Dr. Johannes Wimmer

Fernseharzt: „Mancher Virologe hat sich hinreißen lassen“

| Lesedauer: 7 Minuten
Vanessa Seifert
Dr. Johannes  Wimmer hat bei Asklepios und am UKE gearbeitet.

Dr. Johannes Wimmer hat bei Asklepios und am UKE gearbeitet.

Foto: Peter Lund

Dr. Johannes Wimmer über seine neue Sendung, das männliche Gehirn, den Umgang mit Corona und warum er gerne Cola trinkt.

Hamburg.  Mit seinen Erklärvideos im Internet wurde Dr. Johannes Wimmer zu einem der bekanntesten Mediziner Deutschlands. Heute um 21 Uhr zeigt das NDR-Fernsehen die erste Folge der neuen Gesprächsreihe „Dr. Wimmer – Wissen ist die beste Medizin“. Anlass genug, um mit dem 37-jährigen Hamburger zu sprechen.

Hamburger Abendblatt: Warum braucht es jetzt noch dieses Format? Sind die anderen Medizinsendungen zu langweilig?

Dr. Johannes Wimmer: Es braucht auf jeden Fall genau dieses Format, einen Medizin-Talk, in dem Ärzte auch mal sagen, was sie persönlich machen, damit der Urlaub entspannt wird. In anderen Medizinsendungen geht es oft viel zu sehr um die trockenen Fakten. Das ist zwar dann alles korrekt wissenschaftlich erklärt, aber es bleibt nichts hängen. In meiner Sendung sprechen wir offen und ehrlich mit medizinischen Profis, Patienten und Promis und erklären dabei alles so, dass es jeder versteht.

Sie sind also ein bisschen der junge Eckhart von Hirschhausen?

Wimmer: Ich kann nicht so gut zaubern wie er (lacht). Den Vergleich sehe ich erst mal als Kompliment an. Eckhart hat eine nicht wegzudenkende Leichtigkeit in die Medizin gebracht. Mir ist als erster Schritt wichtig, Medizin so zu erklären, dass es wirklich jeder versteht. Der zweite Schritt ist, meine Zuschauer zu motivieren, für sich eine Entscheidung zu treffen: Möchte ich etwas in meinem Leben verändern?

Was ist Ihre persönliche Lieblingsfolge?

Wimmer: Es gibt in jeder Folge ganz besondere Momente. Mit einem Gast habe ich mich sogar zusammen durchs Medizinstudium gequält, da sind dann auch einige herrliche Geschichten dabei … Aber alle vier Folgen liegen mir am Herzen.

Was sind denn die häufigsten Medizin-Mythen, über die Sie aufklären?

Wimmer: Wir klären viele Mythen auf! Dr. Anne Fleck erklärt zum Beispiel, warum kleine Mahlzeiten angeblich gesund sind. Es geht auch darum, ob bei Herzproblemen wirklich nur Ruhe hilft und um die ganzen Mythen, die sich um das Entfernen einer Zecke spinnen. Natürlich sprechen wir auch darüber, wie man es richtig macht. Die Gäste verraten dazu auch ihre ganz persönlichen Tipps.

Es geht ja auch um die Droge Zucker. Wie konsequent sind Sie persönlich?

Wimmer: Zucker ist die Lieblingsdroge von uns Menschen und klar, ich werde da auch ab und zu schwach. Aber es ist eben ein Unterschied, ob ich Zucker in jeden meiner Kaffees schütte, jeden Abend vor dem Fernseher die Packung Süßigkeiten inhaliere oder ob ich es als Genussmittel sehe. Süßstoffe machen es übrigens nicht besser. Ich bin übrigens dann auch konsequent, wenn ich mir mal eine Cola gönne. Das ist dann für mich wie eine Süßigkeit, und dann darf da auch Zucker drin sein, nach dem Motto: Wenn schon sündigen, dann richtig! (lacht) Das ist dann aber eine bewusste Entscheidung.

Klaus, also der von der Nordseeküste, ist auch in Ihrer Sendung zu Gast. Ohne den anderen Klaus, dafür mit seiner Frau ...

