Denkfabrik

Rickmers will Hamburg zu intellektueller Weltstadt machen

Erck Rickmers (v.l.n.r.), Wilhelm Krull, Maja Göpel und Christoph Gottschalk in einem der Gebäude, die schon ab dem kommenden Jahr die Denkfabrik "The New Institute" beherbergen sollen.

Erck Rickmers (v.l.n.r.), Wilhelm Krull, Maja Göpel und Christoph Gottschalk in einem der Gebäude, die schon ab dem kommenden Jahr die Denkfabrik "The New Institute" beherbergen sollen.

Foto: Michael Rauhe / HA

Mit dem "New Institute" will Erck Rickmers Geistesgrößen aus aller Welt in die Stadt locken und Lösungen für globale Probleme suchen.

Hamburg. Seltsam unscheinbar liegt das Gebäude-Ensemble in der Warburgstraße. Eine klassizistische Villa reiht sich an die nächste, aber alle sind ein wenig grau geworden, in die Jahre gekommen. Eine Tafel kündet vom zweiten Platz beim Fassadenpreis anno 1976 – danach hielten sich die Eigentümer offenbar mit Investitionen zurück. Die Straße ist eher Parkraum denn Lebensraum.

Nur ein paar Lieferwagen von Handwerkern, Baulärm und Absperrgitter künden davon, dass dieses Ensemble nicht mehr lange unscheinbar bleiben wird. Ganz im Gegenteil: Von hier aus, von der Ecke Alsterterrasse bis zu Warburgstraße 22, will Hamburg in die Welt strahlen. Hier soll ein Leuchtturm für visionäres Denken, eine Plattform für den gesellschaftlichen Wandel entstehen.

Erck Rickmers gründet eine Denkfabrik

Initiator des ambitionierten Vorhabens ist der Hamburger Unternehmer Erck Rickmers. Der 56-Jährige gründete 1992 das Emissionshaus Nordcapital und sechs Jahre später die Reederei E.R. Schiffahrt, die er 2018 verkaufte. Schon vorher hatte er sich aus dem aktiven Management zurückgezogen. Was treibt einen Schifffahrtsmanager in die Wissenschaft, was verwandelt einen Unternehmer in einen Mäzen? „Die Welt verändert sich in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit“, sagt Erck Rickmers mit Blick auf Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung und Klimawandel. „Deshalb müssen wir unsere Gesellschaft und die Welt verändern.“

Bei sich selbst fing er an: Zwischen 2015 und 2017 zog sich der Unternehmer nach Santa Barbara an der amerikanischen Westküste zurück, um Religionswissenschaften zu studieren. Dort kam ihm in einer schlaflosen Nacht im Februar 2016 die Idee zur Gründung eines neuen Instituts.

Die neun großbürgerlichen Villen werden verbunden

Heute, viereinhalb Jahre später, steht er mit Christoph Gottschalk, einem der Geschäftsführer des neuen Instituts, im zentralen Raum des zukünftigen Institutsgebäudes für Arbeit und Forschung. Der Hallerbau aus den Jahren 1870 bis 1873 sticht mit seinen mächtigen Säulen schon architektonisch heraus: Ein großzügiger Raum unter Stuckherrlichkeit, der mächtige Erker mit großen halbrunden Fenstern führt hinaus in die überraschende Großzügigkeit des Stadtgartens.

In diesem Bau mit der Hausnummer 18, einst errichtet für den Hamburger Senator William Henry O’Swald, lässt sich das Kommende schon ahnen. An den Wänden der großbürgerlichen Villa hängen die Pläne des Architekturbüros Tim Hupe, mit dem Finger können die Besucher schon heute durch die neun Gebäude von morgen huschen.

