war der Sturm vor der Ruhe: Im April übernachteten nur noch 81.000 Reisende in der Stadt.

Kreuzfahrtgesellschaften sagten ihre Besuche reihenweise ab

Rote Zahlen, wohin man schaut: Der Flughafen zählte im ersten Halbjahr mit 2,7 Millionen Passagieren nur noch ein Drittel des Vorjahreszeitraums, die Kreuzfahrtgesellschaften sagten ihre Besuche reihenweise ab: Vor Corona waren 210 Anläufe geplant, am Ende muss man zufrieden sein, wenn es gut 50 Schiffe werden. Stets hat Hamburg mit einem Anteil ausländischer Gäste von nur 25 Prozent neidisch auf internationalere Metropolen wie Berlin (46 Prozent) München (49 Prozent) oder Amsterdam (84 Prozent) geschaut – nun wird die Stadt vom völligen Einbruch des internationalen Tourismus etwas weniger heftig getroffen. Beispielsweise fehlen drei Viertel der amerikanischen Gäste. Wer auf die USA gesetzt hat, ist nun verloren.

Immerhin hat der Sommer die Situation etwas verbessert, gerade Fünf-Sterne-Hotels lebten von deutschen Gästen, die wegen der Reisewarnungen im Lande blieben. Gastronomen freuten sich über volle Außenterrassen. Doch das langsam anziehende Geschäft nach den Corona-Lockerungen wird die Bilanzen nicht mehr retten können.

Das Produkt Hamburg hat gelitten

„Der Sommer war nur eine kurze Erholungsphase in einer nach wie vor äußerst schwierigen Zeit für den Deutschlandtourismus“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes, Norbert Kunz. Schon jetzt steht fest: Die Verluste aus dem Lockdown sind in diesem Jahr nicht mehr aufzuholen. Die Zahlen nach dem Neustart zeigen zudem, wie weit wir davon entfernt sind, wieder an alte Erfolge anzuknüpfen. Wenig deutet auf eine schnelle Trendwende hin: Tourismusexperten sehen zwei Gründe, warum Menschen in Städte reisen: Einmal lockt das Reiseziel, das Erlebnis Großstadt. Ebenso wichtig ist die Anbindung. Eine Metropole kann noch so faszinierend sein, das Marketing noch so kreativ; wenn das Ziel schwer erreichbar ist, leidet die Anziehungskraft. Wenn Flugverbindungen ausfallen, Fahrpläne ausgedünnt werden oder Schiffe ihre Reisen absagen, hat Hamburg ein Pro­blem. Zudem zögern viele Menschen wegen Corona, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, sie fürchten in Flugzeugen, Bussen oder Zügen eine Infektion.

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Auch das Produkt Hamburg hat gelitten: Hamburg ist ein Gesamtkunstwerk – aber eines, in dem derzeit viele Teile fehlen: Messen, Kongresse, Tagungen finden kaum noch statt. Alle Großveranstaltungen vom Marathon bis zu den Cyclassics fallen aus. Die Elbphilharmonie und die großen Theater haben wieder eröffnet, bieten aber spürbar weniger Plätze, auch das Angebot von Attraktionen wie das Miniatur Wunderland oder Hamburg Dungeon ist deutlich zurückgefahren. Die Reeperbahn, die viel besungene geile Meile, ist kein Ausgehquartier mehr, wenn das Nachtleben erlischt: Clubs bleiben geschlossen, Bars beschränken den Einlass.

Problem spitzt sich zu

Ein besonderer Schlag ins Kontor sind die coronabedingten Unterbrechungen bei Harry Potter und den Musicals: „In guten Jahren erreichen allein die Musicalproduktionen mehr als zwei Millionen Besucher“, sagt Albertsen. Und auch die Fußballfans, die sonst zu den Schlachten des FC St. Pauli und des HSV gebummelt sind, fallen weg. Die Rückkehr zu den alten Zahlen steht also in den Sternen. Ein schwacher Trost: Ab dem 1. November sollen Volksfeste wie der Dom wieder möglich sein.