Wimmer: Ja, Klaus und seine wundervolle Frau Ilona sprechen über Unterschiede zwischen Mann und Frau. Oft ist es doch so, dass man sich gegenseitig mit Vorwürfen überschüttet, weil man den anderen einfach nicht versteht. Bei Ilona und Klaus ist es so, dass sie zwar gegenseitig ihre Sätze beenden können, sich aber eben auch immer wieder an ihren Unterschieden reiben. Bald steht ihre Perlenhochzeit an, und sie gönnen uns private Einblicke in Situationen, über die beide für sich sagen: Klar, wir sind sehr unterschiedlich! Da wird sehr viel gelacht, aber auch viel gelernt. Ein kleines Beispiel ist, dass das männliche Gehirn zwar größer und schwerer ist als das der Frau, es aber, jetzt müssen die Männer tapfer sein, auf die Größe nicht ankommt.

Werden Sie oft „konsultiert“ – zum Beispiel beim Einkaufen?

Wimmer: Oh ja! Ich werde sehr häufig angesprochen, aber eher so im Vorbeigehen. Die Menschen grüßen sehr herzlich, manchmal auch ein wenig respektvoll, so ein bisschen, wie man früher auf dem Dorf den Landarzt gegrüßt hat. Oft wird dann auch gesagt, dass wir uns doch gerade gestern erst wiedergesehen hätten. Anfangs habe ich dann immer noch verunsichert gefragt, wo das gewesen sein könnte. Die Antwort ist dann immer: Na, im Fernsehen! Übrigens bringen Sonnenbrille und Mütze nichts. Sobald ich den Mund aufmache, drehen sich Leute um. Scheinbar habe ich eine prägnante Stimme, die mich verrät.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Wie haben Sie den „Virologen-Wettstreit“ während der Corona-Krise wahrgenommen?

Wimmer: Ich habe größten Respekt vor den wissenschaftlichen und medizinischen Leistungen der Virologen, die man in den Medien antrifft, aber genauso auch für diejenigen, die nicht Dauergäste in Talkshows sind. Bei einigen Kollegen hat man gemerkt, dass sie die Tragweite ihrer Medienauftritte unterschätzt haben und sich das ein oder andere Mal doch etwas haben hinreißen lassen. Medizin ist kein Wettkampf, in dem wir gegeneinander antreten, das müssen einige Virologen, die sich dem Wettstreit etwas übereifrig hingegeben haben, vielleicht noch verstehen.

Teilen Sie die Befürchtung mancher Mediziner vor einer zweiten Corona-Welle?

Wimmer: Wenn eine zweite Welle kommt, mache ich mir vor allem Sorgen um die Politiker. Denn die Bürger werden nicht einfach so hinnehmen, dass man dann scheinbar alles falsch gemacht hat, obwohl man es besser gewusst hätte. Am Anfang waren wir, wie alle anderen Länder auch, zu langsam, aber wenn wir jetzt, nach all den Maßnahmen, wieder wochenlang zu Hause eingesperrt werden sollen, dann wird es unruhig werden.

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Wie beurteilen Sie aus ärztlicher Sicht den Umgang mit der Krise in Deutschland?

Wimmer: Ich habe unserem Gesundheitsminister schon Ende Januar im ZDF gesagt, dass er und seine Experten die Lage unterschätzen. Heute sind wir uns alle einig, dass wir zu langsam waren. Es gab keine Masken, Pläne wurden nicht umgesetzt, und die Menschen sind scherzhaft als Coronavirus verkleidet zum Karneval gegangen. Da hat sich nun wirklich keiner mit Ruhm bekleckert. Aber dann haben wir gezeigt, dass wir eben doch ein Land sind, das zusammenhält und sich anpassen kann. Kollegen aus den USA und China sind sprachlos, wie wir uns selbst und anderen geholfen haben und die Wirtschaft wieder hochfahren. Viele Experten hätten von den Deutschen wohl nicht so viel Flexibilität erwartet. Das ist aber nicht der Verdienst der politischen Entscheider, sondern der einzelnen Menschen, die sich um ihre Verwandten, Nachbarn, Mitarbeiter, Schüler und die eigenen Betriebe gekümmert haben.

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