Rickmers wollte sein Institut eigenlich in Berlin oder Venedig gründen

Es war das Glück für Erck Rickmers und für Hamburg, dass dieses Ensemble auf den Markt kam. Eigentlich hatte sich Rickmers zunächst eher Berlin oder Venedig als Standort für das internationale Institut vorgestellt. „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“, sagt er zur Standortwahl. In Venedig liebäugelte er mit einem alten Kloster. In Berlin hatte er schon vor zweieinhalb Jahren seine Stiftung Humanities & Social Change präsentiert, die mehrere Forschungszentren in aller Welt finanziert, darunter an der Humboldt-Universität.

Doch dann fand er den Genius Loci ausgerechnet in seiner Heimatstadt unweit der Alster. Am 101. Geburtstag seines verstorbenen Vaters im November 2018 war Notartermin: En bloc erwarb er neun Gebäude, 6000 Quadratmeter in bester Lage mit dem besonderem Charme der Gründerzeit.

Die Stiftung zum Institut plant mit jährlich acht Millionen Euro

Nun schwebt Rickmers eine intellektuelle Gründerzeit vor: „Die Welt ist in der Krise“, sagt der Vater von fünf Kindern. „Wir sind brutal auf Abwegen und müssen in den kommenden 20 Jahren die Konditionen unserer Gesellschaft neu verhandeln.“ Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, etwas zu bewegen.

Und es bewegt sich schon einiges an der Alster. Die Vorbereitungen für das Institut, das im September 2021 seine Arbeit an der Warburgstraße aufnehmen soll, laufen auf Hochtouren. Derzeit arbeiten zehn Personen in dem großzügigen offenen Büro in der Innenstadt. Gründungsdirektor wird der renommierte Wissenschaftler Wilhelm Krull. Als Geschäftsführer fungiert Christoph Gottschalk, ehemaliger Partner und Leiter des Hauptstadtbüros der Kommunikationsberatung Kekst CNC und früherer Berater des französischen Premierministers; für die Finanzen ist Anke Hennings zuständig. Die Stiftung The New Institute Foundation plant mit einem jährlichen Fördervolumen von acht Millionen Euro.

Maja Göpel will Brücken "zwischen Disziplinen und politischen Lagern" bauen

Maja Göpel, die derzeitige Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung wird im November 2020 dazustoßen und dem Institut ein Gesicht geben. Die bekannte Sachbuch-Bestsellerautorin („Unsere Welt neu denken“) wird Wissenschaftliche Direktorin. „The New Institute ist für mich ein ideales Forum, um auf der Basis akademischer Exzellenz Brücken zu bauen zwischen Disziplinen und politischen Lagern“, sagt Göpel. „Mit Mut, Optimismus und Kreativität wollen wir in Zeiten großer Verunsicherung Wege für eine positive Zukunft aufzeigen.“

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Erck Rickmers war immer ein politischer Mensch: Für die SPD saß er zwischen 2011 und 2012 in der Bürgerschaft, zwischenzeitlich spielte er mit dem Gedanken, in die Bundespolitik zu wechseln. Die Schifffahrtskrise machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Doch der Wunsch, die Welt besser zu verstehen, blieb. „Dafür ist das Studium der Religionswissenschaft keine schlechte Ausgangsbasis“, erzählt er im Gespräch mit dem Abendblatt. Rickmers ist kein gläubiger Mensch, bezeichnet sich selbst als Atheist. Er ist Zweifler und Suchender zugleich: „Der Kapitalismus als Religion hat die Welt nicht besser gemacht“, sagt der Unternehmer. Aber er glaubt fest daran, dass ein Wandel möglich ist – und nötig. „In vielen Bereichen wird systemischer Wandel für die Menschheit zu einer Existenzfrage.“

Wilhelm Krull: "Wir müssen eine einfache, verständliche Sprache sprechen"

„Wir müssen das Steuer herumreißen, unser Denken und unser Verhalten ändern. Denn unsere Form des Wirtschaftens und unser Ressourcenverbrauch sind nicht nachhaltig“, sagt Wilhelm Krull. „Uns schwebt ein Denkraum vor, der neue Kreativität, neue Assoziationen, neue Gedanken ermöglicht und praktikable Lösungen vorschlägt.“

