Brauereien

Eine Hamburger Bierlegende wird 500 Jahre alt

Torge Ulke (l.) und Überquell-Gründer  Axel Ohm auf St. Pauli .

Torge Ulke (l.) und Überquell-Gründer Axel Ohm auf St. Pauli .

Foto: Matthias Iken (FMG)

Heinrich Knaust gilt als Erfinder des Bierreiseführers. Kurz vor seinem Geburtstag laden Brauer zum ersten „Hamburg Beer Weekend“.

Hamburg.  Hamburg ist manchmal eine vergessliche Stadt. Nur wenige wissen noch, dass Hamburg im Spätmittelalter als Brauhaus der Hanse galt – mit mehr als 500 Brauereien und einem Export von 150.000 bis 200.000 Hekto­litern versorgte die Elbmetropole Nordeuropa. Und fast völlig vergessen ist der Dramatiker, Theologe und Pädagoge Heinrich Knaust: Er wurde am 31. August 1520 in der Hansestadt geboren – und mit seinem Werk „Fünff Bücher – von der göttlichen und edlenn Gabe der philosophischen hoch-theweren und wunderbaren Kunst, Bier zu brawen“ schrieb er den ersten Bierreiseführer der Welt.

Das Buch in deutscher Sprache avancierte im 16. Jahrhundert zum Verkaufsschlager und wurde in mehreren Auflagen gedruckt. Heute ist es eine Rarität, die Axel Ohm, Gründer des Überquells auf St. Pauli, nach längerer Suche in einem Antiquariat für seine Brauwerkstätten gesichert hat – für damals 5000 Euro. „Hamburg hat eine Bier-DNA“, sagt Ohm. „Und der Hamburger Knaust hat das erste Bierbuch der Welt geschrieben. In den USA ist er bekannter als hierzulande“.

Um diese Ikone der Biergeschichte zurück ins Bewusstsein zu bringen, findet vom heutigen Donnerstag bis zum Sonntag das erste „Hamburg Beer Weekend“ statt. „Wir hatten schon vor Jahren die Idee, Knaust zu feiern und die alte Zeit in die neue zu übersetzen.“ Mit dem Fest wollen mehr als 20 kleine Brauereien und Biergaststätten an die große Geschichte erinnern – und an die lebendige Gegenwart. Mit dem Aufkommen der handwerklich geprägten Craft-Bier-Szene ist Hamburg wieder ein Mittelpunkt der kreativen Bierkultur in Deutschland geworden.

Hanseat Knaust lobt Hamburg in den höchsten Tönen

Der Kieler Torge Ulke hat sich dem vergessenen Bierexperten Knaust in seiner Abschlussarbeit gewidmet. Der angehende Gymnasiallehrer wollte ursprünglich selbst Brauwesen studieren und konnte sich nun wissenschaftlich seiner Passion widmen: „Knaust schreibt ziemlich gut“, erzählt Ulke. Man könne seine Texte trotz ihres Alters leicht verstehen. Insgesamt, so erzählt Ulke, habe Knaust 70 bis 90 Bücher geschrieben.

Der Sohn eines Goldschmieds verfasste etwa das 1541 erstmals aufgeführte Dreikönigsspiel, schrieb weitere Dramen über biblische Themen und lateinische Gedichte. Am besten aber verkauften sich die „Fünff Bücher“, der erste Bierführer der Weltgeschichte. Noch 34 Jahre nach dem Tod des Hamburgers, im Jahre 1614, erschien die vierte Auflage. „Knaust ist wegen seiner Leidenschaft für Bier viel gereist“, sagt Ulke. Seine Bücher halfen dem Theologen, diesen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren.

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Seine Heimatstadt, die er mit 17 Jahren verließ, lobt Knaust in den höchsten Tönen: „Es [das Hamburger Bier] gibt gute und gesunde Feuchtigkeit, macht gutes Blut und man kriegt davon eine schöne Farbe, denn man findet und sieht zu Hamburg täglich nicht allein gar schöne und feine Frauen und Jungfrauen von [schönen] Farben, sondern auch gar herzliche und wohlgestalte feine Junggesellen und Männer.“

Knausts „Königin der Biere“– ein Weizenbier – kommt auch aus Hamburg

Insgesamt beschreibt Knaust in „Fünff Bücher“ rund 150 Biersorten aus Deutschland und Europa. Seine „Königin der Biere“, ein Weizenbier, kommt auch aus Hamburg. Anders als die cleveren Bajuwaren glauben machen, stammt diese Spezialität aus der Hansestadt. Knaust widmet sich regionalen Sonderkreationen wie der Braunschweiger Mumme, einem süßlichen Dessertbier, oder der Goslarer Gose, einem Sauerbier. Auch das Einbecker Bockbier beschreibt Knaust – und damit eines der wenigen Biere und eine der wenigen Brauereien, die bis heute existieren.

Das wichtigste Kriterium für Knaust war der Alkoholgehalt – viele Umdrehungen galten damals als Qualitätsmerkmal. Schließlich wurde der Sud mitunter dreimal aufgesetzt – für Starkbier, Tafelbier und schließlich das alkoholarme Dünnbier. Eine weitere Empfehlung von Knaust klingt heute fast abenteuerlich: „Er schwärmte von Bier mit frischer friesischer Butter“, so Ulke.

Im Rahmen des Bierwochenendes wird Torge Ulke am Freitag im Überquell sein Wissen um Knaust präsentieren. Und weil Liebe bekanntlich durch den Magen geht, gibt es drei Spezialbiere unter dem Namen „Who the fuck ist Knaust?“ Braumeister Tobias Hess vom Überquell hat ein obergäriges Bier gebraut und den Sud wie damals üblich mit Meersalz, Kardamom, Lavendel und Wacholderbeere verfeinert. Sebastian Sauer von Freigeist Bierkultur hat ein Süßbier - eine sogenannte Braunschweiger Mumme – mit getrockneten Pflaumen, Wacholderbeeren, braunem Sirup und Holunderblüten kreiert, Nico Döring vom Atelier der Braukünste hat sich für ein Kartoffelweizen entschieden. Den Verfechtern des Reinheitsgebots mag sich bei Zutaten wie Majoran, Thymian oder Lavendel der Magen umdrehen – ein Blick in den Knaust aber zeigt, wie vielfältig die deutsche Braukunst einst war und nun langsam wieder wird.