Hirntumor der Tochter

Dr. Wimmer: "Ich würde mein Leben für ihres geben"

"Die Krankheit ist wie ein riesiges Schiff, und im Kielwasser dieses Schiffes kommt alles zum Stillstand. Es ist Totenstille und es geht eigentlich nichts mehr": Die kleine Tochter von Dr. Johannes Wimmer (Archiv) ist lebensbedrohlich an einem Hirntumor erkrankt.

"Die Krankheit ist wie ein riesiges Schiff, und im Kielwasser dieses Schiffes kommt alles zum Stillstand. Es ist Totenstille und es geht eigentlich nichts mehr": Die kleine Tochter von Dr. Johannes Wimmer (Archiv) ist lebensbedrohlich an einem Hirntumor erkrankt.

Foto: Klaus Bodig / HA

Hamburger Arzt Dr. Johannes Wimmer rührt mit Ausführungen zu seinem lebensbedrohlich erkrankten Kind in Talkshow zu Tränen.

Hamburg. Eine Woche, nachdem Dr. Johannes Wimmer den Hirntumor seiner kleinen Tochter öffentlich gemacht hat, hat der Hamburger Fernseh-Arzt (NDR/YouTube) erstmals ausführlicher über die lebensbedrohliche Erkrankung des sechs Monate alten Babys gesprochen.

"Ihr geht es nicht gut", berichtete der 37-Jährige am Freitagabend in der NDR-"Talkshow" über sein Kind, das seit mehreren Wochen auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) behandelt wird. "Momentan sind wir von der Möglichkeit, überhaupt eine Chemotherapie beginnen zu können, sehr weit entfernt."

Dr. Wimmer: 85 Prozent der Kinder sterben

Sein Mädchen leide an einem "seltenen, sehr aggressiven bösartigen Hirntumor", erzählte Wimmer Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt. "Es gibt wissenschaftliche Zahlen, die sagen, dass 85 Prozent der Kinder es nicht schaffen."

Er würde wie jeder Vater auf der Welt "ohne mit den Augen zu zwinkern tauschen, ihr das Leid abnehmen und mein Leben für ihres geben", sagte der dreifache Familienvater, der seine jüngste Tochter so oft wie möglich besucht – und ihr dabei unter anderem auch eine Spritze in die Magensonde gibt, um sie zu nähren.

Bei Kuchen-Anekdote stockt Dr. Wimmer die Stimme

"Wir glauben, dass sie uns erkennt, aber sie kann es uns nicht zeigen", sagte Wimmer über die Besuche bei seinem kranken Kind. Die Situation nage an der ganzen Familie. "Das Schlimme ist, dass diese Tragödie so viele Menschen einschließt: Die Mutter des Kindes leidet unglaublich. Sie hat Geschwister, die es sehr schwer haben. Ich leide auch."

Als seine Tochter gerade ein halbes Jahr alt geworden sei, habe ihre Schwester einen Kuchen für die Station gebacken, erzählte Dr. Wimmer mit stockender Stimme. "Wir waren noch nie so nah zusammen und noch nie so weit voneinander entfernt", sagte Wimmer wiederum über das "schwingende" Pendel, das sein Eheleben bestimme. "Irgendwann, wenn die Kraft weg ist, findet man mal den falschen Ton und dann entlädt sich auch viel."

Dr. Wimmer befolgt einen eigenen Arzt-Rat

Um der "endlosen" Tage Herr zu werden, helfe eine gute Organisation, sagte der Mediziner. Nach einer Woche auf der Intensivstation habe er daran denken müssen, was er seinen eigenen Patienten stets gepredigt habe: "Der Tag braucht Struktur, der Tag ist unendlich lang, es heißt 'warten, warten, warten'."

Inzwischen könne er auch Kraft aus Alltagssituationen wie Brötchen kaufen oder banalen Späßen mit dem Familienhund ziehen. Auch reden helfe, bekannte Wimmer – ein Grund, weshalb er sich überhaupt erst dazu entschlossen habe, nach sämtlichen Terminabsagen und einer verschobenen Buch-Veröffentlichung wieder einen öffentlichen Auftritt wahrzunehmen.