Krulls Verpflichtung zeigt, wie ernst es Rickmers ist: Der 68-Jährige gilt als „Vordenker im Wissenschaftssystem“ (FAZ), von 1996 bis 2019 leitete er als Generalsekretär die Volkswagen-Stiftung, von 2008 bis 2014 war er zudem Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. „Uns bewegen die Fragen: Was sind Werte? Wie gelingt eine bessere Partizipation und wie schaffen wir die Transformation in den Alltag?“ Wichtig sei ihm, das Institut zur Welt hin zu öffnen. „Wir müssen eine einfache, verständliche Sprache sprechen“, sagt Krull. So wird die Website immer auch neben der englischen Arbeitssprache auf deutsch verfügbar sein.

Hamburg soll vom neuen Institut profitieren – als "Labor und Inkubator"

Das Institut will „Inseln des Gelingens zu schaffen“, so Krull. Dabei soll eine lokale Vernetzung die Denkfabrik in der Stadtgesellschaft verankern. „Hamburg kann ein Labor und ein Inkubator unserer Denkanstöße sein.“ Die Stadt soll von den brillanten Köpfen profitieren – und die Denker sollen von Hamburg profitieren.

So wirkt die Digitalexpertin Francesca Bria bald am Aufbau des Instituts mit. Sie hat Barcelona zu einem digitalen Vorzeigeort gemacht und bringt ihr Wissen nun in die Hansestadt. Rickmers hat sich zum Ziel gesetzt, den Wissenschaftsstandort Hamburg mit seinem Institut zu stärken. Auf der Webseite des neuen Instituts ist von einer „Neuen Hanse“ die Rede, von einem kreativen Netzwerk aus Metropolen wie Helsinki, Kopenhagen oder Amsterdam.

Bürgermeister und Wissenschaftssenatorin sind begeistert

Begeistert fallen die Reaktionen der Politik aus: „Hamburg ist eine weltoffene Metropole, in der sich neue Entwicklungen und die Herausforderungen der Zukunft früher zeigen als anderswo. Dadurch sind wir auch früher in der Lage, Probleme zu erkennen und Lösungen zu entwickeln, um den gesellschaftlichen Wandel und das Leben der Menschen zu verbessern“, sagt Bürgermeister Peter Tschentscher.

„Auf diesem Weg ist The New Institute ein wichtiger Partner und Ideengeber.“ Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank freut sich auf „ein exzellentes Forschungsnetzwerk, das den internationalen Austausch zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen vorantreiben wird“. Das Institut könne eine „wichtige Brücke zwischen Forschung und Praxis einnehmen.“

Manches im „New Institute“ wirkt wie ein säkulares Kloster

Schön wird diese Brücke zweifellos. Alle Häuser entstammen der Gründerzeit und werden nun in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt restauriert und umgestaltet. Dabei werden neue Räume für neues Denken geschaffen – manches wirkt wie ein „säkulares Kloster“. Eine große Bibliothek ist geplant; ein großer Speisesaal, Rickmers nennt ihn Refektorium, soll den Austausch zwischen den Wissenschaftlern befördern.

Die Küche soll täglich 60 Personen versorgen können, bei Veranstaltungen bis zu 200. Eine Art Club mit Lounges und Billardtisch wird das Wohnzimmer des neuen Instituts, ein früherer Kolonialwarenladen an der Ecke Alsterterrasse/Warburgstraße könnte ein Fenster zur Stadt werden – vielleicht mit einem Buchladen. 35 Wohneinheiten entstehen über die Gebäude verteilt, von der kreativen WG bis zur Familienwohnung. „Wir wandeln rund 1000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, die bislang gewerblich genutzt wurden, in Wohnraum um“, verspricht Rickmers.