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Und das Problem spitzt sich zu. Mit jeder Woche, die die Krise länger währt, schwindet die touristische Basis: Hotel und Pensionen, Kneipen und Restaurants, Clubs und Kulturanbietern geht langsam die Luft aus. Die Bettenauslastung lag im ersten Halbjahr bei rund 28 Prozent, der Umsatz im Gastgewerbe hat sich dramatisch reduziert. In den ersten beiden Monaten des Jahres durften sich die Gastronomen noch über ein deutliches Plus freuen, im März halbierte sich dann der Umsatz, im April viertelte er sich. Zwar ging es im Juni wieder aufwärts, aber auf niedrigem Niveau – im Vergleich zum Vorjahr fehlt mehr als die Hälfte des Geldes in den Kassen. Wenn der Dehoga 60 Prozent der Gastronomen von der Pleite bedroht sieht, ist das kein interessengeleitetes Schauermärchen, sondern klingt realistisch.

Gastgewerbe beschäftigt viele Zuwanderer und Ausländer

Für die Attraktivität einer Stadt ist aber extrem wichtig, wie viele Anbieter überleben – vor allem, wer. Wenn am Ende nur Dönerbuden, Starbucks und McDonald’s bleiben, wird Hamburg vieles verlieren. Die Individualgastronomie, die besonderen Läden mit besonderem Flair, hat der Gastronom Patrick Rüther kürzlich im Abendblatt systemrelevant genannt, „weil hier Menschen zusammenkommen, die sich anderswo nicht treffen, weil sie ganze Stadtteile entwickelt, eine Plattform für Kunst und Kultur bietet und Menschen eine Chance gibt, die nicht die beste Karten auf dem Arbeitsmarkt haben.“

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Auch das ist ein Aspekt, der in der Debatte um Overtourism und Corona viel zu kurz kommt: Kaum eine Branche beschäftigt so viele Zuwanderer und Ausländer wie das Gastgewerbe: 2017 waren es bundesweit 338.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte ohne deutsche Nationalität, das sind 31,9 Prozent. Hinzu kommen Zehntausende Unternehmer mit Migrationshintergrund, die ihre Küche nach Deutschland gebracht und eigene Restaurants eröffnet haben. Gastronomie ist für die Inte­gration systemrelevant.

Touristischer Konsum in Hamburg von rund acht Milliarden Euro

Für Hamburg sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Der Tourismusverband zählte 88.000 Arbeitsplätze, 4,4 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und 300 Millionen Euro direkte Steuereinnahmen. Insgesamt schätzen Ökonomen den touristischen Konsum in Hamburg sogar auf rund acht Milliarden Euro. 2,1 Milliarden Euro davon entfallen allein auf den Einzelhandel, 728 Millionen auf Sport, Erholung, Freizeit und Kultur. Diese indirekten Effekte machen Hamburg zu der Stadt, die Hamburger lieben. Ohne Touristen gäbe es weniger S-Bahn-Verbindungen und weniger Stadträder, weniger Läden und weniger Kneipen, weniger Sportveranstaltungen und weniger Kultur. Es steht also mehr auf dem Spiel. Viel mehr.

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„Der Tourismus ist wichtig für die Lebensqualität in Hamburg, wir brauchen ihn, um die Stadt voranzubringen“, sagt Tourismuschef Michael Otremba. Zudem muss man die wirtschaftlichen Zusammenhänge verstehen – die große Bäckereikette Dat Backhus rutschte auch deshalb im Juni in die Insolvenz, weil Großkunden wie Hotels und Kantinen keine Brötchen mehr abnahmen. Die Reeder und der Hafen vermissen die lu­krativen Geschäfte mit der Zulieferung für Kreuzfahrtschiffe. Diese Vernetzungen treffen die gesamte Wirtschaft.

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Wann und ob der Tourismus jemals auf die alten Wachstumspfade zurückfinden wird, steht noch dahin. Die Weltorganisation für Tourismus wagt derzeit nicht einmal eine Prognose, sondern nur Szenarien. Sie hält Rückgänge von minus 58 Prozent bis minus 78 Prozent für möglich. „Es wird definitiv wieder aufwärtsgehen, aber es ist eher ein Marathonlauf und kein Sprint“, prognostiziert Otremba. Anstrengend und kräftezehrend wird es allemal.