Kinderklinik "raunzte" Dr. Wimmer an

In der NDR-"Talkshow" führte Dr. Wimmer, der für seine Tochter seinen Job am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin aufgegeben hatte, auch aus, wie es zur Tumor-Diagnose gekommen war. Angefangen habe alles mit vermehrtem Spucken. "Ich habe das Bauchgefühl gehabt: Da stimmt irgendwas mit dem Kind nicht", erinnerte sich der TV-Arzt.

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Daraufhin sei er an einem Sonntagabend mit seiner Tochter in eine "renommierte" Hamburger Kinderklinik gegangen. Dort sei er zunächst "angeraunzt" worden, was er dort um 21.30 Uhr mit einem spuckenden Baby wolle. "Ich habe dann sehr deutlich gesagt, dass ich dieses Kind sehr gut kenne und es mir medizinisch zutraue, einzuschätzen, ob mit dem Kind alles stimmt oder nicht."

"Da wusste ich, dass es definitiv nicht gut ist"

Nach einer Blutuntersuchung sei der Säugling zunächst "quietschfidel" entlassen worden. Doch das ungute Gefühl blieb, bis sich am darauffolgenden Tag tatsächlich typische Hirndruckzeichen inklusive eines starren Blicks bemerkbar gemacht hätten. "Und da wusste ich, dass es definitiv nicht gut ist", sagte Wimmer.

Deshalb sei er erneut schnell mit dem Kind in die Klinik gefahren, wo diesmal aufgrund des Zustandes seiner Tochter umgehend eine Magnetresonanztomographie (MRT) begonnen wurde. "Das hat zu lange gedauert", erinnerte sich der erfahrene Radiologe: "Da wusste ich schon, es werden Extra-Sequenzen gefahren, dass man noch mehr sieht."

Die Blicke der Ärzte hätten ihm außerdem verraten, "dass es nicht gut ist". Der Hirntumor sei schließlich noch am selben Tag nach einer Notverlegung ins UKE operiert worden. Dort habe sein Kind zwischenzeitlich sehr lange im künstlichen Koma gelegen.

Dr. Wimmer rührt mit Tauf-Erzählung

Kurz zuvor hatten sich die Eltern noch zu einer Blitz-Taufe ihrer Tochter entschlossen, mit deren Erzählung Dr. Wimmer nicht nur die anderen Studiogäste wie Entertainerin Mirja Boes zu Tränen rührte. Für das Ritual sei extra die Pastorin angereist, die bereits seine Frau konfirmiert hatte, erzählte Wimmer.

Als diese mit dem Taufspruch "Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her" (Mose, 23) zur Tat schreiten wollte, seien plötzlich "zu viele Leute in blauer Kleidung in diesem Zimmer" herumgestanden. Der Grund: Für seine Tochter sollte eine Not-MRT mit anschließender Not-OP angeordnet werden.

Dr. Wimmer will von Intensivpatienten lernen

"Dann habe ich zum Chefarzt gesagt: 60 Sekunden gehören uns", erzählte Wimmer. Trotz Bedenken eines anderen Arztes habe der Chefarzt die Zeit eingeräumt – beendet war die Taufe dann schließlich nach 45 Sekunden. "Zum 'Vater Unser' bin ich schon wieder raus", berichtete Katholik Wimmer, der im Alter von vier Jahren selbst seinen Vater verloren hatte.

Über dessen Tod habe er damals nicht viel reden können, sagte Wimmer. In der jetzigen Situation möchte er hingegen auch aus der Kommunikation neuen Mut schöpfen. Und sich dabei auch ein Beispiel an den kleinen Patienten auf der Intensivstation des UKE nehmen. "Die Kinder gehen, schieben oder rollen mit einer Würde durch die Gegend, davon können wir alle noch lernen."