Die Altbauten sollen sorgsam restauriert werden

Auch besondere Grundrisse, etwa die Verbindung von Arbeits- und Badezimmer, schweben Rickmers vor. „Wir haben uns auf den Boden gelegt und die Decken sprechen lassen“, erzählt er. Manche Böden mussten wie von Archäologen abgetragen werden. Unter mehreren Schichten von Teppichen, Linolböden und Klebern traten dann Dielenböden der Gründerjahre zu Tage. Diese Kostbarkeiten sollen nun wieder herausgearbeitet werden.

Wenn die Häuser an der Warburgstraße sprechen könnten, sie hätten vieles zu erzählen von Aufstieg, Niedergang und dem permanenten Wandel, wie nachträglich Badezimmer eingepflanzt wurden, Lichthöfe zugebaut oder Decken abgehängt wurden. Probebohrungen in den Außenwänden zeigen schon, wo bald Durchbrüche die Häuser verbinden sollen. In einer Ecke liegen ausgebaute Dielen, fein säuberlich nummeriert, um sie später wieder einzusetzen.

Rickmers setzt auf den Charme des Ortes

Auch der Garten soll eine Funktion bekommen – als kreativer Ort, als Rückzugsraum, als Gedankengarten. Der Dummy eines Pavillons schmiegt sich an die Rückwand des Bürogebäude von BAT, eine großzügige Terrasse soll mehrere Häuser verbinden. „Uns geht es auch um ein Naturerlebnis“, sagt Christoph Gottschalk. Rickmers kann sich dort ein begehbares Gerüst vorstellen.

Er will die Fellows, die Denker aus dem In- und Ausland, mit dem Charme des Ortes begeistern: „Man muss wissen, dass diese Wissenschaftler weltweit umworben werden. Unser Argument sind die besonderen Räume, das Umfeld“, sagt er. „Wir wollen die Menschen nicht kaufen, sondern überzeugen.“ Für die Forscher, die einige Wochen oder auch ein bis zwei Jahre nach Hamburg kommen, werden den jeweiligen Universitäten die Kosten erstattet und darüber hinaus Flug und Unterkunft übernommen, hinzu kommt ein Taschengeld „für Brot und Butter“, wie es Rickmers ausdrückt. Man wird in Hamburg nicht reich an Geld, sondern an Erfahrung.

Erste Wissenschaftler haben bereits zugesagt

Das Konzept scheint aufzugehen. Auch wenn der Startschuss erst in einem Jahr fällt, hat das New Institut schon internationale Geistesgrößen verpflichtet. Fest zugesagt haben renommierte Wissenschaftler wie der Kulturtheoretiker Homi Bhabha (Havard), der Philosoph Markus Gabriel (Universität Bonn) oder der Finanzwissenschaftler Colin Mayer (Oxford).

Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers von der Berliner Humboldt-Universität wird ebenso zeitweise nach Hamburg kommen wie der frühere Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, oder der bekannte Migrationsexperte Paul Collier aus Oxford. Sie alle werden in Symposien und mit Vorträgen, aber auch in vertraulichen Gesprächsrunden ihr Wissen teilen und gemeinsam wissenschaftliche Konzepte erarbeiten und den gesellschaftlichen Wandel gestalten.

Rickmers: "Das ist kein Sprint, das ist ein Marathon"

„Das ist kein Sprint, das ist ein Marathon. Jetzt fällt der Startschuss, jetzt laufen wir los“, sagt Rickmers. Zugleich bittet er, angesichts der großen Pläne das neue Institut nicht mit Erwartungen zu überfrachten. „Ein solches Projekt macht man nicht ohne Selbstzweifel“, gibt er zu. Aber Zweifel waren stets Triebfeder der Wissenschaft.

Und blickt man auf die Baustelle an der Warburgstraße, ist Zuversicht gestattet. Eine solche Denkfabrik sucht deutschlandweit ihresgleichen, vielleicht sogar weltweit. „Wir verbinden im Herzen Hamburgs Wissenschaftler mit Künstlern, Aktivisten, Unternehmern, Politikern und Journalisten“, sagt Gottschalk. „Das ist ungewöhnlich. Von Hamburg aus geht so ein Signal des Wandels in die Welt.“