Altstadt

Hamburgs älteste Hafentreppe ausgegraben

Zwei Archäologinnen arbeiten in der Grabungsstelle „Neue Burg“. Der Straßenname erinnert noch heute an die im Boden verborgene Festung.

Zwei Archäologinnen arbeiten in der Grabungsstelle „Neue Burg“. Der Straßenname erinnert noch heute an die im Boden verborgene Festung.

Foto: Markus Scholz / dpa

Sie führte vom Wall der damaligen Neustadt zu den Schiffen. Ausstellung im Mahnmal St. Nikolai zeigt weitere Fundstücke.

Hamburg.  Ein tönernes Holzpferd, mit dem Kinder im Mittelalter gespielt haben, vermutlich genauso wie Kinder heute mit Playmobil. Durch Löcher am Hals ließen sich Stäbe oder Fäden führen. Bewegten die Kinder diese, sprangen die Pferde umher. Oder der zarte Lederschuh beziehungsweise das, was von ihm übrig blieb, und das Fragment eines Grabsteins, auf dem lediglich ausgerechnet die Silbe „Arsch“ erhalten geblieben ist. Solche und andere Zeugen von Hamburgs Vergangenheit sind von heute an im Kellergewölbe unter dem Mahnmal St. Nikolai bis zum 22. November zu sehen. Diese und andere Funde geben Aufschluss über das mittelalterliche Leben in der damaligen Hamburger Neustadt.

Das Spielzeug, der Grabstein, der Schuh – sie sind Stücke, die Archäologen des Archäologischen Museums Hamburg bei mehreren Ausgrabungen am Nikolaifleet gefunden haben. In der Innenstadt haben Archäologen jetzt zudem östlich der Kirche auch die älteste bekannte Hafentreppe der Stadt freigelegt. Sie führte im Mittelalter von der Neustadt rund um die St.-Nikolai-Kirche zum Hafen, der damals noch an der Alster lag.

Einzigartiges Bodendenkmal

Wie breit die Treppenstufen waren, lasse sich aber nicht rekonstruieren, sagt Grabungsleiter Kay-Peter Suchowa, weil sie teilweise außerhalb der Baugrube liegen. Neben der Treppe könnte sich eine breitere Twiete für den Warentransport befunden haben. Die Hafentreppe liegt allerdings unter der Straße „Neue Burg“, die auch künftig als Zufahrt gebraucht werde. Deshalb wird die Hafentreppe in etwa drei Wochen wieder mit Sand zugeschüttet

Das Gebiet im Herzen der Stadt ist ein einzigartiges Bodendenkmal. In der Ausstellung „Ausgegraben. Archäologische Forschungen zur Nikolaikirche“ können die Besucher nun erstmals einen exklusiven Blick auf die Funde und die Ergebnisse der Forschungen erhalten. Die Stücke stammen aus der großen archäologischen Ausgrabung an der früheren Neuen Burg nahe der Nikolaikirchen-Ruine, die demnächst nach fast einem Jahr zu Ende geht. Die Gegenstände geben einen spannenden Einblick auf das Leben in Hamburg vor 1000 Jahren .

Ältere Nikolaikirche wurde beim Großen Brand von Hamburg 1842 stark beschädigt

Ganz in der Nähe des heutigen Mahnmals St. Nikolai gab es die noch ältere Nikolaikirche, die beim Großen Brand von Hamburg 1842 so stark beschädigt wurde, dass sie abgerissen wurde. „Schon damals dachten die Hamburger groß und bauten eine neue größere Kirche auf“, sagt Rainer-Maria Weiss, Hamburgs Landesarchäologe und Direktor des Archäologischen Museums Hamburg. Der mittelalterliche Kern Hamburgs sei nach dem Großen Brand 1842 „vollständig wegradiert“ worden. Nach dem Großen Brand wurden die alte Kirche und die umliegenden Häuser abgerissen und daneben 1874 die neugotische St.-Nikolai-Kirche errichtet. Zeitweise war sie das höchste Gebäude der Welt.

Doch auf die kleinere Hauptkirche aus dem Mittelalter deutet heute nichts mehr hin. Oberhalb des Bodens jedenfalls nicht. Unter der Erde aber schon: Dort sind Reste der 1195 zum ersten Mal schriftlich erwähnten ursprünglichen Kirche St. Nikolai erhalten, die kaum jemand kennt und die die Vorgängerin der Hauptkirche St. Nikolai – dem heutigen Mahnmal – am Hopfenmarkt war.

Die letzten Geheimnisse von St. Nikolai

Die Geschichte der ursprünglichen Kirche St. Nikolai, die zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert mehrfach baulich erweitert wurde, hat etliche Geheimnisse. So ist beispielsweise ihr Gründungsdatum ebenso unsicher wie die Datierung ihrer Erweiterungen.

„Mit dieser Ausstellung blättern wir weit in die Geschichte der Kirche zurück“, sagt Dörte Huß, Geschäftsführerin des Vereins Mahnmal St. Nikolai. Die Schau ist eine Kooperation zwischen dem Verein, dem Archäologischen Museum und der Landeszentrale für Politische Bildung. Und wer in der Geschichte der Kirche zurückblättert, erhält spannende Einblicke in das damalige Leben der Menschen. „Wir hoffen, dass wir mit dieser Ausstellung möglichst viele Hamburger ansprechen können“, sagt Rainer-Maria Weiss.

Holz ist gut erhalten

Die Archäologen um Ausgrabungsleiter Kay-Peter Suchowa sind auch auf die hölzernen Fundamentreste der alten Kirche St. Nikolai gestoßen. Weil der Abriss der alten Nikolai-Kirche nach 1842 gut dokumentiert wurde, konnten bei Grabungen 2006 und 2014 die Fundamente freigelegt werden. Die Kirche stand auf mehreren Hundert Erlenpfählen. Weil der Boden hier sehr feucht ist, sind diese immer noch gut erhalten.

Ein Teil eines dieser mächtigen Holzpfähle ist auch in der Ausstellung anzuschauen. Dieser Erlenstamm war Teil der Fundamentierung eines Backsteinpfeilers der gotischen Nikolai­kirche­­. Er wurde, das verraten die Jahrringe, im Jahr 1260 gefällt. Das bedeutet demnach, dass der Pfeiler und damit das Kirchenschiff erst danach errichtet worden sein können. „Das Holz ist so toll erhalten, dass es sich jahrgenau datieren lässt“, sagt Museumsdirektor Weiss. Damit der Besucher die Jahrringe besser erkennen kann, ist eine Seite glatt poliert worden. Fertig sind die Experten mit den Ausgrabungen noch nicht. „Wir knabbern uns nach und nach weiter an das Fundament von St. Nikolai“, sagt Weiss. Was so spannend daran ist: „Diese Grabungen geben uns Einblicke in die Gemeinde St. Nikolai.“ Das Leben der Menschen von St. Nikolai ist nirgends dokumentiert. Wie lebten sie, wie war ihr Alltag? Das beleuchten die Funde der Ausgrabungen nun.

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Da ist auch die Henkelkanne, die im Mittelalter als Schankgeschirr zu Tisch diente, um Wasser oder Wein auszuschenken. Die Lederreste aus einer Schuhmacherwerkstatt und eine Gerbergrube aus dem 12. Jahrhundert sind Belege für das enge nachbarschaftliche Miteinander von Kirche, Handwerk und Bürgertum.(

Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr. 5 Euro Eintritt, ermäßigt 4 Euro. Gewölbekeller des Mahnmals St. Nikolai, Willy-Brandt-Straße 60